Multiple Sklerose und Impfungen: Ein klinisches Spannungsfeld
Impfungen sind ein zentraler Bestandteil der präventiven Versorgung von Patienten mit Multipler Sklerose (MS). Dies gilt insbesondere vor Beginn immunsuppressiver krankheitsmodifizierender Therapien (Disease-Modifying Therapies, DMTs), da Infektionen in dieser Patientengruppe mit einer erhöhten Morbidität verbunden sein können. Internationale Leitlinien empfehlen daher bei fehlender Immunität die Immunisierung gegen Masern sowie Varizellen vor Einleitung einer immunsuppressiven Behandlung.
Unsicherheit führt zu Impflücken bei vielen MS-Patienten
Dennoch bestehen sowohl bei Betroffenen als auch bei Behandelnden häufig Bedenken hinsichtlich möglicher krankheitsaktivierender Effekte von Lebendimpfstoffen. Insbesondere die Sorge vor einer Zunahme von Schüben trägt zur Impfzurückhaltung bei, die zu Impflücken bei MS-Patienten führt, wie eine Studie aus dem Jahr 2025 auch für Deutschland zeigt. Während für inaktivierte Impfstoffe umfangreiche Sicherheitsdaten vorliegen, ist die Evidenz für attenuierte Lebendimpfstoffe wie die Masern-Mumps-Röteln-(MMR)- und Varizellenimpfung bislang begrenzt.
Vor dem Hintergrund steigender Maserninzidenzen in vielen Ländern und der klinischen Relevanz einer rechtzeitigen Immunisierung untersuchte eine aktuelle Kohortenstudie die Sicherheit dieser Impfungen bei Menschen mit MS.
Multiple Sklerose und MMR-Impfung: Studie zur Bewertung des Schubrisikos
Die Untersuchung basierte auf prospektiv erhobenen Daten eines spezialisierten MS-Zentrums in Barcelona. Eingeschlossen wurden 123 Patienten mit MS, die zwischen 2016 und 2024 mindestens eine Dosis eines attenuierten MMR- oder Varizellenimpfstoffs erhalten hatten. Als Vergleich dienten 246 nicht geimpfte Kontrollpersonen, die anhand von Alter, Geschlecht und Zeitpunkt des ersten demyelinisierenden Ereignisses gematcht wurden.
Primärer Endpunkt war die Schubaktivität innerhalb eines Jahres nach der Impfung. Analysiert wurden sowohl die Anzahl der Schübe als auch die Zeit bis zum ersten Schubereignis. Um Unterschiede im Ausgangsrisiko zu berücksichtigen, erfolgte zusätzlich eine Anpassung mittels Propensity-Score-Gewichtung.
Schubrate nach Varizellenimpfung und MMR-Impfung
Insgesamt wurden innerhalb des Beobachtungszeitraums 36 Schübe dokumentiert. Davon entfielen 15 Ereignisse auf die geimpfte Gruppe und 21 auf die Kontrollgruppe. Die Analyse zeigte keinen statistisch signifikanten Anstieg der Schubrate nach Impfung. Tendenziell deuteten die Ergebnisse auf eine geringere Schubaktivität bei Geimpften hin, ohne jedoch Signifikanz zu erreichen. Das Inzidenzratenverhältnis (IRR) betrug 0,52 (95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,23 bis 1,06), die Hazard Ratio für das Auftreten eines ersten Schubs lag bei 0,55 (95 %-KI 0,25 bis 1,17).
Nichtunterlegenheitskriterium der Impfung erfüllt
Das vorab definierte Nichtunterlegenheitskriterium wurde erfüllt. Damit konnte gezeigt werden, dass die Impfungen das Schubrisiko nicht in klinisch relevantem Ausmaß erhöhen. Auch Sensitivitätsanalysen, die gezielt den Zeitraum mit dem theoretisch höchsten Risiko in den ersten drei Monaten nach Impfung betrachteten, bestätigten diese Ergebnisse.
Multiple Sklerose und Impfstoffsicherheit in der MRT-Analyse
Zusätzlich wurde bei einer Subgruppe von 50 geimpften Personen die entzündliche Aktivität anhand von MRT-Untersuchungen vor und nach der Impfung analysiert. Dabei zeigte sich keine Zunahme subklinischer Krankheitsaktivität. Es wurden im Jahr nach der Impfung weniger entzündliche Ereignisse dokumentiert als im Jahr davor (21 versus 43 Ereignisse).
Auch bei Berücksichtigung später eingeleiteter krankheitsmodifizierender Therapien blieben die Ergebnisse stabil. Die Autoren sehen darin einen weiteren Hinweis darauf, dass die beobachtete Sicherheit nicht ausschließlich durch Therapieeffekte erklärt werden kann.
Impfstoffsicherheit bei Multipler Sklerose und Konsequenzen für die Praxis
Die vorliegende Studie liefert wichtige neue Daten zur Sicherheit attenuierter MMR- und Varizellenimpfstoffe bei MS-Patienten ohne immunsuppressive Therapie. Weder klinische Schübe noch MRT-basierte entzündliche Aktivität nahmen nach der Impfung zu. Die Ergebnisse stützen damit bestehende Empfehlungen zur Immunisierung vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie.
Kein Grund für Impfzurückhaltung bei MS
Für die klinische Praxis sind diese Erkenntnisse besonders relevant, da Sicherheitsbedenken weiterhin eine zentrale Ursache für Impfzurückhaltung darstellen. Die Daten können dazu beitragen, Patienten fundiert zu beraten und notwendige Impfungen rechtzeitig vor Einleitung hochwirksamer Therapien durchzuführen. Aufgrund der begrenzten Fallzahl und der relativ geringen Zahl an Schubereignissen sind jedoch weitere Untersuchungen in größeren Kohorten erforderlich.










