Krebs bleibt in Europa eine der häufigsten Todesursachen, und die Fallzahlen steigen weiter. Der neue Europäische Kodex gegen Krebs, herausgegeben von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO, soll das große Präventionspotenzial sichtbarer machen.
In einer gemeinsamen Pressemitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und der Deutschen Krebshilfe weist Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des DKFZ, darauf hin, dass 2023 rund 520.000 Menschen in Deutschland eine Krebsdiagnose erhielten. Er betont, dass zwei von fünf dieser Erkrankungen durch gesundheitsbewusstes Verhalten vermeidbar gewesen wären. Die zugrunde liegende wissenschaftliche Analyse zeigt zudem, dass sich europaweit 40–50 % der Krebsfälle auf beeinflussbare Risikofaktoren zurückführen lassen.
Hintergrund der Überarbeitung des Kodex
Der bestehende Kodex galt bereits als wichtiges Instrument zur Krebsprävention. Doch bei vielen Risikofaktoren – vom Tabakkonsum über Schadstoffexposition bis hin zu Infektionen – bestand weiterhin Informationsbedarf.
Der neue Kodex (ECAC5) fußt auf einer systematischen Analyse aktueller Studien und bietet erstmals nicht nur Empfehlungen für Einzelpersonen, sondern adressiert auch politische Entscheidungsträger.
Die WHO-Empfehlungen im Überblick
Der ECAC5 umfasst nun 14 evidenzbasierte Empfehlungen, die individuelles Verhalten, Umwelt- und Arbeitsfaktoren sowie medizinische Prävention abdecken. Viele Empfehlungen wurden geschärft, erweitert oder neu aufgenommen.
Tabak und Nikotinprodukte
Die Empfehlung geht über den bisherigen Fokus auf Tabak hinaus und warnt nun ausdrücklich auch vor E-Zigaretten und Vapes. Die Datenlage zeigt, dass elektronische Nikotinprodukte krebserregende Stoffe freisetzen und bei Jugendlichen den Einstieg in das Rauchen fördern. Auch Passivrauch erhöht nachweislich das Krebsrisiko. Wohnräume und Fahrzeuge sollen daher konsequent rauchfrei bleiben
Alkoholkonsum
Die IARC rät nun zum vollständigen Verzicht auf Alkohol, da kein sicherer Schwellenwert existiert. Selbst geringe Mengen steigern das Risiko für verschiedene Tumoren – ein Ergebnis, das die wissenschaftliche Analyse deutlich bestätigt.
Ernährung, Gewicht und Bewegung
Ein gesunder Lebensstil bleibt zentral. Neu ist die ausdrückliche Empfehlung, den Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel zu reduzieren, da diese indirekt über Gewichtszunahme das Krebsrisiko erhöhen. Gleichzeitig wird regelmäßige körperliche Aktivität erneut hervorgehoben.
UV-Strahlung und Solarien
Solarien sollen laut Kodex grundsätzlich nicht genutzt werden. Die Datenlage ist eindeutig – es existiert kein sicherer Nutzungsbereich.
Umweltfaktoren
Erstmals berücksichtigt der Kodex Luftverschmutzung als eigenständigen Risikofaktor. Er rät dazu, stark befahrene Wege zu meiden und bevorzugt zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein. Zudem empfiehlt er, in Innenräumen auf das Verbrennen von Holz oder Kohle zu verzichten.
Arbeitsplatzbezogene Risiken
Der Kodex legt nun besonderen Wert darauf, dass Arbeitgeber Verantwortung tragen. Individuen sollen Risiken kennen, aber politische und strukturelle Maßnahmen stehen im Zentrum.
Infektionen und Impfungen
Der Kodex empfiehlt den Ausbau von Impfprogrammen gegen Hepatitis B und humane Papillomaviren – geschlechterneutral. Zudem betont er die Bedeutung von Testung und Behandlung bei Hepatitis C, HIV und Helicobacter pylori.
Zwei Empfehlungen speziell für Frauen
Stillen senkt das Brustkrebsrisiko – der Schutz nimmt mit der Dauer zu. Die Hormonersatztherapie in den Wechseljahren soll nach ärztlicher Beratung und so kurz wie nötig erfolgen.
Screeningprogramme
Neu aufgenommen wurde das Lungenscreening mittels Low-Dose-CT für Risikogruppen, nachdem aktuelle Studien eine reduzierte Mortalität zeigen. Die etablierten Programme für Brust-, Darm- und Zervixkarzinome bleiben unverändert wichtig.
Radon in Innenräumen
Der Kodex rät dazu, sich über Radonbelastungen im Wohnumfeld zu informieren. Bei erhöhten Werten sollten Fachmessungen erfolgen und Maßnahmen zur Reduktion ergriffen werden, um die Belastung in Innenräumen zu senken.
Insgesamt legt ECAC5 damit einen der umfassendsten und wissenschaftlich fundiertesten Präventionsrahmen Europas vor.
Grenzen der Evidenz
Trotz der breiten Evidenzbasis weisen die Autoren darauf hin, dass viele Empfehlungen auf Beobachtungsstudien beruhen und daher keine eindeutige Kausalität belegen. Die Wirkung einzelner Maßnahmen hängt zudem stark von ihrer Umsetzung ab. Bei Faktoren wie Radon oder Luftverschmutzung variieren die Belastungen regional, und für einige Interventionen – etwa H. pylori-Screeningstrategien – liegen noch keine flächendeckenden europäischen Daten vor.
Was der Kodex für die Zukunft der Prävention bedeutet
Der neue Kodex verbindet individuelles Verhalten mit politischen Maßnahmen und betont damit den gesamtgesellschaftlichen Charakter der Krebsprävention. EU-weit besteht nun die Aufgabe, die evidenzbasierten Empfehlungen in konkrete Regelungen und Programme zu überführen. Da der Kodex fortlaufend aktualisiert werden soll, können künftige wissenschaftliche Erkenntnisse zeitnah einfließen und so zu einer nachhaltigeren Präventionsstrategie in Europa beitragen.








