Mit 27 Ja-Stimmen bei neun Gegenstimmen hat der FEMM-Ausschuss einen Initiativbericht angenommen, der die Europäische Kommission zu einer umfassenden Strategie für die Frauengesundheit auffordert. Nach Ansicht der Abgeordneten beruhen viele Ungleichheiten auf einer jahrzehntelang männlich geprägten medizinischen Forschung. Dadurch seien Frauen über den gesamten Versorgungspfad hinweg von der Entwicklung neuer Arzneimittel über klinische Studien bis hin zu Diagnostik und Therapie benachteiligt.
Besonders betroffen seien Frauen in vulnerablen Lebenslagen, bei denen sich geschlechtsspezifische und soziale Benachteiligungen überschneiden.
Mehr Frauen in klinische Studien einbeziehen
Der Bericht fordert, geschlechts- und gendersensible Forschung verpflichtend über den gesamten Forschungsprozess hinweg zu verankern. Schwangere und Stillende sollten deutlich häufiger in klinische Studien eingeschlossen werden. Derzeit nehmen weniger als 0,4 % aller klinischen Studien in der EU diese Gruppen auf. Zudem sollen künftig in allen EU-geförderten Forschungsprojekten Daten getrennt nach Geschlecht ausgewertet werden.
Auch der Europäische Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space, EHDS) müsse konsequent um eine Geschlechterperspektive ergänzt werden. Gleichzeitig warnen die Abgeordneten davor, dass Künstliche Intelligenz bestehende geschlechts- und ethnisch bedingte Verzerrungen im Gesundheitswesen verstärken könne, wenn sie auf unausgewogenen Datensätzen basiert.
Verbindliche Ziele und mehr Investitionen
Die Europäische Kommission soll nach dem Willen des Ausschusses im Rahmen der Gleichstellungsstrategie 2026–2030 messbare und verbindliche Ziele zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten festlegen. Die Abgeordneten fordern ergänzend eine eigenständige europäische Strategie für die Frauengesundheit sowie gezielte Investitionen in Forschung zu frauenspezifischen Erkrankungen.
Außerdem sprechen sie sich für Gender Mainstreaming in allen relevanten Politikfeldern und im EU-Haushalt aus. Spezielle Förderprogramme sollen Forschung zu geschlechtsspezifischen Erkrankungen sowie den Abbau von Datenlücken unterstützen.
Vernachlässigte Erkrankungen stärker berücksichtigen
Der Bericht hebt hervor, dass zahlreiche Erkrankungen bei Frauen trotz ihrer hohen Krankheitslast nach wie vor zu wenig erforscht und häufig verspätet diagnostiziert werden. Dazu zählen unter anderem Endometriose, Beschwerden in den Wechseljahren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Migräne, Unfruchtbarkeit, Osteoporose, Diabetes und psychische Erkrankungen.
Bei Endometriose kritisieren die Abgeordneten den erheblichen Forschungsrückstand. Obwohl 10 bis 15 % der Frauen im reproduktiven Alter betroffen sind, dauert die Diagnosestellung im Durchschnitt sechs bis zehn Jahre. Seit Bestehen des EU-Forschungsprogramms CORDIS seien lediglich zehn von fast 146.000 geförderten Projekten speziell der Endometriose gewidmet gewesen.
Gesundheitssystem gerechter gestalten
Berichterstatter Billy Kelleher (Renew, Irland) erklärte nach der Abstimmung, dass die Gesundheit von Frauen weiterhin zu den größten blinden Flecken der Medizin gehöre. Wenn Forschung, klinische Studien und medizinische Daten die Erfahrungen von Frauen nicht angemessen berücksichtigten, führe das zu schlechterer Diagnostik, Behandlung und Versorgung. Der vorliegende Bericht solle diese Lücken schließen und die Gesundheit von Frauen als Maßstab für Qualität und Fairness in den europäischen Gesundheitssystemen etablieren.
Der Initiativbericht soll nun in einer der kommenden Plenarsitzungen des Europäischen Parlaments beraten werden.












