Pneumonierisiko bei Antipsychotika-Therapie

Pneumonien kommen bei Personen mit Schizophrenie häufig vor und sind eine bedeutende Todesursache bei diesen Patienten. Eine Studie zeigte dosisabhängige Assoziationen zwischen antipsychotischen Monotherapien mit hoher anticholinerger Last und erhöhtem Pneumonierisiko.

Röntgenbild Lunge

In verschiedenen Beobachtungsstudien wurden mögliche Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Antipsychotika, insbesondere Clozapin, und dem Auftreten von Pneumonien bei Personen mit und ohne bekannte pulmonale Vorerkrankungen festgestellt. Dabei schien das Pneumonierisiko auch von der Dosierung des Antipsychotikums abhängig zu sein. Die Studien waren jedoch meist von geringer Qualität und erbrachten keine belastbaren Evidenzen. 

Verschiedene Hypothesen könnten jedoch die Zusammenhänge zwischen der Antipsychotika-Einnahme und einem erhöhten Pneumonierisiko erklären. 

Hypothesen zur Erklärung des erhöhten Pneumonierisikos

Ein möglicher Erklärungsansatz für das erhöhte Pneumonierisiko ist die Beeinträchtigung der pulmonalen Clearance infolge der Dopamin-D2-Rezeptor-Blockade, dieeine Bradykinese der Pulmonalmuskulatur verursacht

Eine weitere Hypothese geht von einem erhöhten Risiko für Aspirationspneumonien durch anticholinerge Nebenwirkungen von Antipsychotika aus. Das Risiko für Aspirationen wird dabei durch anticholinerge Effekte wie die Dilatation und Hypomotilität der Speiseröhre, eine verringerte Mobilität des Rachens und erhöhten Speichelfluss erklärt. Unter der Behandlung mit Clozapin kann zudem ein sekundärer Antikörpermangel auftreten, der Infektionen der Nasennebenhöhlen und der Lunge begünstigt.

Pneumonien sind die vierthäufigste Todesursache bei Schizophrenie

Angesichts der Tatsache, dass Pneumonien die vierthäufigste Todesursache bei Menschen mit Schizophrenie darstellen, ist eine Studie, die die Zusammenhänge zwischen der Einnahme bestimmter Antipsychotika und des Pneumonierisikos untersucht, von großem Interesse. Eine Arbeitsgruppe um Dr. Jurjen J. Luykx, PhD, vom Department of Psychiatry des Amsterdam University Medical Center hat daher die Daten von mehr als 60.000 Patienten mit Schizophrenie ausgewertet, um das mit bestimmten Antipsychotika assoziierte Risko von Pneumonien abzuschätzen, und zu untersuchen, welche Rolle dabei die Dosierung und die Rezeptorbindungseigenschaften der Medikamente sowie die Einnahme mehrerer Antipsychotika spielen. 

Daten aus landesweiten finnischen Registern

In der Kohortenstudie wurden Patienten mit Schizophrenie oder schizoaffektiver Störung in landesweiten finnischen Registern von 1972 bis 2014 identifiziert. Die Daten zu Diagnosen und psychiatrischer Versorgung wurden aus Krankenhausentlassungsregistern entnommen. Informationen über die ambulante Medikamentenverordnung stammten aus dem Verschreibungsregistern. 

Die Analyse der Medikation umfasste die Anwendung von antipsychotischen Monotherapien und Polytherapien. Die Dosierungen der Verschreibungen wurde nach den von Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierten Tagesdosen in die Kategorien niedrig, mittel und hoch eingestuft. Darüber hinaus wurde die anticholinerge Belastung durch einzelne Antipsychotika als niedrig, mittel und hoch kategorisiert. Als Nachbeobachtungsperiode der Studie wurde der Zeitraum von 1996 bis 2017 gewählt.

Risikoerhöhung ist abhängig von Wirkstoff und Dosis

Während der 22-jährigen Nachbeobachtungszeit mussten 8.917 (14,4%) der insgesamt 61.889 eingeschlossenen Patienten mit Schizophrenie mindestens einmal wegen einer Pneumonie im Krankenhaus behandelt werden. Von diesen verstarben 1.137 (12,8%) innerhalb von 30 Tagen nach ihrer Einlieferung. 

Im Vergleich zu Patienten, die keine Antipsychotika einnahmen, war die Einnahme von Antipsychotika insgesamt nicht mit einer Pneumonie assoziiert. Bei Polytherapien konnte ebenfalls kein erhöhtes Risiko festgestellt werden. Die Einnahme von Monotherapien war jedoch wirkstoff- und dosisabhängig mit einem erhöhten Pneumonierisiko verbunden.

Die Anwendung von Antipsychotika mit einer hohen anticholinergen Belastung war signifikant mit einem erhöhten Pneumonierisiko verbunden Insbesondere waren hochdosiertes Quetiapin (ab 440 mg pro Tag), hoch- und mitteldosiertes Clozapin (ab 180 mg pro Tag) sowie hochdosiertes Olanzapin (ab 11 mg pro Tag) mit einem erhöhten Pneumonierisiko assoziiert. 

Präventionsstrategien bei „Risiko-Antipsychotika“ erforderlich

Die Ergebnisse der großen Kohortenstudie deuten darauf hin, dass hoch- und mitteldosiertes Clozapin, hochdosiertes Quetiapin und hochdosiertes Olanzapin mit einem erhöhten Risiko für Pneumonien assoziiert sind. Darüber hinaus scheinen Antipsychotika in Monotherapie und Antipsychotika mit hoher anticholinerger Belastung dosisabhängig das Pneumonierisiko zu vergrößern. Um das Risiko für Pneumonien zu begrenzen, rufen die Autoren der Studie dazu auf, Präventionsstrategien zum Schutz vor Pneumonien bei Patienten mit Schizophrenie zu implementieren, die solche „Risiko-Antipsychotika“ benötigen. 

Autor:
Stand:
04.08.2024
Quelle:

Luykx et al. (2024): Pneumonia Risk, Antipsychotic Dosing, and Anticholinergic Burden in Schizophrenia. Journal of the American Medical Association Psychiatry. DOI:10.1001/jamapsychiatry.2024.1441

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden
Orphan Disease Finder
Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen: