DDG 2025: Potenzielle Risiken in der Ernährungstherapie

Eine zentrale Rolle in der Behandlung von Adipositas und Typ-2-Diabetes spielt die Ernährungstherapie. Doch auch bei bewährten Diätformen können unerwünschte Effekte auftreten, wenn sie ohne individuelle Anpassung und fachliche Begleitung durchgeführt werden.

Ernaehrung_Diabetes

Die Ernährungstherapie ist eine zentrale Maßnahme in der Behandlung von Adipositas und insbesondere bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 ein essenzieller Bestandteil der leitliniengerechten Versorgung. Auf dem DDG-Kongress thematisierte Prof. Diana Rubin potenzielle Risiken ausgewählter Diätformen, vor allem im Falle einer unzureichenden therapeutischen Begleitung.

Potenzielle Risiken trotz etablierter Diätformen

Die von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) empfohlenen Ernährungskonzepte gelten als sicher und effektiv. Dazu zählen unter anderem moderate Low-Carb-Ernährungsweisen, Low-Fat-Strategien, Intervallfasten und Formula-Diäten. Diese Formen weisen bei professionell begleiteter Umsetzung in der Regel eine gute Verträglichkeit auf. Dennoch können im Einzelfall Risiken auftreten, etwa Hypoglykämien bei kohlenhydratreduzierter Kost oder Hypotonien bei gleichzeitiger Einnahme von Antihypertensiva. Eine strukturierte und kontinuierliche Betreuung durch qualifizierte Ernährungsexperten ist für die sichere und wirksame Umsetzung der Ernährungstherapie unerlässlich.

Psychosoziale Aspekte beeinflussen den Erfolg

Das Ernährungsverhalten wird nicht allein durch physiologische Faktoren bestimmt. Auch hedonistische, symbolische sowie kulturelle Aspekte spielen eine wesentliche Rolle. Diäten, die diese Dimensionen ausblenden, können zu Frustration, Abbruch oder gar zu Essstörungen führen. Prof. Rubin verwies auf Empfehlungen der französischen Gesundheitsbehörde ANSES, wonach standardisierte Diätpläne ohne Individualisierung potenziell mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Im Mittelpunkt jeder Intervention müsse daher stehen, wie der Patient mit der jeweiligen Ernährung zurechtkommt.

Begrenzte Übertragbarkeit kontrollierter Diätstudien

In vielen kontrollierten Studien zur Gewichtsreduktion kommt eine festgelegte „Standard-Diät“ zum Einsatz. Prof. Rubin wies jedoch darauf hin, dass dadurch individualisierte und alltagsnahe Ernährungskonzepte kaum erfasst werden. Die daraus resultierende eingeschränkte Übertragbarkeit auf die Praxis könne zu falschen Erwartungen führen. Als positives Beispiel nannte sie die PREDIMED-Studie (ISRCTN35739639), in der gezielt einzelne Lebensmittel wie Olivenöl und Nüsse zum Einsatz kamen, die sich gut in den Alltag integrieren ließen.

Makro- und Mikronährstoffmängel beachten

Je nach Diätform können relevante Nährstoffdefizite entstehen. Very-low-calorie diets (VLCDs) mit weniger als 800 kcal pro Tag gelten nur in Form standardisierter Formuladiäten unter ärztlicher Kontrolle als sicher. Heilfasten oder stark restriktive Diäten ohne klare Struktur sind aus ernährungsmedizinischer Sicht hingegen nicht empfehlenswert. Risiken sind insbesondere ein Mangel an Makro- und Mikronährstoffen, Muskelmasseverlust und der Jojo-Effekt.

Spezifische Risiken bei speziellen Diätformen

Auch bei sehr fettarmen oder kohlenhydratfreien Diäten können potenzielle Nebenwirkungen auftreten, die eine kritische Bewertung der jeweiligen Ernährungsform erforderlich machen. Letztere können zu Hypoglykämien oder Ketosen führen, während erstere sich negativ auf die Knochengesundheit auswirken können. Eine unzureichende Eiweißzufuhr erhöht zudem das Risiko für Sarkopenie, Infektanfälligkeit und Ödeme. Besonders kritisch ist die Eisenversorgung: 80 % der analysierten Diäten enthielten nicht ausreichend Eisen für Frauen.

Langfristige Gewichtsstabilisierung bleibt eine Herausforderung

Nach einer erfolgreichen Gewichtsreduktion ist es häufig schwierig, das Gewicht langfristig zu halten. Rund 80 % der Probanden nehmen innerhalb eines Jahres wieder zu. Die Ursachen hierfür sind eine zu starke Kalorienrestriktion ohne nachhaltige Verhaltensanpassung, fehlende körperliche Aktivität sowie die Vernachlässigung individueller Ernährungsgewohnheiten. Auch der Verlust an Muskelmasse senkt den Grundumsatz und begünstigt somit eine erneute Gewichtszunahme. Bewegung ist daher ein zentraler Bestandteil jeder nachhaltigen Adipositastherapie.

Nebenwirkungen für Leber, Niere und Psyche berücksichtigen

Diäten mit sehr geringer Kalorienzufuhr wurden mit entzündlichen Veränderungen in Leber und Darm sowie mit einer erhöhten Inzidenz von Gallensteinen und Leberfibrosen in Verbindung gebracht. Proteinreiche Diäten, die den empfohlenen Wert von 2,2 g pro kg Körpergewicht überschreiten, können bei einer vorliegenden Nierenerkrankung problematisch sein und müssen ärztlich abgeklärt werden.

Auch psychische Begleiterscheinungen spielen eine wichtige Rolle. Wiederholte Diätversuche mit nachfolgender Gewichtszunahme – das sogenannte Weight Cycling – können das Selbstwertgefühl mindern und depressive Verstimmungen fördern. Prof. Rubin verwies auf den „Circulus vitiosus der Gewichtsreduktion“, bei dem sich Frustration, Essanfälle und emotionale Belastungen gegenseitig verstärken können.

Ernährungstherapie als Teil eines interdisziplinären Gesamtkonzepts

Die Ernährungstherapie ist ein wirksames und unverzichtbares Instrument in der Adipositasbehandlung. Ihr Nutzen entfaltet sich jedoch nur bei individueller Anpassung, fachlicher Begleitung und in Kombination mit Bewegung. Da Adipositas eine multifaktoriell bedingte chronische Erkrankung ist, erfordert ihr Management ein interdisziplinäres Team aus Ernährungsspezialisten, Diabetologen, Endokrinologen und Psychologen.

Autor:
Stand:
04.06.2025
Quelle:

Rubin D. et al.: „Ernährungstherapie - Immer ohne Nebenwirkungen?“, Diabetes Kongress 2025 der Deutschen Diabetes Gesellschaft e.V. (DDG), Berlin, 31. Mai 2025

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