Endometriose und Migräne: eine komplexe Schmerzkomorbidität

Endometriose und Migräne treten häufig gemeinsam auf. Eine neue Meta-Analyse mit über 330.000 Frauen bestätigt ein verdoppeltes Migränerisiko bei Endometriose-Patientinnen und liefert Ansatzpunkte für ein besseres Verständnis überlappender Schmerzmechanismen.

Endometriose - Migräne

Endometriose betrifft nach aktuellen Schätzungen zwischen 10 und 15 % der Frauen im reproduktiven Alter. Neben chronischen Beckenschmerzen, Dysmenorrhoe und Fertilitätsstörungen wird zunehmend deutlich, dass Endometriose mit systemischen Komorbiditäten assoziiert ist, darunter Autoimmunerkrankungen, Depressionen – und Migräne.

Migräne wiederum zählt mit einer globalen Prävalenz von etwa 14 % zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen und tritt bei Frauen rund dreimal häufiger auf als bei Männern. Diese Geschlechterdifferenz sowie hormonelle Einflüsse deuten auf gemeinsame pathogenetische Mechanismen hin, die möglicherweise auch die Assoziation mit Endometriose erklären könnten.

Frühere Studien wiesen auf ein erhöhtes Migränerisiko bei Endometriose hin, doch die berichteten Effektstärken variierten erheblich. Zudem war unklar, ob bestimmte Endometriose-Subtypen oder hormonelle Therapien das Risiko beeinflussen. Die aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse einer italienisch-britischen Arbeitsgruppe liefert nun die bislang umfassendste quantitative Bewertung dieser Beziehung.

EXPERTENKOMMENTAR

"Die vorliegende Meta-Analyse unterstreicht eindrucksvoll, dass die Komorbidität von Migräne und Endometriose bislang unterschätzt wurde und klinisch deutlich stärker berücksichtigt werden sollte. Besonders hervorzuheben ist, dass die Daten auf gemeinsame pathophysiologische Schnittstellen – etwa neuroinflammatorische und hormonelle Mechanismen – hinweisen, die beide Erkrankungen gegenseitig verstärken können. Diese Befunde sollten Anstoß geben, diagnostische Strategien zu schärfen und das Potenzial übergreifender therapeutischer Ansätze systematisch weiterzuverfolgen."

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee

Oberärztin Klinik für Neurologie, Leiterin Westdeutsches Kopfschmerz- und Schwindelzentrum, Universitätsklinikum Essen

Wie hoch ist die Koinzidenz von Migräne und Endometriose?

Ziel der Arbeit war es, die epidemiologische Belastung und den kausalen Zusammenhang zwischen Endometriose und Migräne zu bestimmen. Dabei sollten insbesondere methodische Schwächen bisheriger Untersuchungen adressiert werden, etwa Heterogenität in Diagnosedefinitionen, fehlende Adjustierung relevanter Störfaktoren (z. B. hormonelle Therapie) und mangelnde Subgruppenanalysen nach Migränetyp.

Für die qualitative Analyse wurden 14 und für die quantitative 13 Beobachtungsstudien eingeschlossen, die die Prävalenz oder das Risiko von Migräne bei Frauen mit Endometriose im Vergleich zu Kontrollgruppen ohne Endometriose untersuchten. Das Gesamtkollektiv umfasste 331.655 Frauen, darunter 32.489 mit Endometriose und 299.166 Kontrollen. 

Die Meta-Analyse basierte auf einem Random-Effects-Modell zur Berechnung gepoolter Odds Ratios (OR) mit 95 %-Konfidenzintervallen.

Risiko für Migräne ohne Aura besonders hoch 

Die gepoolte Analyse zeigte ein signifikant erhöhtes Risiko für Migräne bei Frauen mit Endometriose im Vergleich zur Kontrollgruppe:

  • Gesamt-Migräne: OR 2,25 (95 % KI 1,85–2,72; I² = 81 %)
  • Sensitivitätsanalysen:
  • Ausschluss von Studien mit hohem Bias: OR 2,64 (95 % KI 1,62–4,31)
  • Nur adjustierte Schätzungen: OR 2,35 (95 % KI 1,77–3,13)
  • Für Hormontherapie adjustiert: OR 1,95 (95 % KI 1,42–2,66)

Damit bleibt der Zusammenhang auch nach Kontrolle potenzieller Störfaktoren robust.

Besonders ausgeprägt war der Effekt für Migräne ohne Aura (OR 2,64; 95 % KI 1,89–3,69). Für Migräne mit Aura ergab sich dagegen kein signifikanter Zusammenhang (OR 3,47; 95 % KI 0,53–22,89), wobei die Datenlage begrenzt ist.

Die Autoren weisen allerdings auf eine hohe methodische Heterogenität und ein überwiegend ernstes bis sehr hohes Risiko für Bias hin. In rund der Hälfte der Studien wurden Diagnosen auf Basis von Selbstauskünften oder administrativen Kodierungen erhoben, was die Vergleichbarkeit einschränke.

Überlappende pathophysiologische Mechanismen

Die Assoziation zwischen Endometriose und Migräne lässt sich wahrscheinlich durch überlappende neuroimmunologische und hormonelle Mechanismen erklären. Beide Erkrankungen sind zyklusabhängig, östrogenassoziiert und gehen mit einer Dysregulation neuroinflammatorischer Signalwege einher.

Beteiligte Mediatoren umfassen Prostaglandine, Zytokine (z. B. IL-6, TNF-α) und vasoaktive Neuropeptide wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide). Darüber hinaus wird eine erhöhte zentrale Schmerzsensitivierung („central sensitization“) als gemeinsamer Nenner diskutiert. Diese könnte erklären, warum betroffene Patientinnen häufiger unter chronifizierten, multiplen Schmerzsyndromen leiden.

Bei Endometriose auch nach Migräne-Zeichen fahnden

Die vorliegenden Ergebnisse unterstreichen, dass Migräne bei Endometriose-Patientinnen nicht als zufällige Begleiterkrankung betrachtet werden sollte, sondern als klinisch relevante Komorbidität mit Einfluss auf Lebensqualität, Therapieplanung und Schmerzmanagement.

Für die Praxis ergibt sich bereits jetzt die Empfehlung, bei Patientinnen mit Endometriose aktiv nach Migränesymptomen zu fragen und umgekehrt bei Migränepatientinnen gynäkologische Ursachen zyklusabhängiger Schmerzen zu berücksichtigen. Ein interdisziplinärer Ansatz zwischen Gynäkologie, Neurologie und Schmerzmedizin kann so zu einer individuelleren und wirksameren Versorgung beitragen.

Zukünftige Studien sollten standardisierte Diagnosekriterien für Endometriose und Migräne anwenden, Störfaktoren wie hormonelle Therapie und psychische Komorbiditäten kontrollieren und Subgruppenanalysen (z. B. nach Endometriose-Typ, Zyklusphase oder Alter) durchführen.

 

Quelle:

Colombo, G. E., et al. (2025). The association between endometriosis and migraine: A systematic review and meta-analysis of observational studies. The Journal of Headache and Pain, 26(1), 82. DOI: 10.1186/s10194-025-02020-4.

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