ADHS bei erwachsenen Frauen: Verkanntes Leiden mit oft später Diagnose

ADHS wird meist als Kinderkrankheit männlicher Hyperaktivität gesehen. Dabei leiden viele Frauen unter innerer Unruhe, Konzentrationsproblemen und emotionaler Instabilität. Prof. Beschoner von der Akutklinik Bad Saulgau erläutert, wie sich ADHS bei Frauen äußert, warum die Diagnose so schwierig ist und was bei der Behandlung wichtig ist.

Erschoepfung Frau

ADHS bei Frauen – ein unsichtbares Störungsbild

Lange galt ADHS als „Zappelphilipp-Syndrom“ – ein Bild, das nicht nur unvollständig, sondern insbesondere für Frauen irreführend ist. „ADHS wird noch immer fälschlich als Erziehungsproblem oder gar Modeerscheinung abgetan – dabei handelt es sich um eine chronische, neurobiologische Störung“, erklärt Prof. Dr. med. Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin.

Frauen zeigen andere Symptome als Jungen: weniger Hyperaktivität, dafür mehr Tagträumerei, emotionale Instabilität und ein ausgeprägtes Gedankenkarussell. „Viele Mädchen lernen früh, still zu sein, zu funktionieren, sich anzupassen. Das verschleiert die Problematik oft bis weit ins Erwachsenenalter“, so Beschoner.

Typische Symptome von ADHS im Erwachsenenalter bei Frauen

Im Erwachsenenalter unterscheiden sich die Symptome von denen bei Kindern. Frauen mit ADHS leiden häufig unter innerer Unruhe, Konzentrationsschwäche und einem Gefühl der ständigen Überforderung. Im Alltag führt dies zu Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen und Aufgaben abzuschließen. Äußerlich wirken Betroffene oft gut organisiert, während innerlich Chaos und Stress vorherrschen. Diese Diskrepanz kann zu Erschöpfung, Selbstzweifeln und Burn-out führen.

Warum bleibt ADHS bei Frauen oft unerkannt?

Ein zentrales Problem sei, dass sich die Diagnosekriterien weiterhin meist an den „klassischen“ Symptomen bei Jungen (sichtbare Hyperaktivität und impulsives Verhalten) orientieren. Frauen hingegen zeigen seltener äußere Hyperaktivität, sondern „neigen eher zur stillen Überforderung, kompensieren durch Kontrolle, Perfektionismus, überhöhte Anpassung“, erläutert Beschoner. Die Hyperaktivität äußere sich bei Frauen als eine innere Anspannung mit sozialem Rückzugsverhalten, Tagträumen oder Schlafproblemen. Die Folge: Statt ADHS werden häufig Depressionen oder Angststörungen fehldiagnostiziert und bis zur korrekten Diagnose vergeht oft ein langer Leidensweg.

Erkennen und Abklärung von ADHS bei Frauen

Wichtige Warnzeichen sind Konzentrationsprobleme, chaotische Tagesabläufe, emotionale Instabilität und das Gefühl des Andersseins. Betroffene berichten oft von einem anhaltenden Gefühl, nicht zu genügen, sowie wiederkehrenden Konflikten in Beruf und Partnerschaft. Auch Stimmungsschwankungen oder selbstschädigendes Verhalten könnten auf ADHS hinweisen. In solchen Fällen sei eine fachärztliche Abklärung dringend empfohlen.

Therapieansätze für ADHS bei Frauen

Der multimodale Ansatz gilt als effektivste Behandlungsstrategie. Er umfasst Psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie und bei Bedarf medikamentöse Therapie mit Wirkstoffen wie Methylphenidat oder Atomoxetin. Gleichzeitig seien Selbstfürsorge und Struktur im Alltag entscheidend: „Bewusste Pausen, das Erkennen eigener Grenzen – das alles sind entscheidende Schritte zur Stabilisierung.“ Ergänzend können digitale Tools, Coaching und Selbsthilfeangebote unterstützen. Die Therapie wird individuell am Leidensdruck und den Lebensumständen der Patientin ausgerichtet.

Einfluss hormoneller Veränderungen auf ADHS-Symptome

Phasen wie Pubertät, Schwangerschaft und Wechseljahre können ADHS-Symptome verstärken. Hormonelle Schwankungen beeinflussen die Reizverarbeitung und emotionale Stabilität, was zu ausgeprägteren Stimmungsschwankungen und Konzentrationsproblemen führen kann. Diese Effekte werden häufig fehldiagnostiziert, weshalb eine geschlechtsspezifische Diagnostik essenziell ist.

Bedeutung der Aufklärung über ADHS bei Frauen

Die Folgen einer unerkannten ADHS-Diagnose bei Frauen sind gravierend: „Viele Frauen leben über Jahre oder Jahrzehnte mit dieser inneren Belastung – und suchen Erklärungen bei sich selbst, nicht in einer zugrunde liegenden Störung“, sagt Prof. Beschoner. Das könne zu Selbstzweifeln, Beziehungsproblemen, Suchtverhalten oder schwerwiegenden psychischen Erkrankungen führen. Die Diagnose ADHS könne für viele ein Wendepunkt sein: „ein erster Schritt zu mehr Selbstverständnis, Stabilität und Lebensqualität.“

Autor:
Stand:
11.07.2025
Quelle:

Akutklinik Bad Saulgau, Experteninterview Prof. Dr. med. Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin sowie Ärztliche Leiterin der Akutklinik Bad Saulgau, Juli 2025.

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