Der Sanitätsinspekteur der Vereinigten Staaten (Surgeon General of the United States) thematisiert in einer aktuellen Gesundheitswarnung den direkten kausalen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und einem erhöhten Risiko für mindestens sieben verschiedene Krebsarten.
Die Stellungnahme fasst die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen und zielt darauf ab, die Öffentlichkeit besser über die Risiken des Alkoholkonsums zu informieren. Darüber hinaus enthält sie Empfehlungen, um alkoholbedingte Krebserkrankungen zu reduzieren.
Vermeidbare Ursache
Studienergebnisse aus den USA zeigen, dass Alkoholkonsum nach Tabak und Adipositas die dritthäufigste vermeidbare Ursache für Krebserkrankungen ist. Jährlich werden etwa 100.000 Krebsfälle – davon 42.400 bei Männern und 54.330 bei Frauen – und 20.000 Todesfälle durch Krebs mit Alkoholkonsum in Verbindung gebracht. An alkoholassoziierten Verkehrsunfällen sterben im Vergleich „nur“ rund 13.500 Menschen jährlich. Im Durchschnitt verlieren Betroffene 15 Lebensjahre. Das entspricht in Summe 305.000 verlorenen potenziellen Lebensjahren pro Jahr.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert Alkohol als Gruppe-1-Karzinogen, gleichbedeutend mit Tabak und Asbest. Bereits geringe Mengen können das Krebsrisiko erhöhen. Dabei geht es vorrangig um mindestens sieben verschiedene Krebsarten, darunter Brustkrebs, Darm-, Speiseröhren-, Leber-, Mund-, Rachen- und Kehlkopfkrebs. Teilweise kann das Risiko bereits bei einem oder weniger alkoholischen Getränken pro Tag steigen.
Beispiel Brustkrebs
Frauen sind besonders stark betroffen mit Brustkrebs: Von den etwa 270.000 Brustkrebsfällen bei Frauen im Jahr 2019 standen schätzungsweise 44.180 Fälle (16,4 %) in direktem Zusammenhang mit Alkoholkonsum. Beim weiblichen Geschlecht ist somit Brustkrebs für rund 60 % der alkoholbedingten Krebstodesfälle verantwortlich. Bei Männern stehen Leberkrebs (33 %) und Darmkrebs (21 %) ganz vorne.
Bereits kleine Mengen schaden
83 % der Todesfälle treten bei Alkoholkonsum über den von den US-amerikanischen Ernährungsrichtlinien empfohlenen Grenzwerten. Diese raten, den Konsum auf ein Getränk täglich für Frauen, zwei für Männer zu begrenzen. Ein solches „Standardgetränk“ enthält in den Vereinigten Staaten etwa 14 g reinen Alkohol. Rund 17 % der Todesfälle ereignen sich jedoch bereits innerhalb dieser Limits.
Komplexe Mechanismen
Dass Alkohol Krebs verursachen kann, ist durch zahlreiche Studien belegt. Die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen sind komplex und vielfältig. Es gibt vier zentrale Wege, auf denen Ethanol das Krebsrisiko steigert.
Bildung von Acetaldehyd
Wird Alkohol im Körper abgebaut, entsteht Acetaldehyd, ein toxischer Stoffwechselzwischenprodukt. Acetaldehyd bindet an die DNA und schädigt sie. Die Schäden können zu unkontrolliertem Zellwachstum führen und damit die Entstehung von Tumoren begünstigen.
Oxidativer Stress und Entzündung
Der Abbau von Alkohol erzeugt reaktive Sauerstoffspezies (ROS), die oxidativen Stress verursachen. ROS können DNA, Proteine und Lipide schädigen. Gleichzeitig fördern sie chronische Entzündungen, die als Risikofaktor für Krebs bekannt sind.
Veränderung des Hormonhaushalts
Alkohol kann den Hormonspiegel beeinflussen, insbesondere den von Östrogen. Ein erhöhter Östrogenspiegel ist mit der Entstehung von hormonabhängigen Krebsarten wie Brustkrebs verbunden.
Erleichterte Aufnahme von Karzinogenen
Alkohol fungiert als Lösungsmittel für krebserregende Stoffe, beispielsweise aus Tabakrauch. Diese Stoffe können leichter in die Schleimhäute von Mund und Rachen eindringen. Das erhöht das Risiko für Krebserkrankungen in diesen Regionen.
Zusätzlich wird diskutiert, dass Alkohol zu einem Folatmangel führen könnte. Dieses B-Vitamin ist essenziell für die Reparatur von DNA-Schäden. Ein Mangel könnte das Krebsrisiko weiter erhöhen.
Wenig Gefahrenbewusstsein
Trotz der eindeutigen Datenlage ist der Zusammenhang zwischen Alkohol und Krebs in der Bevölkerung unzureichend bekannt. Obwohl 72 % der US-Erwachsenen angeben, mindestens ein alkoholisches Getränk pro Woche zu konsumieren, ist eine Umfrage von 2019 zufolge weniger als der Hälfte der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und erhöhtem Krebsrisiko bewusst. Um das Gefahrenbewusstsein zu verbessern, schlägt der Sanitätsinspekteur folgende Maßnahmen vor:
- Deutliche und gut sichtbare Warnhinweise auf Alkoholprodukten, die auf das Krebsrisiko hinweisen
- Neue Empfehlungen zu Grenzwerten, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen
- Aufklärungskampagnen und Beratung in klinischen Einrichtungen









