Komplementäre Therapieverfahren erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Unter dem Begriff Komplementärmedizin werden zahlreiche Therapien und Interventionen zusammengefasst, die komplementär – ergänzend – zur Schulmedizin angewendet werden. Hierzulande werden unter dem Begriff Komplementärmedizin vor allem alternative Arzneimittel und Heilverfahren wie Homöopathie und Naturheilverfahren, Akupunktur, traditionelle chinesische Medizin, bestimmte Ernährungstheorien, Bachblütentherapie und bioenergetische Verfahren versammelt. Auch Körper-Geist-Interventionen wie beispielsweise Yoga, Meditation oder achtsamkeitsbasierte Stressreduktion werden als komplementäre Anwendungen verstanden.
Zunehmende wissenschaftliche Evidenz für komplementäre Verfahren
Nach und nach wächst die wissenschaftliche Evidenz für die Wirkung dieser Therapieformen und Anwendungen in Ergänzung zu schulmedizinischen Maßnahmen – Yoga bei rheumatoider Arthritis und achtsamkeitsbasierte Stressreduktion oder Akupunktur bei Migräne sind nur einige Beispiele.
Komplementäre Maßnahmen bei Schmerzpatienten
Gerade bei chronischen Erkrankungen werden komplementäre Verfahren vermehrt nachgefragt, etwa von Patienten mit chronischen Schmerzen. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. hat darauf reagiert und 2020 den Arbeitskreis komplementäre/integrative Schmerztherapie gegründet [1]. Auf internationaler Ebene spielt das Thema eine ebenso große Rolle, wie aktuelle Daten aus den USA zeigen. Ein Team um den Epidemiologen Dr. Richard Nahin vom National Center for Complementary and Integrative Health am National Institutes of Health (NIH) in den USA publizierte jüngst im Fachjournal JAMA aktuelle Zahlen zur Nutzung komplementärer Therapieverfahren in den Vereinigten Staaten bei Erwachsenen, vor allem zur Schmerztherapie [2].
Trends komplementärer Ansätze im zeitlichen Verlauf
Nahin und Kollegen untersuchten Trends bei komplementären Gesundheitsansätzen (complementary health approaches, CHA) über 20 Jahre hinweg in den Jahren 2002, 2012 und 2022. Dazu analysierten sie die Daten aus dem National Health Interview Survey (NHIS), einer jährlichen Querschnittsumfrage, die den Gesundheitszustand und die Gesundheitsversorgung der US-Bevölkerung evaluiert. Folgende CHAs wurden erfasst und ausgewertet: Akupunktur, geführte Imagination und/oder progressive Muskelentspannung, Massagen, Naturheilkunde, Yoga, Chiropraktik und Meditation.
Deutlicher Anstieg bei Yoga und Meditation
Aus dem Jahr 2002 lagen den Forschern Daten von 31.044 Patienten zur Auswertung vor. Im Jahr 2012 waren es 34.525 Patienten und 27.651 im Jahr 2022. Der Anteil der Erwachsenen, welcher eine der sieben Anwendungen nutzte stieg deutlich von 19,2% im Jahr 2002 auf 36,7% im Jahr 2022 (p < 0,001). Den größten Zuwachs stellten die Wissenschaftler für Yoga fest: 5,0% (2002); 9,0% (2012); 15,8% (2022). Die CHA mit der höchsten Prävalenz war Meditation mit 17,3% im Jahr 2022. In den USA wird Akupunktur zunehmend von den Versicherungen abgedeckt, so dass auch hier ein Zuwachs von 1,0% im Jahr 2012 auf 2,2% im Jahr 2022.
Anwendung von komplementären Verfahren bei fast 50% aufgrund von Schmerzen
Wurden die Teilnehmer gefragt, warum sie eine der zuvor genannten CHAs genutzt hatten, gab eine zunehmende Zahl von ihnen Schmerzen als Grund an (42,3% im Jahr 2002; 49,2% im Jahr 2022). Unter den Schmerzpatienten war der stärkste Anstieg ebenfalls für Yoga zu verzeichnen, von 11,4% zu Beginn, auf 22,8% im Jahr 2012 und weiter ansteigend auf 28,8% im letzten Jahr der Auswertung. Die CHA mit der höchsten Prävalenz unter den Schmerzpatienten war Chiropraktik mit 85,7% im Jahr 2022.
Limitationen der Studie
Bei der Interpretation der Studienergebnisse sollten einige Limitationen berücksichtigt werden. Hierunter fallen die schwankende Größe der jährlichen Teilnehmergruppe, Bias durch wiederholte Teilnahme, Daten aus einer Querschnittsstudie und unterschiedliche Fragemodalitäten in den verschiedenen Jahren.
Zunehmende Nutzung von komplementären Verfahren
Die Ergebnisse dieser Erhebung bei US-Bürgern aus den Jahren 2002, 2012 und 2022 zeigen einen wachsenden Trend zur Nutzung von komplementären Therapieverfahren und Anwendungen im Verlauf von 20 Jahren. Die Forscher führen diesen Anstieg auf verschiedene Faktoren wie steigende Schmerzprävalenz, zunehmende Evidenz zur Wirksamkeit von CHAs, Implementierung von CHAs in klinische Guidelines und die Suche nach nebenwirkungsarmen Alternativen für Schmerzpatienten im Angesicht der Opioid-Krise in den USA zurück.
Damit Patienten auch im komplementären Bereich gut versorgt sind, ist hier die Einführung bzw. Förderung von Qualitätsstandards entscheidend. Solange keine gesetzlich verbindlichen Standards definiert sind, empfiehlt sich die Orientierung an bereits etablierten Institutionen zur Auswahl von Anbietern für die gewünschten Anwendungen. Im Bereich Yoga sind das in Deutschland beispielsweise der BDYoga und die Deutsche Gesellschaft für Yogatherapie.




