Jährlich werden etwa 2 bis 3 Millionen Todesfälle durch Impfungen verhindert. Damit zählen Schutzimpfungen zu den effektivsten und kostengünstigsten medizinischen Präventionsmaßnahmen. Während die WHO bei Personen über 60 Jahren eine Impfquote mit Grippeschutzimpfungen von 75% empfiehlt, wurden in Deutschland in der Saison 2019/20 gerade knapp 40% erreicht. In einer Online-Veranstaltung der MSD Sharp & Dohme GmbH beschäftigten sich vier Referenten mit dem Thema der Impfquotensteigerung durch Apotheken.
Projekte im In- und Ausland
Derzeit wird in 36 Ländern weltweit in Apotheken geimpft. In 26 davon führen die Pharmazeuten die Impfungen selbst durch, in den restlichen 10 übernimmt dies medizinisches Personal vor Ort. Geimpft wird in den Apotheken insbesondere gegen das Grippevirus, aber beispielsweise auch gegen Hepatitis B, Masern, Keuchhusten und das Humane Papillomavirus (HPV).
Grippeschutzimpfung in deutschen Apotheken
In Deutschland wurden im Hinblick auf die zu niedrigen Impfraten nach Einführung des Masernschutzgesetzes die ersten Modellprojekte zu Grippeschutzimpfungen in Apotheken realisiert. Am 6. Oktober 2020 wurde die erste Impfung gegen Influenza in einer deutschen Apotheke durchgeführt. Martin Beutling, Leiter der Glocken Apotheke in Oberhausen und Impf-Apotheker berichtet, er habe im vergangenen Jahr 20 Personen geimpft, gewollt hätten sogar etwa 200 Personen. In anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich, zeigt das niedrigschwellige Impfangebot durch Apotheken bereits einen Anstieg der Impfquoten.
Die Apotheke als Mini-Klinik?
In den USA und auch Großbritannien und der Schweiz geht die Versorgung sogar noch einen Schritt weiter, erklärt Hauke Kalz, Senior Commercial Manager bei der INSIGHT Health GmbH & Co. KG. Apotheken dienten in Großbritannien als erste Anlaufstelle für Bagatellerkrankungen, um die Ärzte zu entlasten. In den USA gebe es vermehrt systematische Programme zur integrierten Versorgung und Betreuung wie das Community Pharmacy Enhanced Services Network (CPESN), ein klinisch integriertes Apothekennetzwerk, dass die Patientenversorgung mit breiten Versorgungsteams koordiniert. In der Schweiz werden derzeit sogenannte Mini Clinics erprobt, diese böten Patienten ohne Termin eine schnellzugängliche medizinische Versorgung. Dort wird unter anderem auch gegen das Influenzavirus geimpft. Ein ähnliches Konzept gibt es mit dem Gesundheitskiosk in Hamburg bereits auch in Deutschland.
Ergänzung zu Ärzten
Die Referenten sind sich weitgehend einig: mit den Apotheken entstünde ein breiteres niederschwelliges Impfangebot, das zur Entlastung der Ärzte führen würde. Dadurch würde die Zusammenarbeit mit Praxen gestärkt, so Jan Reuter, Inhaber der Central Apotheke in Walldürrn. Beutling stimmt dem zu und betont in diesem Zuge, dass das Ziel der Impfungen in Apotheken sei, das Impfangebot zu ergänzen und damit die Ärzte zu unterstützen, indem man ihnen Arbeit ab- und nicht wegnehme.
Apotheken erreichen andere Zielgruppen
Die Apotheken könnten mit dem Impfangebot Patienten erreichen, die nicht regelmäßig zum Arzt gehen, führt Reuter aus. Weiterhin sieht er eine Chance zur Stärkung der öffentlichen Apotheken, da vom Versandhandel kein Impfangebot gemacht werden könne. Die Impfungen böten durch neue Kundenkontakte zudem ein hohes ökonomisches Potential für Apotheken. Beutling ergänzt, dass auch die Öffnungszeiten beispielsweise an Samstagen ein Vorteil für viele Patienten darstellten.
Voraussetzungen für Impfungen in Apotheken
Die Bundesapothekerkammer (BAK) hat für die impfenden Apotheken ein Curriculum für die Schulung sowie eine Leitlinie, Arbeitshilfen und Formblätter entwickelt. Die Ausbildung besteht aus einem theoretischen Teil, in dem zunächst Grundwissen über Influenza und die Grippeschutzimpfungen wiederholt wird. Anschließend werden Details zum Aufklärungsgespräch sowie Ein- und Ausschlusskriterien für die Impfung sowie die theoretische Durchführung besprochen. Im Praktischen Teil lernen die Teilnehmer die richtige Handhabung der Impfungen. Zum Schluss folgt das Thema Notfallmanagement bei Impfreaktionen, mit besonderem Fokus auf anaphylaktischen Reaktionen inklusive Schock.
Qualität und Sicherheit gewährleisten
Damit Impfungen durch Apotheker erfolgreich sind, müssten Sicherheit und Qualität der Tätigkeit gewährleistet werden, so Reuter. Apotheker sollten ausreichend qualifiziert sein und die Leitlinien der Ärzte befolgen. Insbesondere die Eignung der Patienten für eine Impfung und die Aufklärung sei wichtig. Dafür sei die permanente Kommunikation zwischen Ärzten und Apothekern essenziell. Ralph Köllges, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin der Kinderarztpraxis Mönchengladbach sieht das ähnlich. Er betont, dass gerade die Anamnese und Notfallversorgung einen wichtigen Teil der Impfausbildung darstellen sollten, auch wenn Impfungen zu den am besten untersuchten Medikamenten zählen, bei denen nur sehr selten unerwünschte Wirkungen auftreten.
Nur bestimmte Impfungen in Apotheken
Beutling berichtet, das Impfen an sich sei „kein Hexenwerk“ und man solle den niederschwelligen Zugang den Apotheken böten, nicht unterschätzen. Allerdings erklärt er auch, dass Apotheken hauptsächlich für Impfungen der breiten Masse wie gegen das Grippevirus oder künftig auch COVID-19 geeignet seien. Beratungsintensive Impfungen wie Gardasil (HPV) oder Shingrix (Gürtelrose) sollten durch den Arzt betreut und durchgeführt werden.
Impfberatung ausbauen
Auch wenn Apotheken derzeit nur in Modellprojekten impfen, könnten sie durch die Beratung in der Offizin helfen, Menschen zu Impfungen hinzuführen, so Köllges. Die Impflücken der Patienten seien massiv, daher sei es wünschenswert, dass bereits jetzt in den Apotheken vermehrt auf fehlende Impfungen aufmerksam gemacht würde. Er erzählt auch, dass in seiner Praxis an allen Stellen auf Impfungen hingewiesen werde. Gerade jetzt, wo das Thema Impfen durch die Coronapandemie stark im Gespräch sei, könne man durch gezielte Beratung Impflücken gemeinsam schließen.
Fazit
Impfungen stellen eine effektive Präventionsmaßnahme für den einzelnen, bei ausreichender Impfquote für die gesamte Bevölkerung dar. Die geringen Impfraten in Deutschland sollten generell gesteigert werden. Apotheken können jetzt schon durch die richtige Beratung dazu beitragen. Künftig sollen Impfungen in Apotheken ein breiteres niederschwelliges Impfangebot schaffen, dass insbesondere Menschen anspricht, die nicht regelmäßig zum Arzt gehen. Dabei muss die Qualität und Sicherheit der Impfungen gewährleistet werden, denn die Gesundheit des Patienten muss im Vordergrund stehen. Beratungsintensive Impfungen sollten daher in der Hand des Arztes bleiben. Gemeinsam mit Praxen und Kliniken könnten Apotheken so die Akzeptanz und Verfügbarkeit von Impfungen und damit die Impfquote steigern.
















