Laut Professor Dr. Matthias Laudes vom Institut für klinische Diabetologie und Stoffwechselforschung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, basiert die Adipositas auf einer gestörten Gen-Umwelt-Interaktion. Der Mensch ist genetisch programmiert, bei Nahrungsangebot Reserven anzulegen. Das führt bei einem Überangebot an energiereicher Nahrung und einem überwiegend sitzenden Lebensstil bei immer mehr Menschen zu Übergewicht und Adipositas. In den Vereinigten Staaten sind bereits über 40 % der Einwohner adipös (Body Mass Index ≥ 30 kg/m²), berichtete Laudes anlässlich des DGIM-Kongresses 2026 in Wiesbaden. Deutschland steht mit einer Adipositasrate von gut 20 % noch relativ gut da – Tendenz steigend.
Adipositas: Chronische Erkrankung
Die Adipositas ist eine chronische Erkrankung, betonte Laudes. Der Glucagon-like Peptide-1-Rezeptoragonist (GLP-1-RA) Semaglutid und der duale Agonist von GLP-1 und GIP (Abk. für Glucose dependent Insulinotropic Peptide) Tirzepatid behandeln diese chronische Erkrankung effektiv. In der Phase-III-Studie SURMOUNT-1 reduzierte sich das Körpergewicht bei Teilnehmern mit Adipositas und teilweise bereits Prädiabetes mit drei Dosierungen des dualen Inkretinmimetikums Tirzepatid um 12,5 bis 19,7 %, in der Placebo-Gruppe nur bei einer kalorienreduzierten Ernährung und erhöhter körperlicher Aktivität, die alle Teilnehmer erhalten hatten, um 1,3 %.
Diabetes vorbeugen
Die Kombination von Lebensstilmaßnahmen mit Tirzepatid hatte auch einen präventiven Effekt: In den Tirzepatid-Gruppen erhielten weniger Patienten im Studienverlauf die Diagnose eines Typ-2-Diabetes als in der Placebo-Gruppe. Die Prävention eines Diabetes konnte in der SELECT-Studie auch für die Therapie der Adipositas mit Semaglutid gezeigt werden. Semaglutid in einer Dosis von 2,4 mg reduzierte bei Patienten mit Adipositas und kardiovaskulärer Erkrankung, aber ohne Diabetes, das relative Risiko für die Entwicklung eines Diabetes (definiert als ein HbA1c >6,5 %) gegenüber Placebo um 73 %.
Weiter behandeln oder Absetzen?
Semaglutid oder Tirzepatid zur Adipositastherapie und Prävention von Adipositas-assoziierten Erkrankungen können ebenso wenig ohne Wirkverlust abgesetzt werden wie Blutdruckmedikamente bei Hypertonie, erklärte Laudes. In der Langzeitbeobachtung der SURMOUNT-1-Studie ging das Körpergewicht nach Absetzen in Woche 176 in allen Verumgruppen wieder in die Höhe. In der Phase-III-Absetzstudie SURMOUNT-4 zeigte sich, dass bei fortgesetzter Therapie mit Tirzepatid das Gewicht bei 88 % der Behandelten stabil blieb und sich im Mittel noch um 5,5 % weiter reduzierte, während bei Umsetzen auf Placebo in Woche 36 das Gewicht bis Woche 88 wieder um 14 % zunahm.
Langzeittherapie mit GLP-1-RA sicher?
Bedenken wegen möglicher Langzeitnebenwirkungen der Adipositastherapie mit Inkretinmimetika versuchte Laudes auszuräumen. Gastrointestinale Nebenwirkungen sind die häufigste Folge der Therapie und teilweise der Wirkung der Inkretinmimetika geschuldet, erläuterte er: Im Gehirn erzeugen Inkretine das Signal der Sättigung, die Magenentleerung wird verzögert, weil vermeintlich noch Nahrung im Darm ist, und bei weiterer Nahrungszufuhr kann es zu Übelkeit und Erbrechen kommen. Diese Nebenwirkungen sind meist vorübergehend.
Frühzeitig vor OP absetzen
Wirklich relevant ist die verzögerte Magenentleerung bei GLP-1-RA für elektive chirurgische Eingriffe, betonte Laudes. Sie erhöht das Aspirationsrisiko. Deshalb wird empfohlen, Inkretin-basierte Therapien ein bis zwei Wochen vor einer elektiven Operation abzusetzen.
Erhöhtes Pankreatitisrisiko nicht bestätigt
Es wurde auch über ein erhöhtes Risiko für akute Pankreatitiden im Zusammenhang mit GLP-1-RA berichtet. Zu Beginn der Therapie komme es teilweise zu einem Anstieg der Lipase, erläuterte Laudes. Bei Hochrisiko-Patienten mit Typ-2-Diabetes und einer vorangegangenen akuten Pankreatitis führte nach einer Auswertung von Real-World-Daten die Therapie mit einem GLP-1-RA aber nicht zu einer erhöhten Pankreatitis-Häufigkeit. Er würde allerdings in der Situation einer akuten Pankreatitis keine Inkretin-Therapie beginnen, ergänzte Laudes.
Okuläre Nebenwirkungen
Unter Semaglutid wurde das Auftreten einer nicht-arteriitischen anterioren ischämischen Opticusneuropathie (NAION) beschrieben. Das sei noch nicht ganz aus der Welt, meinte Laudes, berichtete aber, dass Registerstudien das erhöhte NAION-Risiko bislang nicht verifiziert hätten. Er selbst habe bislang keine Patienten mit solchen okulären Nebenwirkungen gesehen.
Sarkopenie-Risiko
Die Entwicklung einer Sarkopenie ist bei einer Gewichtsreduktion immer Thema, gab Laudes zu. Ein Muskelmasseverlust ist bei einer Gewichtsreduktion der Größenordnung von 10–20 % nicht ganz zu verhindern. Wichtig ist, ob auch Muskelfunktion verloren geht, gemessen beispielsweise anhand der Handkraft. Bei älteren Patienten, die Semaglutid zur Therapie des Typ-2-Diabetes erhalten, sei das ein Thema. Bei jüngeren Patienten mit Adipositas komme es dagegen sogar zu einer Verbesserung der Handkraft und einer prozentualen Zunahme der fettfreien Masse. Eine Post-hoc-Analyse der Studie SURPASS-3 MRI mit Patienten mit Typ-2-Diabetes belegte mit Tirzepatid eine Verbesserung der Körperfettverteilung und eine Reduktion der intramuskulären Fettinfiltration. Das deutet darauf hin, dass unter der Therapie nicht Muskelmasse, sondern Fett im Muskel reduziert wird und die Muskelgesundheit womöglich eher erhöht wird.
Weitere Sicherheitssignale bislang nicht bestätigt
Das Risiko für Schilddrüsenkarzinome unter Inkretinmimetika, das im Tiermodell beobachtet wurde, hat sich bislang beim Menschen nicht bestätigt. Mäuse und Ratten haben GLP-1-Rezeptoren in der Schilddrüse, Menschen nicht, erläuterte Laudes. Auch eine erhöhte Suizidalität konnte nicht bestätigt werden. Zur Demenzprävention ist Semaglutid wahrscheinlich nicht wirksam.
Nebenwirkung Baby
Ungewollte Schwangerschaften können ein Effekt der Gewichtsreduktion mit Semaglutid oder Tirzepatid sein. Die Gewichtsreduktion verbessert wie nach bariatrischen Operationen ein vorbestehendes polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS). Daher sollten die Patienten auf die Notwendigkeit einer Verhütung in der Zeit der deutlichsten Gewichtsreduktion (sechs bis zwölf Monate) hingewiesen werden. Die embryotoxikologische Einordnung der Medikamente ist noch unklar. Aktuell sollte die Therapie mit den Inkretinmimetika mindestens zwei Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden.












