Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Demyelinisierung und neurologische Funktionsstörungen gekennzeichnet ist. Während MS typischerweise bei jungen Erwachsenen diagnostiziert wird, tritt sie in seltenen Fällen auch im Kindesalter auf – bis zu 10 % der MS-Diagnosen betreffen Patienten unter 18 Jahren. Die Früherkennung der Multiplen Sklerose bei Kindern ist eine große Herausforderung, da die Symptome häufig unspezifisch sind und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden.
Ein wachsender Forschungszweig deutet auf die Existenz einer Prodromalphase hin, in der unspezifische Symptome Jahre vor der eigentlichen Diagnose auftreten. Während diese Phase bei erwachsenen MS-Patienten gut dokumentiert ist, fehlen bislang systematische Untersuchungen zu frühen Anzeichen bei pädiatrischen Patienten. Neue Forschungsergebnisse aus Deutschland und Kanada füllen diese Wissenslücke und liefern wertvolle Hinweise auf frühe Symptome und potenzielle diagnostische Marker.
Systematische Untersuchung der Prodromalphase
Die in 'JAMA Network Open' veröffentlichte Studie untersuchte retrospektiv die Krankheitsgeschichte von 1.091 Kindern und Jugendlichen mit MS sowie von zwei Kontrollgruppen: 10.910 alters- und geschlechtsangepassten Patienten ohne MS und 1.068 Patienten mit juveniler idiopathischer Arthritis (JIA), einer weiteren immunvermittelten Erkrankung. Ziel war es, Erkrankungen und Symptome zu identifizieren, die in den fünf Jahren vor der MS-Diagnose häufiger vorkamen.
Mittels Versicherungsdaten und ICD-10-GM-Codes analysierten die Forschenden 163 Diagnosen und untersuchten mithilfe multivariater logistischer Regression, welche dieser Codes signifikant häufiger bei MS-Patienten auftraten.
Neun häufige Symptome vor MS-Diagnose
Die Studie identifizierte neun ICD-10-Codes, die in der Krankheitsgeschichte von Kindern mit MS signifikant häufiger auftraten als bei den Kontrollgruppen:
- Adipositas (OR: 1,70)
- Refraktions- und Akkommodationsstörungen des Auges (OR: 1,26)
- Sehstörungen (OR: 1,31)
- Gastritis und Duodenitis (OR: 1,35)
- Erkrankungen der Patella (OR: 1,47)
- Herzrhythmusstörungen (OR: 1,94)
- Flatulenz (OR: 1,43)
- Hautsensibilitätsstörungen (OR: 12,93)
- Schwindel und Benommenheit (OR: 1,52)
Von diesen Diagnosen traten vier auch im Vergleich zur JIA-Kontrollgruppe signifikant häufiger auf: Adipositas, Refraktions- und Akkommodationsstörungen des Auges, Sehstörungen und Hautsensibilitätsstörungen. Letztere hatten mit einer Odds Ratio von 27,70 eine besonders hohe Assoziation.
Bedeutung der Prodromalphase für die Frühdiagnose
Die Ergebnisse der Studie bestätigen, dass unspezifische Symptome wie Sehstörungen, Schwindel oder Adipositas wichtige Hinweise auf die Entwicklung von MS im Kindesalter liefern können. Die deutliche Häufung von Hautsensibilitätsstörungen, die oft als neurologisches Frühzeichen interpretiert werden, unterstreicht die Bedeutung einer genauen klinischen Abklärung solcher Beschwerden.
Die Studie wirft außerdem die Frage auf, inwiefern Adipositas als unabhängiger Risikofaktor für MS angesehen werden kann. Diese Erkenntnis eröffnet neue Perspektiven für die zukünftige Forschung, insbesondere zur Pathogenese und Prävention von MS bei Kindern.
Konsequenzen für Forschung und klinische Praxis
Die Identifikation einer Prodromalphase bei pädiatrischer MS eröffnet vielfältige Chancen für die medizinische Praxis:
- Früherkennung: Ärzte könnten bei Kindern mit unspezifischen Symptomen wie Sehstörungen oder neurologischen Beschwerden früher an MS denken und gezielte diagnostische Schritte einleiten.
- Prävention: Erkenntnisse zu Risikofaktoren wie Adipositas lassen sich in Präventionsprogramme integrieren, um das Erkrankungsrisiko zu minimieren.
- Therapeutische Strategien: Ein besseres Verständnis der frühen Symptome schafft die Möglichkeit, durch rechtzeitige Intervention den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.
Um die praktischen Anwendungen dieser Erkenntnisse zu verbessern, sind weitere Studien erforderlich. Zukünftige Forschung sollte die Ergebnisse validieren und die Mechanismen der Prodromalphase genauer untersuchen. Insbesondere longitudinale Kohortenstudien könnten wertvolle Einblicke liefern und die Grundlage für verbesserte Früherkennung und Therapie bilden.




