Unter der Binge-Eating-Störung versteht man wiederkehrende Essanfälle mit Aufnahme von großen Nahrungsmengen in einer kurzen Zeitspanne. Die Essanfälle gehen mit einem Kontrollverlusterleben einher und bereiten Betroffenen einen hohen Leidensdruck. Mehrere Studien fanden heraus, dass das Binge-Eating die häufigste Essstörung unter Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 ist [1,2].
Drei wichtige Ziele einer nationalen Studie
Die niederländische Querschnitts-Studie ist Teil des Diabetes MILES (Management and Impact for Long-term Empowerment and Success), welches sich mit nationalen Online-Umfragen zu psychosozialen Auswirkungen von Diabetes beschäftigt. Folgende Ziele verfolgte die Studie [3]:
- Untersuchung der Prävalenz der Binge-Eating-Störung unter Patienten mit Diabetes Typ 1 und Typ 2, um Vergleiche zwischen beiden Diabetes Typen und der jeweiligen Therapieform ziehen zu können
- Feststellung von Unterschieden zwischen Patienten mit und ohne eine Binge-Eating-Störung im Essverhalten (gezügelt, emotional, außenreizgesteuert), Art der Diabetesbehandlung (Insulin, orale Antidiabetika, Insulinpumpe, Lebensstil), Gewicht, Body-Maß-Index (BMI), Diabetesergebnissen (HbA1c, Hyper- und Hypoglykämie, Krankenhausaufenthalten, Komplikationen) und psychischen Komorbiditäten (Depression, Angstzustände, Essstörungen, Diabetes-Distress)
- Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Binge-Eating und HbA1c, BMI und Diabetes-Distress
Studiendesign
Für die Querschnitts-Studie wurden Teilnehmer mit Hilfe niederländischer, gesundheitsbezogener Medienkanäle rekrutiert. Die Teilnehmer, die die Kernfragen der Studie beantworteten (73% aller Teilnehmer, davon n= 1.417 mit Diabetes Typ 1, n= 1.884 mit Diabetes Typ 2), wurden per Zufall einem von fünf Modulen mit Zusatzfragen zugeteilt. Zwei dieser Module beinhaltete Fragen zum Essverhalten. Die Studienstichprobe umfasste alle Teilnehmer, die alle Fragen zum Essverhalten beantwortet hatten (n= 1.317). Anschließend bildete man drei Subgruppen: Diabetes Typ 1, Diabetes Typ 2 mit Insulintherapie und Diabetes Typ 2 ohne Insulintherapie.
Prävalenz des Binge-Eating bei Diabetes Typ 1 und 2
Von 1.317 Teilnehmern berichteten 23% (n= 308) über eine Binge-Eating-Störung. 16% (n= 206) aller Teilnehmer gaben an, dass sie einmal im Monat einen Essanfall hätten und 6% (n= 79) einmal in der Woche. Darüber hinaus gaben 16% ein Kontrollverlusterleben an, das sind 70% derjenigen mit einer Binge-Eating-Störung.
Hinsichtlich der Prävalenz der Binge-Eating-Störung fand man weder einen Unterschied zwischen den beiden Diabetestypen 1 und 2 noch zwischen den Behandlungsformen (mit Insulin bzw. ohne Insulin). Ebenfalls unterschieden sich beide Diabetestypen weder in der Frequenz der Essanfälle noch in der Häufigkeit des Kontrollverlusterlebens.
Binge-Eating betrifft junge Diabetiker
In den Subgruppen Diabetes Typ 1, Diabetes Typ 2 mit Insulintherapie und Diabetes Typ 2 ohne Insulintherapie zeigte sich, dass die an Binge-Eating leidenden Betroffenen jünger waren als die nicht betroffenen Diabetiker.
Bing-Eating beeinflusst das Essverhalten
In allen Subgruppen (Diabetes Typ 1, Diabetes Typ 2 mit Insulintherapie, Diabetes Typ 2 ohne Insulintherapie) gaben Diabetiker mit einer Binge-Eating-Störung häufiger ein gezügeltes, emotionales und außenreizgesteuertes Essverhalten an als solche ohne eine Binge-Eating-Störung. Es ließen sich auch Differenzen in Gewicht und BMI feststellen: Diese Variablen waren in allen Subgruppen bei den an Binge-Eating betroffenen Diabetikern höher als bei den Nichtbetroffenen. In der Gruppe der Typ-1-Diabetiker war der HbA1c-Wert bei denen, die an Binge-Eating litten, höher als bei denen ohne eine Binge-Eating-Störung.
Korreliert Binge-Eating mit psychischen Komorbiditäten?
Die Studie fand heraus, dass in allen Subgruppen Diabetiker, die eine Binge-Eating-Störung angegeben hatten, häufiger unter depressiven und Angstzuständen litten als solche ohne eine Binge-Eating-Störung.
HbA1c, Body-Maß-Index und Diabetes-Distress
Um den Zusammenhang von Binge Eating mit HbA1c, BMI und Diabetes-Distress in der Gesamtstichprobe untersuchen zu können, führte man drei hierarchische Regressionsanalysen mit HbA1c, BMI und Diabetes-Distress als abhängige Variablen durch. Diese zeigten, dass Binge Eating unabhängig mit höherem HbA1c-Wert (β =0,12, p=0,001), BMI (β=0,13, p<0,001), aber nicht mit Diabetes-Distress assoziiert war.
Limitationen der Studie
Da es sich um eine Querschnitts-Studie handelt, lassen sich keine Rückschlüsse auf Kausalitäten schließen. Zudem stammen die Informationen über HbA1c, Gewicht, Größe, BMI, Essverhalten, Depression, Angst und Diabetes-Distress aus Selbstberichtangaben, die Erinnerungsverzerrungen unterliegen könnten.
In Zukunft sollten Längsschnitt-Studien hinsichtlich der Beziehung zwischen Binge-Eating, psychischer Gesundheit, Essverhalten, HbA1c und BMI durchgeführt werden.