Bedeutung von Depressionen bei organischen Krankheiten

Patienten mit einer depressiven Vorerkrankung scheinen im Vergleich zu Nicht-Depressiven ein mindestens 1,5fach höheres Risiko für somatische Erkrankungen mit einer notwendigen Krankenhausbehandlung zu haben. Dies zeigen Daten aus einer Multikohortenstudie.

Depression Frau

Etwa 5% der Allgemeinbevölkerung leiden an einer Depression. Bei Patienten mit chronischen Erkrankungen jedoch scheint die Prävalenz für eine depressive Störung deutlich höher zu sein. Darüber hinaus werden Depressionen zunehmend als Risikofaktoren für organische Erkrankungen diskutiert und gelten als Komorbidität, welche das Voranschreiten eben dieser Erkrankungen beschleunigen kann. Es wird auch vermutet, dass eine bidirektionale Beziehung zwischen Depressionen und somatischen Erkrankungen besteht.

Zusammenhang zwischen Depressionen und organischen Krankheiten

Bisher sind die Zusammenhänge zwischen Depressionen und organischen Krankheiten wenig bekannt. Es gibt kaum aussagekräftige und umfangreiche Studien zu diesem Thema.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern am University College London hat sich mit der Frage beschäftigt, welche Krankheiten am häufigsten zu einer Hospitalisierung bei Patienten mit einer bekannten depressiven Erkrankung führen.

Dazu werteten sie Daten aus drei Studien aus: der United Kingdom (UK) Biobank, sowie aus zwei finnischen Kohortenstudien (Health and Social Support Study [HeSSup] und Finnisch Public Sector Study [FPS]), um die Reproduzierbarkeit sicherzustellen. Die letztgenannten Kohortenstudien bildeten eine unabhängige Studienpopulation und gehörten einem anderen Gesundheitssystem an. Insgesamt konnten so die Daten von 240.433 Patienten analysiert werden. Die Daten wurden hinsichtlich Alter, Geschlecht, Ethnie, Bildungsstatus, Nikotin- und Alkoholkonsum sowie Bewegung angepasst.

Organische Erkrankung korreliert mit Schwere der Depression

Eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie war, dass das Auftreten einer organischen Erkrankung mit der Schwere der Depression korrelierte. Schwere oder mäßig-schwere Depressionen waren mit einem vermehrten Vorkommen von organischen Erkrankungen im Allgemeinen assoziiert. Bei einer milden Ausprägung der Depression hingegen kamen weniger organische Erkrankungen vor.

Innerhalb der Patientengruppe mit schwer oder mäßig-schwerer Depression war das Risiko für eine notwendige Krankenhausbehandlung innerhalb von fünf Jahren bei 25 organischen Krankheitsentitäten signifikant erhöht (HR [Hazard Ratio] ≥ 1,50). Dazu gehörten u. a. Schlafstörungen, Diabetes mellitus, ischämische Herzerkrankungen, chronisch obstruktive Bronchitis, bakterielle Infektionen, Rückenschmerzen und Arthrose.

Des Weiteren wurde auch der Zusammenhang untersucht, inwieweit eine Depression mit dem Voranschreiten einer bereits bekannten chronischen Erkrankung assoziiert ist. Hierbei stellten die Wissenschaftler fest, dass Patienten mit einer milden oder mäßigen Depression bereits ein 1,26faches und Patienten mit einer schweren oder mäßig schweren Depression ein 1,92faches höheres Risiko für eine Hospitalisierung aufgrund von Herz-Kreislauferkrankungen haben als Patienten ohne Depressionen in der Vorgeschichte. Ähnliche Werte fanden sich auch für Patienten mit Diabetes mellitus.

Welche Erkrankungen häufig zusammen mit Depressionen auftreten

Um die Relevanz von Depressionen als Komorbidität besser zu beleuchten, wurden außerdem die kumulativen Inzidenzen über einen Zeitraum von vier Jahren berechnet. Dabei wurden acht Krankheitsentitäten berücksichtigt, und es wurde zwischen Patienten mit schwerer oder mäßig schwerer Depression und solchen ohne Depression unterschieden.

Die höchsten kumulativen Inzidenzen wurden bei hospitalisierten Patienten für endokrine Störungen (245 Patienten von 1000 mit Depression vs. 147 von 1000 ohne Depression) beobachtet, gefolgt von muskuloskelettalen Erkrankungen (91 von 1000 depressiven Patienten) sowie Kreislaufstörungen und Erkrankungen des Blutsystems (86 von 1000 Depressiven). Interessanterweise waren die kumulativen Inzidenzen für psychiatrische und neurologische Störungen, welche eine Krankenhausbehandlung benötigten, im Vergleich dazu niedriger (20 Patienten von 1000 mit Depression).

Die Daten liefern auch Hinweise auf eine mögliche bidirektionale Beziehung zwischen Depression und organischer Erkrankung. Das Risiko, im Verlauf eine Depression zu entwickeln, war für Erkrankungen des Verdauungs-, respiratorischen, Kreislauf- und muskuloskelettalen Systems, sowie für schwere Infektionen, Verletzungen und Vergiftungen erhöht.

Depressionen als Risikofaktoren für organische Krankheiten

Die Autoren betonen, dass die ausgewerteten Daten zeigen, dass Depressionen eine wichtige Rolle als Risikofaktoren für organische Krankheiten einnehmen. Obwohl diese Studiendaten keine Kausalität zwischen Depressionen und organischen Krankheiten beweisen können, empfehlen die Wissenschaftler, dass Depressionen in Zukunft großzügig als Zielscheibe für die Prävention und Therapie von somatischen Erkrankungen in Betracht gezogen werden sollten.

Autor:
Stand:
03.07.2023
Quelle:

Frank et al. (2023): Association Between Depression and Physical Conditions Requiring Hospitalization. JAMA Psychiatry. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.20230777

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