Die meisten Patienten mit Typ-2-Diabetes müssen nach Metformin – dem Standardarzneimittel zur Blutzuckerkontrolle – ein Zweitlinienmedikament hinzufügen, um ihren Blutzuckerspiegel zu kontrollieren. Diese Zweitlinientherapie wird nicht immer zufriedenstellend befolgt, wie eine im “The American Journal of Managed Care”veröffentlichte Studie gezeigt hat [1].
Eine Untersuchung des Northwestern Medicine in Illinois, USA, mit mehr als 82.000 Teilnehmern ergab, dass innerhalb eines Jahres nach der ersten Verschreibung fast zwei Drittel der Patienten entweder das antidiabetische Medikament (ADM) absetzten, zu einer anderen Medikamentenklasse wechselten oder ihre Behandlung intensivierten. Das kostet Praxisressourcen und verursacht unnötige Kosten im Gesundheitssystem. Im Falle des Absetzens kann es dazu führen, dass der Typ-2-Diabetes nur unzureichend behandelt wird.
Daten von mehr als 82.000 Diabetes-Typ-2-Patienten ausgewertet
In die Analyse wurden insgesamt 82.624 Erwachsene einbezogen, die eines der folgenden fünf Antidiabetika erhielten:
- Sulfonylharnstoffe
- Dipeptidylpeptidase-4-Hemmer (DPP-4-Inhibitoren, Gliptine)
- Natrium-Glukose-Cotransporter-2-Hemmer (SGLT-2-Inhibitoren)
- Glucagon-like peptide 1 (GLP-1)-Rezeptoragonisten (GLP-1-RAs, Inkretinmimetika)
- Thiazolidindione
Die Daten wurden aus den Anmeldedateien der Krankenkassen, den stationären und ambulanten medizinischen Abrechnungen sowie den Apothekenabrechnungen, die zwischen Juli 2013 und Dezember 2017 gesammelt wurden, entnommen. Der Nachbeobachtungszeitraum betrug zwölf Monate.
Behandlungsänderungen bei Diabetes Typ-2
Fast zwei Drittel (63,6%) der Diabetes-Typ-2-Patienten änderten ihre Zweitlinienbehandlung innerhalb eines Jahres nach Behandlungsbeginn. Insgesamt setzten 38,6% ihr Medikament ab; bei den Patienten, denen Inkretinmimetika verschrieben wurden, beendete sogar die Hälfte (50%) deren Anwendung. 19,8% aller Patienten intensivierten die Medikation und 5,2% wechselten die Wirkstoffklasse.
Patienten, denen DPP-4-Inhibitoren oder GLP-1-RAs verordnet wurden, neigten häufiger dazu, ihr Medikament abzusetzen im Vergleich zu denen, die Sulfonylharnstoffe einnahmen (Hazard Ratio [HR] 1,07; 95%-Konfidenzintervall [95%-KI] 1,04 bis 1,10 bzw. HR 1,28, 95%-KI 1,23 bis 1,33). Das Risiko eines Medikamentenwechsels war in allen Gruppen höher und die Raten der Intensivierung niedriger als bei den Sulfonylharnstoffen.
Assoziation mit gastrointestinalen Nebenwirkungen wahrscheinlich
Obwohl den Wissenschaftlern keine Daten zu den Gründen für das Absetzen der Behandlung vorlagen, könnte die besonders hohe Absetzungsrate bei den Inkretinmimetika auf unerwünschte gastrointestinale Nebenwirkungen zurückzuführen sein, etwa Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Diese unerwünschten Wirkungen werden vor allem bei Patienten beobachtet, die Wirkstoffe dieser Arzneimittelklasse zur Diabeteskontrolle und Gewichtsabnahme nutzen.
Die längere Verweildauer der Patienten mit Sulfonylharnstoffen könnte mit den Kosten zusammenhängen, spekulieren die Studienautoren. Zudem merken sie an, dass diejenigen, die Sulfonylharnstoffe einnahmen, etwas häufiger als die Gesamtpopulation der Studie 65 Jahre oder älter waren oder über einen Gesundheitsplan (Medicare Advantage Plan) verfügten.
Risiken des Absetzens von Zweitlinien-Antidiabetika
„Das Absetzen ist problematisch. Vermutlich sagt der Arzt: 'Sie müssen ein neues Medikament zur Kontrolle Ihres Typ-2-Diabetes beginnen', und dann hört innerhalb eines Jahres die Hälfte von ihnen einfach auf, ohne ein Austauschmedikament einzunehmen, und das ist keine gute Sache“, sagte der korrespondierende Autor David Liss, Forschungsprofessor für Allgemeine Innere Medizin an der Feinberg School of Medicine der Northwestern University.
Für viele Patienten in dieser Studie würde das Absetzen eines Zweitlinien-Antidiabetikums nicht sofort zu Symptomen einer Hyperglykämie oder zu medizinischen Notfällen führen, fügte Liss an. Das Absetzen setze diese Patienten dennoch einem größeren Risiko für nachgelagerte Krankenhausaufenthalte im Zusammenhang mit Diabetes aus.
Endokrinologe versus Allgemeinmediziner
Das Risiko des Absetzens war geringer und das Risiko der Intensivierung höher, wenn das Medikament von einem Endokrinologen verschrieben wurde, im Vergleich zu einem Allgemeinmediziner oder einem Internisten. Dieser Unterschied könnte daran liegen, dass Endokrinologen eine besondere Expertise in den neueren Klassen von Diabetesmedikamenten hatten, was ihre Fähigkeit verbesserte, die Vor- und Nachteile von Arzneimitteln bei der Verschreibung mit den Patienten zu diskutieren, so Liss.
Des Weiteren zeigten die Ergebnisse, dass ein jüngeres Alter und weibliches Geschlecht mit einem höheren Risiko für eine Veränderung der Medikation verbunden waren.
Impulse für Ärzte und Patienten
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Patienten, die eine Änderung ihrer Behandlung oder eine Intensivierung erfahren hatten, dies nach Rücksprache mit ihrem Arzt taten. Die Entscheidung, ihr Medikament abzusetzen, wurde aber vermutlich ohne ärztliche Konsultation getroffen. „Unsere Ergebnisse können für Ärzte ein 'Weckruf' sein, dass viele ihrer Patienten die verordneten Medikamente nicht einnahmen“, sagt Liss.
Jetzt sind weitere Forschungsarbeiten erforderlich, um die Hindernisse für die Einhaltung der antidiabetischen Medikation und die Gründe für den Abbruch der Behandlung besser zu verstehen. Darüber hinaus sollten neue Verschreibungsansätze und Patientenunterstützungs-Systeme getestet werden, um die Therapietreue zu maximieren und die ineffiziente Nutzung von Ressourcen im Gesundheitswesen zu reduzieren, wenn Patienten eine Zweitlinientherapie mit ADM bekommen, so die Studienautoren. „Wenn Patienten eine Zweitlinien-ADM-Therapie kurz nach Behandlungsbeginn abbrechen, würden sowohl Ressourcen (bei den Gesundheitssystemen und den Patienten) als auch Zeit (bei den Patienten und den Ärzten) verschwendet.“









