In der aktuellen Leitlinie “Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ werden zuckerarme, fettarme und ketogene Diäten als möglicherweise wirksam bei Migräne eingestuft [1]. Ein möglicher Einfluss der Ernährung bzw. des Körpergewichts auf Migräne zeigt sich auch darin, dass Menschen mit Adipositas häufiger unter Migräne leiden. Gerade adipöse Frauen im gebärfähigen Alter sind betroffen.
Medikamentöse und nicht medikamentöse Migräne-Prophylaxe
Zur Prophylaxe von Migräne stehen verschiedene medikamentöse Therapieoptionen zur Verfügung. In den letzten Jahren wurde das therapeutische Armamentarium durch die Einführung der Antagonisten des an der Migräne-Entstehung beteiligten CGRP-Systems deutlich erweitert. Doch die Medikamente wirken nicht bei allen Patienten und viele Betroffene wünschen sich zunehmend auch nicht medikamentöse Maßnahmen. Hier kommen Ernährung und Körper-Geist-Interventionen wie Entspannungstechniken, Yoga & Co. ins Spiel.
Ketogene Diät bei neurologischen Erkrankungen
Unter den nicht medikamentösen Ansätzen sind Ernährungsinterventionen vielversprechend. In den letzten Jahren konnten ketogene Diäten gute Erfolge bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen wie Demenz, Parkinson, Depressionen und Migräne zeigen. Ketogene Diäten basieren auf einer drastischen Reduktion der Kohlenhydrataufnahme (< 30-50 g/d) und einem relativen Anstieg des Fett- und Proteinanteils. Die Steigerung davon ist die sehr kalorienarme ketogene Diät (very low-calorie ketogenic diet, VLCKD). Dies ist ein temporär angewendetes, kalorienreduziertes Ernährungsprotokoll (600 – 800 kcal/Tag), das unter medizinischer Begleitung durchgeführt wird.
Vergleich zweier Ernährungsinterventionen zur Migräne-Prophylaxe
Ein Team um Prof. Massimiliano Caprio von der San Raffaele Roma Open University in Rom, Italien, verglich in einer aktuellen Studie die VLCKD mit der hypokalorischen ausgewogenen Diät (hypocaloric balanced diet, HBD) bei Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 27 kg/m2 und hochfrequenter episodische Migräne (HFEM; 8-14 Migränetage monatlich) [2].
Die 75 Teilnehmer der prospektiven kontrollierten Studie wurden entweder in die VLCKD-Gruppe oder die HBD-Gruppe randomisiert. Im Studienzeitraum von 24 Wochen erhielten die Teilnehmer der VLCKD-Gruppe zunächst für 8 Wochen eine VLCKD, gefolgt von einer kalorienarmen Diät in Woche 9-12 und einer HBD in den verbleibenden Wochen des Untersuchungszeitraumes. Die Teilnehmer der HBD-Gruppe erhielten über den gesamten Studienzeitraum eine HBD.
Wirkung auf MMDs, Lebensqualität und Gewichtsverlust
Beim primären Endpunkt, der Änderung der monatlichen Migränetage (monthly migraine days, MMDs) in den Wochen 5-8 im Vergleich zur Baseline, zeigte sich die VLCKD der HBD in Woche 8 überlegen (p = 0,008). Der Trend setzte sich auch in Woche 12 unter der kalorienarmen Diät der VLCKD-Gruppe und in Woche 24, in der alle Teilnehmer die gleiche Ernährungsintervention erhielten, fort (Woche 12: p = 0,007; Woche 24: p = 0,042).
Die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Teilnehmer wurde mittels Short Form Health Survey-36 (SF-36) gemessen. Auch hier schnitt die VLCKD-Diät besser ab. In der Gruppe verbesserten sich die Werte des SF-36 in Woche 8 und 12, während dies in der HBD-Gruppe nur in Woche 12 der Fall war.
Die Gewichtsreduktion war in der VLCKD-Gruppe in Woche 8 (p = 0,002) und Woche 12 (p = 0,020) signifikant höher. Die Gewichtsabnahme wurde in der VLCKD-Gruppe bis zum Ende des Studienzeitraumes gehalten, während in der HBD-Gruppe eine leichte Gewichtszunahme zu verzeichnen war.
Auswirkungen der Diäten auf Laborparameter
In der VLCKD-Gruppe zeigte sich eine signifikante Reduktion folgender Entzündungsparameter in Woche 12 der Studie:
- C-reaktives Protein
- Neutrophilen-Lymphozyten-Verhältnis
- Gesamtzahl der Leukozyten
Die Forscher untersuchten weiterhin den Effekt der Ernährungsinterventionen auf das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, welches bei Adipositas verstärkt aktiviert wird und auch eine Rolle in der Pathophysiologie der Migräne spielt. Die Aldosteron-Plasmaspiegel waren in beiden Gruppen in Woche 8 signifikant erhöht, mit einer stärkeren Ausprägung in der VLCKD-Gruppe. Die Elektrolyt-Spiegel und die Renin-Plasmaspiegel wurden in beiden Gruppen zu keinem Zeitpunkt beeinflusst.
Limitationen der Studie
Die Limitationen der Studie sind die geringe Teilnehmerzahl und das monozentrische Setting. Die Studie wurde während der COVID-19-Pandemie durchgeführt, was laut den Autoren einen Einfluss auf die Einhaltung der Ernährungsvorgaben gehabt haben könnte.
Ketogene Diät als Add-on zur klassischen Migräneprophylaxe
In dieser Studie zeigte sich eine ketogene Diät im Vergleich zu einer hypokalorischen ausgewogenen Diät effektiver zur Migräneprophylaxe bei übergewichtigen bzw. adipösen Patienten mit episodischer Migräne. Die Autoren sehen die VLCKD als effektiv in der Migräneprophylaxe und schlagen diese in Kombination mit medikamentösen Therapien vor. Auch als add-on-Therapie bei Patienten mit unzureichendem Ansprechen auf die üblichen Medikamente zur Migräneprophylaxe sei die VLCKD geeignet. In Anbetracht der genannten Limitationen der Studie sollten die Ergebnisse allerdings in größeren, multizentrischen Studien über einen längeren Zeitraum bestätigt werden.
Die Studie ist bei ClinicalTrials.gov unter der Nummer NCT04360148 registriert.




