Übelkeit und Erbrechen – kaum eine Schwangere bleibt davon verschont. 50 bis 80% der Schwangeren leiden an der Emesis gravidarum (Engl.: Nausea and Vomiting in pregnancy=NVP). Von Hyperemesis gravidarum ist die Rede, wenn sich die Betroffene mehr als fünfmal am Tag erbricht, sich eine Gewichtsabnahme von mehr als 5% des Körpergewichts einstellt oder Dehydratation und Ketose drohen.
Schon ab der 5.– 6. Schwangerschaftswoche kann es mit der Übelkeit losgehen. Im Allgemeinen halten diese Beschwerden 6 bis 8 Wochen an. Bei 10% der Frauen bestehen die Symptome jedoch über die 20. Schwangerschaftswoche hinaus, berichtet Dr. Wolfgang E. Paulus (Universität Ulm).
Auswirkungen schwerer Brechattacken auf das ungeborene Kind
Heftige Brechattacken und Dauerübelkeit können auch dem Baby schaden: so lässt sich bei stark betroffenen Frauen eine höhere Inzidenz von Neugeborenen verzeichnen, die zu klein für ihr Gestationsalter sind (SGA-Babys), und auch die Rate an Frühgeburten ist höher. Allerdings sind Spontanaborte und auch Fehlbildungen bei Frauen mit Hyperemesis gravidarum nicht häufiger als bei Schwangeren ohne diese Symptome, so Paulus weiter.
Obwohl Schwangerschaftserbrechen häufig ist, wird es oft als etwas abgetan, durch das Frauen einfach "hindurchgehen" müssen. Diese Haltung wird trotz der Tatsache aufrechterhalten, dass Schwangerschaftserbrechen das Wohlbefinden der Betroffenen beeinträchtigt und auch Risiken für das ungeborene Kind bergen kann. Obwohl es in Deutschland keine spezifische Leitlinie für Emesis gravidarum gibt, werden allgemeine Maßnahmen empfohlen, wie eine protein- und kohlenhydratreiche, aber fett- und säurearme Ernährung, Vermeidung von stark gewürzten Speisen, häufige kleine Mahlzeiten und Vermeidung von Auslösern wie unangenehmen Gerüchen, stressigen Situationen, Hitze und lauten Geräuschen oder Fahrten in schwankenden Fahrzeugen.
Weniger Übelkeit durch Ingwer
Vom amerikanischen College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) gibt es allerdings Therapieempfehlungen. (1) Darin wird unter anderem die auch als Hausmittel gegen Übelkeit bekannte Einnahme von Ingwer (4x 250 mg/d) empfohlen. Für die Wirkung gibt es auch Belege: Laut einer Metaanalyse lindern 1– 2 g Ingwer täglich die Schwangerschaftsübelkeit – ohne jedoch die Häufigkeit von Erbrechen zu reduzieren. Relevante Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet. Niedere Dosierungen (1-1,5 g/d) waren wirksamer als höhere Dosierungen (> 2 g/d).
Metoclopramid nicht länger als fünf Tage
Das Mittel der ersten Wahl bei Übelkeit sei gemeinhin Metoclopramid. Dies gilt allerdings nicht für Schwangere! Hier ist der Einsatz off-label und sollte nur bei Versagen von Antihistaminika und nicht länger als fünf Tage angewendet werden, so Paulus.
Ondansetron – Gefahr für Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten
Auch die bei Patienten unter zytostatischer Therapie bewährten Emetika mit 5-HT3-Rezeptorantagonisten sind für Schwangere wohl nicht geeignet. Zumindest wurde für Ondansetron ein - wenn auch gering - erhöhtes Risiko für orofaziale Spaltbildungen nachgewiesen.
Vitamin B6 supplementieren
Was also tun, damit Schwangeren nicht dauernd schlecht ist und sie auch arbeiten können? Hier hat das amerikanischen College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) ACOG zwei Vorschläge: entweder hochdosiert Vitamin 6 (Pyridoxin) allein oder in Kombination mit dem Antihistaminikum Doxylamin. Wie eine Metaanalyse ergab, hat eine Supplementierung mit Pyridoxin, sowohl allein als auch in Kombination mit einem Antiemetikum, positive Auswirkungen auf Schwangere mit NVP hat.
Doxylamin als Schlafmittel bewährt
Das Antihistaminikum Doxylamin besitzt unterschiedliche Wirkungen. Unter anderem blockiert es die H1-Rezeptoren im Brechzentrum des Gehirns und verhindert so die Ausbreitung der Impulse von Übelkeit und Erbrechen.
Außerdem macht es müde. Daher ist es seit langem in vielen Schlafmitteln (z.B. Hoggar® Night Tabletten, SchlafTabs ratiopharm® 25 mg Tabletten u.v.a.m.) enthalten. Entsprechend bestehen langjährige Erfahrungen mit dieser Substanz und auch Metaanalysen bescheinigen Doxylamin eine hohe Arzneimittelsicherheit, so Paulus.
Kombination Doxylamin/Pyridoxin
Zur Behandlung von NVP hat die Kombination Doxylamin 10 mg / Pyridoxin 10 mg mit verzögerter Wirkstofffreisetzung in den USA 2013 durch die FDA eine Neuzulassung bekommen. Grundlage dafür war eine randomisierte, doppelblinde, multizentrische, placebokontrollierte Studie bei der über 14 Tage die unter NVP leidenden Schwangeren entweder Doxylamin/Pyridoxin (n=131) oder Placebo (n=125) erhielten.
Die Wirksamkeit wurde täglich anhand der "Pregnancy-Unique Quantification of Emesis" (PUQE)- Skala quantifiziert. Die PUQE-Skala umfasst 15 Punkte, wobei 0-6 Punkte leichte, 7-12 mittlere und über 12 Punkte eine schwere NVP klassifizieren (2).
Ergebnis: Unter der Verum-Medikation konnte bei den Patientinnen eine Verbesserung im PUQE-Score um 53% registriert werden, in der Placebogruppe nur um 44%.
Wirkung nimmt bis Tag 5 deutlich zu
In einer weiteren Studie konnte nachgewiesen werden, dass die Wirkung sich steigert. Der mittlere PUQE-Score von 9 Punkten fiel in der Verumgruppe im Mittel an Tag 3 auf 6 und an Tag 5 auf 5 Punkte ab. Unter Placebo kam es ebenfalls zu einem Symptomrückgang von 9 auf 6,8 Punkte an Tag 3 und 6 Punkte an Tag 5 (3).
Die Kombination aus 10 mg Pyridoxin und 10 mg Doxylamin ist unter dem Namen Xonvea® in Deutschland seit Februar 2022 vom Unternehmen Exeltis erhältlich.
Nachteil: Die antiemetische Wirkung setzt erst 6 bis 8 Stunden nach der Einnahme ein. Das führt zu dem etwas umständlichen Einnahmemodus der Tabletten 3x täglich (1 morgens, 1 nachmittags und 2 abends). Wie Paulus berichtete, ist in den USA ist bereits eine verbesserte Galenik zugelassen, bei der auf eine Phase der schnellen Freisetzung eine Phase der verzögerten Freisetzung folgt. Damit müssen nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Tabletten eingenommen werden. Auch die Verträglichkeit verbessere sich, da die Serumspielgel konstanter seien, so Paulus.











