Ophthalmologische Notfälle im Kleinkindalter stellen Ärzte häufig vor besondere diagnostische und therapeutische Herausforderungen. Im Rahmen der AAD 2026 gab Prof. Dr. Nicolas Feltgen (Basel) einen umfassenden Überblick über intraokulare Erkrankungen in den ersten Lebensjahren und deren klinische Prioritäten.
Gerade in diesem Alter ist eine rasche und präzise Diagnostik entscheidend. Viele Erkrankungen können unbehandelt zu einer schweren Sehbeeinträchtigung oder sogar zum Verlust des Auges führen. Gleichzeitig sind Untersuchung und Therapie bei kleinen Kindern oft erschwert, etwa durch eingeschränkte Kooperation oder die Notwendigkeit einer Untersuchung unter Narkose.
Im Mittelpunkt des Vortrags standen daher Krankheitsbilder, bei denen eine frühe Erkennung über die spätere Sehprognose entscheidet.
Warnsignale ernst nehmen: Schielen und Brückner-Test als Basisdiagnostik
Ein zentrales klinisches Warnsignal im Kleinkindalter ist ein neu auftretendes oder persistierendes Schielen. Nach Einschätzung von Feltgen darf eine solche Auffälligkeit niemals vorschnell als harmlos eingestuft werden.
Strabismus kann unterschiedliche Ursachen haben. Neben refraktiven Fehlern kommen auch strukturelle Veränderungen im Auge infrage, etwa:
- Katarakte
- Netzhautveränderungen
- intraokulare Tumoren
Eine grundlegende Untersuchung ist in diesem Zusammenhang der Brückner-Test. Dabei wird der Rotreflex beider Augen gleichzeitig beurteilt.
Ein seitendifferenter Reflex kann auf verschiedene pathologische Veränderungen hinweisen, darunter:
- Refraktionsfehler
- Medienopazitäten
- strukturelle intraokulare Veränderungen
- Tumoren wie das Retinoblastom
Feltgen betonte daher, dass dieser einfache Test gerade in der Erstdiagnostik bei Kleinkindern konsequent eingesetzt werden sollte.
Kongenitale Katarakt: Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend
Ein weiteres zentrales Thema des Vortrags war die kongenitale Katarakt, bei der der Operationszeitpunkt eine entscheidende Rolle spielt.
Nach den heute etablierten Empfehlungen gilt:
- Einseitige Katarakt: Operation etwa in der 6.–8. Lebenswoche
- Beidseitige Katarakt: Operation etwa in der 8.–10. Lebenswoche
Ein zu früher Eingriff kann erhebliche Risiken mit sich bringen. Insbesondere Operationen vor der vierten Lebenswoche erhöhen deutlich das Risiko für ein sekundäres Glaukom.
Feltgen formulierte diese klinische Abwägung pointiert: „Lieber etwas Amblyopie riskieren als ein Glaukom provozieren.“
Die Implantation einer Intraokularlinse erfolgt bei sehr kleinen Kindern meist noch nicht primär. In vielen Fällen wird zunächst mit Kontaktlinsen oder Brillenkorrektur gearbeitet. Eine Kunstlinse wird häufig erst später implantiert, typischerweise nach dem ersten Lebensjahr.
Da das Auge im Kindesalter weiter wächst, wird die Linse dabei bewusst hyperop berechnet, um die spätere Entwicklung zu berücksichtigen
Persistierende fetale Vaskulatur (PFV): Diagnostisch und chirurgisch anspruchsvoll
Die persistierende fetale Vaskulatur (PFV) gehört zu den komplexeren Krankheitsbildern der Kinderophthalmologie. Die klinische Präsentation kann sehr unterschiedlich sein und reicht von milden Veränderungen bis zu ausgeprägten strukturellen Anomalien.
Typische Befunde können sein:
- Mikrophthalmus
- Pseudoptose
- persistierende Arteria hyaloidea
- retrolentale Membranstrukturen
Die Diagnostik ist häufig erschwert, da kleine Kinder nicht ausreichend kooperieren. Deshalb spielt die Untersuchung unter Narkose eine wichtige Rolle.
Auch chirurgisch stellt die PFV eine Herausforderung dar. Ein wesentliches Ziel der Operation ist es, intraoperative Blutungen möglichst zu vermeiden. Neue operative Ansätze zielen daher darauf ab, etwa durch eine gezielte Trennung der posterioren Hyaloidea, invasive Schritte wie eine ausgedehnte Vitrektomie zu reduzieren.
Familiäre exsudative Vitreoretinopathie (FEVR): Risiko für Netzhautablösungen
Ein weiteres relevantes Krankheitsbild ist die familiäre exsudative Vitreoretinopathie (FEVR). Dabei handelt es sich um eine genetisch bedingte Störung der retinalen Gefäßentwicklung.
Typisch sind:
- unvollständige Gefäßentwicklung der Netzhautperipherie
- spitzwinklige Gefäßverläufe
- periphere Ischämieareale
- proliferative Veränderungen
Besonders wichtig ist die Untersuchung von Familienangehörigen, da Eltern oder Geschwister häufig milde oder asymptomatische Formen der Erkrankung aufweisen können.
Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um Komplikationen wie Netzhautablösungen zu vermeiden.
Stickler-Syndrom: Häufige genetische Ursache für kindliche Netzhautablösungen
Das Stickler-Syndrom gehört zu den häufigsten genetischen Ursachen für Netzhautablösungen im Kindes- und Jugendalter.
Frühe klinische Hinweise können sein:
- hochgradige Myopie bereits im Kindesalter
- Hyperlaxität der Gelenke
- Gaumenspalte
- charakteristische Veränderungen des Glaskörpers
Die Netzhautperipherie ist bei diesen Patienten besonders fragil. Kommt es zu einer Ablatio, entstehen häufig zirkuläre Riesenrisse.
Ein wichtiger klinischer Grundsatz lautet daher: Wenn ein Auge betroffen ist, sollte das Partnerauge prophylaktisch gelasert werden, um eine spätere Netzhautablösung zu verhindern.
Retinoblastom: Diagnose darf nicht verzögert werden
Das Retinoblastom zählt zu den dringlichsten ophthalmologischen Notfällen im Kindesalter.
Typische Warnsignale sind:
- Leukokorie (weißer Pupillenreflex)
- neu auftretendes Schielen
Diese Symptome müssen immer ernst genommen werden. Besteht ein entsprechender Verdacht, ist eine sofortige Überweisung in ein spezialisiertes Zentrum erforderlich.
Die Prognose hängt entscheidend davon ab, wie früh die Erkrankung erkannt wird. Eine verzögerte Diagnose kann nicht nur die Sehfunktion, sondern auch die Lebensprognose gefährden.
Morbus Coats: Teleangiektasien und exsudative Veränderungen
Beim Morbus Coats handelt es sich um eine meist einseitige Erkrankung mit charakteristischen Gefäßveränderungen der Netzhaut.
Typische Befunde sind:
- retinale Teleangiektasien
- harte Exsudate
- Makulaödeme
In fortgeschrittenen Stadien kann eine exsudative Netzhautablösung auftreten.
Therapeutisch entscheidend ist laut Feltgen, nicht nur die auffälligen Gefäßveränderungen, sondern auch die ischämischen Netzhautareale konsequent zu behandeln, meist mittels Laserkoagulation.
Schlussfolgerung
Ophthalmologische Notfälle im Kleinkindalter erfordern ein besonders strukturiertes Vorgehen. Nach Einschätzung von Feltgen sind dabei mehrere Grundprinzipien entscheidend:
- unklare Befunde großzügig unter Narkose abklären
- das Partnerauge immer mitbeurteilen
- bei Tumorverdacht sofort an spezialisierte Zentren überweisen
Gerade in den ersten Lebensjahren kann die frühe Diagnose intraokularer Erkrankungen entscheidend dafür sein, ob Sehfunktion und Augenerhalt möglich bleiben.







