Adipositas ist mit einer erhöhten Krankheitslast und Mortalität verbunden. Ob sie bereits per se als Erkrankung gilt oder erst durch klinische Folgen Krankheitswert erhält, wird weiterhin diskutiert. Eine Kommission hat deshalb Kriterien vorgeschlagen, um zwischen präklinischer und klinischer Adipositas unterscheiden zu können.
Neue Kriterien für klinische Adipositas
Gemäß dem vorgeschlagenen Konzept wird eine über den Body Mass Index (BMI) definierte Adipositas zunächst durch zusätzliche Messungen oder eine direkte Körperfettmessung bestätigt. Sie gilt als klinisch, wenn Zeichen, Symptome oder Befunde auf eine adipositasbedingte Funktionsstörung eines oder mehrerer Organsysteme hinweisen oder wenn relevante Einschränkungen im Alltag bestehen. Fehlen solche Manifestationen, wird die Adipositas als präklinisch eingeordnet.
Diese Einteilung soll Therapieentscheidungen stärker am individuellen Risiko ausrichten. Ihre Anwendung bleibt jedoch anspruchsvoll, da Kriterien wie Hypertonie, Dyslipidämie oder Hyperglykämie zwar klinisch relevant, aber nicht adipositasspezifisch sind.
Neue Kriterien in Bevölkerungsdaten geprüft
In einer aktuellen Analyse wurde untersucht, wie häufig präklinische und klinische Adipositas in Bevölkerungsdaten vorkommen, wie sie mit Typ-2-Diabetes, Myokardinfarkt und Schlaganfall zusammenhängen und ob eine Lebensstilintervention den Anteil klinischer Adipositas senken kann.
Dazu wurden Daten aus den Studien NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey, 2017–2018), EPIC Potsdam (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition, DRKS00020593) und der Tübinger Lifestyle-Interventionsstudie (TULIP) ausgewertet.
BMI-basierte Adipositas fast immer bestätigt
Bei Erwachsenen mit einem nach BMI definierten Adipositas-Status wurde dieser in den Studien NHANES und EPIC Potsdam nahezu immer durch mindestens einen zusätzlichen Parameter bestätigt. In NHANES lagen die Bestätigungsraten je nach Messgröße zwischen 91,6 und 99,9 %, in EPIC Potsdam zwischen 73,1 und 100 %. Mit höherer BMI-Klasse nahm die Übereinstimmung weiter zu. Bei Adipositas Grad II oder III bestätigte der Taillenumfang die BMI-Klassifikation nahezu immer.
Für bevölkerungsbezogene Analysen scheint die zusätzliche Bestätigung jedoch nur einen begrenzten Zusatznutzen zu haben. In der individuellen Risikobewertung können Messungen der Fettverteilung dennoch hilfreich sein.
Klinische Adipositas deutlich häufiger
In der repräsentativen US-Stichprobe lag die Prävalenz von klinischer Adipositas bei 36,0 %, die von präklinischer Adipositas bei 7,6 %. Unter den Erwachsenen mit bestätigter Adipositas erfüllten 82,6 % mindestens ein klinisches Kriterium; in der EPIC-Potsdam-Studie waren es 92,1 %.
Klinische Adipositas trat mit steigendem BMI und höherem Alter häufiger auf. In NHANES reichte der Anteil von 69,0 % bei den 20- bis 44-Jährigen bis 99,0 % bei Personen ab 65 Jahren. Frauen und Männer unterschieden sich kaum. Am häufigsten wurden kardiovaskuläre Kriterien erfüllt, Einschränkungen der Alltagsaktivität waren deutlich seltener.
Metabolische Definition beeinflusst die Klassifikation
Für die Einstufung als klinische Adipositas ist das metabolische Kriterium streng definiert als Kombination aus Hyperglykämie, erhöhten Triglyceriden und niedrigem HDL-Cholesterin. Dadurch können Personen mit einzelnen relevanten metabolischen Auffälligkeiten weiterhin als präklinisch eingestuft werden. Wurden solche Auffälligkeiten hingegen bereits als Hinweis auf klinische Adipositas gewertet, stieg deren Anteil in NHANES auf 96,3 % und in EPIC Potsdam auf 98,5 %.
Höheres Risiko für Diabetes und kardiovaskuläre Ereignisse
In der EPIC-Potsdam-Studie war klinische Adipositas deutlich mit einem höheren Risiko für Typ-2-Diabetes, Myokardinfarkt und Schlaganfall assoziiert. Präklinische Adipositas ging ebenfalls mit einem erhöhten Diabetesrisiko einher, was aber aufgrund der kleinen Gruppe zurückhaltend interpretiert werden sollte. Ein klarer Risikozuwachs für kardiovaskuläre Erkrankungen zeigte sich nur bei klinischer Adipositas.
Auch Personen ohne bestätigte Adipositas hatten ein erhöhtes kardiometabolisches Risiko, wenn sie die klinischen Kriterien erfüllten. Die Kriterien erfassen somit relevante Risikomarker, spiegeln aber nicht ausschließlich adipositasbedingte Funktionsstörungen wider.
Lebensstilintervention reduzierte klinische Kriterien
In der TULIP-Studie sank der Anteil der Teilnehmer mit klinischer Adipositas nach neun Monaten, vor allem bei denen mit einer Gewichtsabnahme von mehr als 3 %, von 71 % auf 57 %. Gleichzeitig verbesserten sich kardiovaskuläre, metabolische und renale Parameter. Besonders deutlich waren die Effekte auf Triglyceride und Prädiabetes: Der Anteil der Personen mit Prädiabetes sank von 52 auf 29 %. Eine Remission von klinischer Adipositas trat häufiger bei jüngeren Personen und geringerem intrahepatischem Fettgehalt.
Kriterien benötigen weitere Validierung
Die Studie zeigt, dass die vorgeschlagenen Kriterien für klinische Adipositas einen großen Teil der Erwachsenen mit bestätigter Adipositas erfassen. Die Einteilung kann kardiometabolische Risiken sichtbar machen, muss aber weiter validiert werden, um adipositasbedingte Organdysfunktionen besser von allgemeinen Risikofaktoren abzugrenzen.











