Chronische Schmerzen als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Eine aktuelle Metaanalyse untersucht den Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen und der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität. Eine bessere kardiovaskuläre Vorsorge scheint für diese Schmerzpatienten sinnvoll.

Schmerzpunkte Mann

Chronische Ganzkörperschmerzen und kardiovaskuläre Risiken

Chronische Schmerzen gehören weltweit zu den häufigsten gesundheitlichen Belastungen. Besonders chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen (chronic widespread pain, CWP) treten bei etwa 10 % der Allgemeinbevölkerung auf und sind das Leitsymptom der Fibromyalgie. Kardiovaskuläre Erkrankungen zählen weiterhin weltweit zu den führenden Ursachen für Morbidität und Mortalität.

Mögliche Pathomechanismen hinter CWP

In den vergangenen Jahren haben sich Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzsyndromen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verdichtet. Diskutiert werden chronischer Stress, reduzierte körperliche Aktivität, Schlafstörungen, Depressionen sowie entzündliche Prozesse als mögliche pathophysiologische Verknüpfungen. Bislang fehlte jedoch eine umfassende systematische Aufarbeitung speziell für chronische Ganzkörperschmerzen.

Metaanalyse zu chronischem Ganzkörperschmerz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Eine kürzlich publizierte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Ann-Sofie Rönnegård von der Dalarna-Universität in Falun, Schweden, untersuchte den Zusammenhang zwischen CWP bzw. Fibromyalgie und dem Risiko für atherosklerotische Erkrankungen, Herzinsuffizienz sowie kardiovaskuläre Mortalität.

In die Analyse gingen 18 longitudinale Studien mit insgesamt mehr als 80.000 Personen mit CWP ein. Erfasst wurden kardiovaskuläre Ereignisse wie Myokardinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz sowie kardiovaskulär bedingte Todesfälle.

Populationsbasierte Kohorten in Studie vertreten

Die Studien basierten überwiegend auf populationsbasierten Kohorten und nationalen Registern aus Europa, Taiwan und Nordamerika. Die Nachbeobachtungszeiten lagen zwischen vier und 25 Jahren und der Frauenanteil lag bei 60—95 %. Zur Definition von CWP in den Studien galten die Kriterien: Dauer der Schmerzen von mindestens drei Monaten, uneinheitliche Definition von CWP, basierend auf verschiedenen Kriterien – von den ACR-Kriterien (American College of Rheumatology, 1990) bis zur Widespread-Pain-Definition (2019).

Primär wurden sowohl minimal adjustierte Modelle – meist unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht – als auch maximal adjustierte Modelle, die klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren einbezogen, analysiert.

Atherosklerose-Risiko bei chronischen Schmerzen deutlich erhöht

Die Metaanalyse zeigte für Personen mit CWP ein nahezu verdoppeltes Risiko für atherosklerotische Erkrankungen. In den minimal adjustierten Modellen lag das relative Risiko bei 1,94. Nach umfassender Adjustierung blieb die Assoziation signifikant mit einem relativen Risiko von 1,53.

Besonders konsistent war der Zusammenhang für Myokardinfarkt und ischämischen Schlaganfall. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Ergebnisse trotz teils hoher Heterogenität der Studien in Sensitivitätsanalysen stabil blieben. Für Herzinsuffizienz lagen nur begrenzte Daten vor, allerdings deuteten auch diese Studien auf ein erhöhtes Risiko hin.

Chronische Schmerzen als möglicher kardiovaskulärer Hochrisikozustand

Die Autoren sehen in CWP möglicherweise einen bislang unterschätzten kardiovaskulären Hochrisikozustand. Interessanterweise empfehlen aktuelle europäische Leitlinien bereits für bestimmte psychische Erkrankungen eine intensivierte kardiovaskuläre Prävention. Ein vergleichbarer Ansatz könnte künftig auch für Patienten mit chronischen Ganzkörperschmerzen relevant werden.

Derzeit enthalten weder kardiologische Präventionsleitlinien noch Schmerzleitlinien konkrete Empfehlungen zur systematischen Erfassung des Herz-Kreislauf-Risikos bei CWP oder Fibromyalgie.

Konsequenzen für Schmerzmedizin und Prävention

Die vorliegenden Daten sprechen dafür, dass chronische Ganzkörperschmerzen nicht ausschließlich als Schmerzsyndrom betrachtet werden sollten, sondern möglicherweise mit systemischen kardiovaskulären Risiken assoziiert sind.

Für die klinische Praxis könnte dies bedeuten, bei Patienten mit Fibromyalgie oder CWP verstärkt klassische Risikofaktoren wie Hypertonie, Dyslipidämie, Bewegungsmangel und Rauchen zu berücksichtigen. Gleichzeitig unterstreichen die Autoren den Bedarf an prospektiven Studien, um kausale Zusammenhänge und mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede besser zu verstehen.

Die Arbeit liefert wichtige Hinweise für eine stärker interdisziplinäre Betrachtung chronischer Schmerzsyndrome und deren langfristige gesundheitliche Folgen.

Autor:
Stand:
22.06.2026
Quelle:

Ronnegård et al. (2026): Chronic widespread pain and the risk of cardiovascular disease – a systematic review and meta-analysis. PAIN, DOI:10.1097/j.pain.0000000000003965.

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