Trotz klarer Impfempfehlungen bleiben viele Patienten mit Multipler Sklerose (MS) unzureichend geschützt. Das ist das Ergebnis einer neuen Beobachtungsstudie des Jenaer Uniklinikums, die in sechs deutschen MS-Zentren in unterschiedlichen Regionen durchgeführt wurde. Die Untersuchung zeigt, dass nur etwa die Hälfte der MS-Patienten die von Fachgesellschaften empfohlenen Standardimpfungen vollständig erhalten haben.
Warum Impfungen wichtig sind
Impfungen sind ein wesentlicher Bestandteil der MS-Therapie, um Infektionsrisiken zu verringern, insbesondere bei immunsuppressiven Behandlungen. Dennoch zeigte die Studie, dass die Impfquote von MS-Patienten (n = 397) tendenziell niedriger war als bei gesunden Kontrollpersonen (n = 300). Ein Impfindex, der die Abdeckung von acht Standardimpfungen misst, lag bei MS-Betroffenen bei durchschnittlich 0,58, verglichen mit 0,62 in der Kontrollgruppe.
Standard- und Indikationsimpfungen
Die Impfungen unterteilten die Wissenschaftler in Standardimpfungen (wie Tetanus, Diphtherie, Polio, Keuchhusten, Masern, Mumps, Röteln , COVID-19), die für alle Erwachsenen in der Kontroll- und MS-Gruppe empfohlen werden, sowie in indikationsspezifische Impfungen (wie Pneumokokken, Meningokokken, Hepatitis A und B, saisonale Grippe, Herpes Zoster). Letztere werden nur für Erwachsene mit bestimmten prädisponierenden Erkrankungen oder unter Immunsuppression empfohlen.
Bei den Standardimpfungen – mit Ausnahme der COVID-19-Impfung – war die Impfquote bei MS-Patienten niedriger als in der Kontrollgruppe. Bei den indikationsspezifischen Impfungen gegen Pneumokokken, Influenza, Herpes Zoster und Frühsommer-Meningoenzephalitis war die Impfquote bei MS-Patienten hingegen insgesamt höher als in der Kontrollgruppe.
Gründe für niedrige Impfquoten
Eine wachsende Impfskepsis in der Allgemeinbevölkerung stellt eine der größten Herausforderungen dar. Ein weiterer relevanter Faktor sind sogenannte „Impfmythen“, wie die Annahme, dass Impfungen MS-Schübe auslösen könnten. Solche Mythen beeinflussen nicht nur die Patienten selbst, sondern auch die Empfehlungen von Hausärzten, die oft unsicher in Bezug auf Impfungen bei MS sind.
Die aktuelle Studie konnte allerdings keine signifikanten Unterschiede bei der allgemeinen Impfzurückhaltung zwischen den Gruppen feststellen. Allerdings gaben 82 % der befragten Hausärzten an, dass sie bei MS-Patienten zögern, Impfungen zu empfehlen. Häufige Gründe waren Unsicherheiten bezüglich möglicher Nebenwirkungen (42,5 %) und möglichen Wechselwirkungen mit MS-Therapien (40,7 %).
Rund 28 % der Hausärzte glauben, dass Impfungen MS-Schübe auslösen können, während 24 % neutral bleiben. Trotz dieser Bedenken empfehlen 76–95 % der Ärzte regelmäßig Standardimpfungen für MS-Patienten, unabhängig von deren Therapie. Indikationsspezifische Impfungen empfehlen Ärzte insgesamt seltener. Während Pneumokokken-Impfungen mit 86 % noch am häufigsten vorgeschlagen werden, liegt die Empfehlung für HPV-Impfungen nur bei 16 %.
Handlungsempfehlungen
Die Studienautoren betonen die Notwendigkeit, die Impfberatung zu verbessern und Unsicherheiten bei Ärzten durch gezielte Aufklärung zu reduzieren. Dazu sagt der Studienleiter PD Dr. Florian Rakers: „Wir hören sowohl von Hausärzten als auch von Patienten immer wieder Befürchtungen, dass Impfungen Schübe auslösen oder den Verlauf der MS verschlechtern könnten.“ Dafür gebe es aber keinerlei Belege. „Dass Infektionen die MS negativ beeinflussen können, ist dagegen gesichert“, so der Neurologe.
Rakers schlägt vor, einige MS-Behandlungszentren als spezialisierten Impfzentren zu etablieren. Einheitliche Impfempfehlungen und besser geschulte Ärzte könnten dazu beitragen, die Impfquoten in dieser Risikogruppe nachhaltig zu verbessern.
Über Multiple Sklerose
MS ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen und geht oft mit erhöhten Infektionsrisiken einher, insbesondere wenn Patienten mit immunmodulierenden Therapien behandelt werden. Von der Krankheit sind in Deutschland etwa 250.000 Menschen betroffen. In den letzten Jahren wurden zahlreiche hochwirksame krankheitsmodifizierende Therapien (Disease-Modifying Therapies, DMTs) zugelassen, die einerseits die Krankheitskontrolle verbessern, andererseits jedoch das Immunsystem schwächen können. Aus diesem Grund spielen Impfungen eine zentrale Rolle in der Versorgung von Menschen mit MS.
Die Leitlinien zu Impfungen bei MS empfehlen eine vollständige Basisimpfstoffabdeckung sowie zusätzliche indikationsspezifische Impfungen, die vom Grad der Immunsuppression abhängen. Ziel ist es, Infektionsrisiken zu minimieren und so die Krankheitskontrolle zu verbessern. Doch trotz klarer Empfehlungen gibt es bisher nur wenige Daten zur tatsächlichen Umsetzung dieser Vorgaben in der Routineversorgung.




