Psychische Gesundheit von Vätern gewinnt an Bedeutung
Psychische Erkrankungen während der Perinatalzeit werden traditionell vor allem bei Müttern untersucht. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass auch die psychische Gesundheit von Vätern erhebliche Auswirkungen auf Partnerschaft, Familienfunktion und kindliche Entwicklung haben kann. Insbesondere väterliche Depressionen stehen mit einem erhöhten Risiko psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und einer höheren Belastung der Partnerinnen in Zusammenhang.
Perinatale Phase mit tiefgreifenden psychosozialen Veränderungen für beide Elternteile
Die Übergangsphase zur Elternschaft geht für Männer mit tiefgreifenden psychosozialen Veränderungen einher. Neben positiven Aspekten wie stärkerer emotionaler Bindung und einem gesteigerten Verantwortungsgefühl entstehen häufig Belastungsfaktoren wie Schlafmangel, veränderte Partnerschaftsdynamiken und beruflicher Druck. Dennoch existieren bislang nur wenige populationsbasierte Untersuchungen zu psychiatrischen Neuerkrankungen bei Vätern während Schwangerschaft und Wochenbett.
Schwedische Registerstudie analysiert psychiatrische Diagnosen bei Vätern
Die prospektive Kohortenstudie nutzte nationale schwedische Registerdaten von 1.096.198 Vätern, die an insgesamt 1.915.722 Geburten zwischen 2003 und 2021 beteiligt waren. Untersucht wurden neu diagnostizierte psychiatrische Erkrankungen ein Jahr vor Beginn der Partnerinnen-Schwangerschaft, während der Schwangerschaft sowie bis ein Jahr nach der Geburt.
Erfasst wurden neben allgemeinen psychiatrischen Diagnosen auch spezifische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, stressassoziierte Erkrankungen, Alkohol- und Drogenkonsumstörungen, ADHS, bipolare Störungen und Psychosen. Die Inzidenzraten wurden standardisiert nach Alter und Kalenderjahr berechnet.
Psychiatrische Diagnosen nehmen während Schwangerschaft zunächst ab
Die Inzidenz psychiatrischer Diagnosen war während der Schwangerschaft und in der frühen postpartalen Phase niedriger als im entsprechenden Zeitraum vor Beginn der Schwangerschaft. Zu Beginn der Schwangerschaft lag die Inzidenz psychiatrischer Erkrankungen bei 5,50 pro 1.000 Personenjahre gegenüber 7,00 pro 1.000 Personenjahre vor der Schwangerschaft. Auch unmittelbar nach der Geburt blieb die Rate zunächst reduziert.
Im Verlauf des ersten postpartalen Jahres stiegen die Inzidenzraten jedoch wieder an und erreichten gegen Ende vergleichbare Werte wie vor der Schwangerschaft. Dieses Muster zeigte sich insbesondere bei Angststörungen sowie Alkohol- und Drogenkonsumstörungen.
Väterliche Depressionen und Stressstörungen steigen im späteren Wochenbett
Besonders auffällig war der Verlauf depressiver und stressassoziierter Erkrankungen. Gegen Ende des ersten postpartalen Jahres lagen die Inzidenzraten dieser Diagnosen mehr als 30 % über den präkonzeptionellen Vergleichswerten. Für Depressionen betrug das adjustierte Inzidenzratenverhältnis (IRR) in den Wochen 45 bis 49 postpartum 1,30, für stressassoziierte Erkrankungen 1,36. Demgegenüber blieben Diagnosen wie bipolare Störungen, Psychosen oder ADHS über den gesamten Beobachtungszeitraum weitgehend stabil.
Die Autoren diskutieren mehrere mögliche Ursachen für die zunächst niedrigeren Diagnoseraten während Schwangerschaft und früher Postpartalzeit. Neben potenziell protektiven psychosozialen Effekten des Vaterwerdens, könnten reduzierte Inanspruchnahme psychiatrischer Hilfe sowie eine Untererkennung psychischer Symptome eine Rolle spielen.
Niedriger Bildungsstand erhöht Risiko psychischer Erkrankungen
Väter mit geringerem Bildungsniveau wiesen über alle Phasen hinweg höhere Inzidenzraten psychiatrischer Erkrankungen auf. Dies unterstreicht die Bedeutung sozialer Determinanten für die psychische Gesundheit in der Perinatalzeit.
Zudem zeigte die Studie einen langfristigen Anstieg psychiatrischer Diagnosen bis etwa 2013, gefolgt von einem Rückgang in späteren Jahren. Die Autoren führen dies unter anderem auf verbesserte Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen sowie eine optimierte Versorgung zurück.
Perinatale Psychiatrie sollte Väter stärker einbeziehen
Die Ergebnisse legen nahe, dass die psychische Belastung von Vätern während der Perinatalzeit bislang unterschätzt wird. Während die Schwangerschaft offenbar nicht mit einer unmittelbaren Zunahme psychiatrischer Diagnosen verbunden ist, steigt insbesondere das Risiko für Depressionen und stressassoziierte Erkrankungen im späteren Verlauf des ersten postpartalen Jahres.
Für die klinische Praxis sprechen die Daten dafür, psychiatrische Screening- und Unterstützungsangebote stärker auf Väter auszuweiten. Insbesondere verlängerte Nachbeobachtungszeiträume nach der Geburt könnten helfen, spätere psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen. Weitere Studien müssen klären, ob die beobachteten Muster primär auf tatsächliche Veränderungen der psychischen Gesundheit oder auf Unterschiede im Hilfesuchverhalten zurückzuführen sind.














