Migräne: Warum viele Patienten unzureichend behandelt sind

Migräne ist häufig und gut behandelbar, dennoch bleiben viele Patienten unterversorgt. Im Rahmen eines Pressegesprächs beschrieb Kopfschmerzexperte PD Dr. Charly Gaul typische Fehler in Diagnostik und Therapie sowie zentrale Versorgungslücken im Praxisalltag.

Kopfschmerzen_OTC

Migräne beeinträchtigt Patienten weit über die Attacke hinaus

Migräne wird im klinischen Alltag häufig primär als Kopfschmerzerkrankung wahrgenommen. Tatsächlich geht die Belastung jedoch deutlich darüber hinaus.
Neben der akuten Schmerzphase berichten viele Patienten über kognitive Einschränkungen („Brain Fog“), reduzierte Leistungsfähigkeit und anhaltende Beeinträchtigungen im Alltag. Auch zwischen den Attacken bestehen relevante Einschränkungen.

Diese interiktalen Symptome führen dazu, dass Betroffene häufig arbeitsfähig erscheinen, jedoch nicht voll leistungsfähig sind („Präsentismus“), was sowohl individuelle als auch sozioökonomische Folgen hat.

Versorgungslücke: Viele Patienten erhalten keine spezifische Therapie

Trotz klarer Therapieempfehlungen bleibt ein erheblicher Teil der Patienten unterversorgt.

In der Praxis zeigt sich, dass viele Betroffene ausschließlich auf frei verkäufliche Analgetika zurückgreifen. Der Übergang zu migränespezifischen Therapien erfolgt häufig nicht oder zu spät.

Selbst bei Arztkontakt wird nicht immer eine leitliniengerechte Akuttherapie etabliert. Entlang der Versorgungskette – von Diagnose über Therapieentscheidung bis zur korrekten Anwendung – bestehen multiple Barrieren.

Typische Fehler in der Akuttherapie

Ein zentraler Problembereich ist die fehlerhafte Anwendung vorhandener Medikamente.

Nach Aussagen aus der Praxis treten insbesondere folgende Fehler auf:

  • zu späte Einnahme der Akutmedikation,
  • unzureichende Dosierung (z. B. Einnahme einer halben Tablette),
  • ineffiziente Therapiesequenzen ohne Wirkung (z. B. wiederholte Einnahme unwirksamer Analgetika).

Diese Fehler können die Wirksamkeit der Therapie erheblich beeinträchtigen und tragen dazu bei, dass Medikamente als „unwirksam“ wahrgenommen werden.

Die Patientenedukation stellt daher einen wesentlichen Bestandteil der Migränebehandlung dar.

Triptan-Versagen ist klinisch häufig relevant

Auch bei leitliniengerechtem Einsatz bleiben relevante Therapieprobleme bestehen.

Ein erheblicher Anteil der Patienten spricht nicht ausreichend auf Triptane an oder verträgt diese nicht. Etwa ein Viertel der Betroffenen berichtet über mangelnde Wirksamkeit.
Zwar kann ein Wechsel zwischen verschiedenen Triptanen sinnvoll sein, jedoch nimmt die Erfolgsrate mit zunehmender Zahl versuchter Substanzen ab.

Für diese Patientengruppe besteht weiterhin ein ungedeckter Bedarf an wirksamen Alternativen.

Neue Wirkprinzipien wie CGRP-gerichtete Akuttherapien der Gepante (Rimegepant und Atogepant) könnten diese Versorgungslücke perspektivisch adressieren. Diese Substanzen greifen gezielt in die CGRP-vermittelte Schmerzverarbeitung ein und unterscheiden sich damit grundlegend von klassischen Akuttherapeutika.

Medikamentenübergebrauch als Risikofaktor für Chronifizierung

Ein weiteres zentrales Problem stellt der Übergebrauch von Akutmedikamenten dar.

Die Einnahme von Analgetika oder Triptanen an mehr als 10 Tagen pro Monat erhöht das Risiko für einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MOH) und kann zur Chronifizierung beitragen.

Im Unterschied dazu zeigen die bisherigen Daten für Gepante keinen Hinweis auf ein MOH-typisches Risiko bei wiederholter Anwendung in der Akuttherapie
Damit bleibt die Begrenzung der Einnahmefrequenz klassischer Akuttherapeutika ein zentraler Bestandteil der Versorgung. Für Gepante scheint diese Restriktion nach aktuellem Kenntnisstand hingegen nicht in gleicher Weise zu gelten.

Diagnostische Unsicherheiten und Barrieren im Zugang zur Versorgung

Neben therapeutischen Problemen bestehen auch Herausforderungen in der Diagnostik.

Unklare oder atypische Symptomverläufe führen dazu, dass Migräne nicht immer korrekt erkannt wird. Beispielsweise hält sich weiterhin die Annahme, Migräne sei zwingend einseitig lokalisiert – eine Fehleinschätzung, die die Diagnosestellung erschweren kann.

Hinzu kommt, dass ein Teil der Patienten gar keine ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt – sei es aufgrund von Stigmatisierung, fehlender Aufklärung oder individueller Vorbehalte.

Wann sollte eine Therapieeskalation erfolgen?

Die Entscheidung zur Eskalation der Therapie erfolgt in der Praxis häufig spät.

Der Experte empfiehlt, die Behandlung anzupassen, wenn:

  • Akutmedikation regelmäßig mehrfach pro Woche benötigt wird,
  • die Attackenfrequenz zunimmt,
  • funktionelle Einschränkungen zunehmen.

In diesen Fällen sollte nicht nur die Akuttherapie optimiert, sondern auch eine prophylaktische Behandlung erwogen werden.

Fazit: Mehr Struktur und Edukation in der Versorgung erforderlich

Die Versorgung von Migränepatienten bleibt trotz verfügbarer Therapieoptionen unzureichend.

Zentrale Herausforderungen sind:

  • fehlende oder verspätete Diagnose,
  • fehlerhafte Anwendung von Akutmedikationen,
  • unzureichendes Ansprechen auf Standardtherapien,
  • Risiko des Medikamentenübergebrauchs.

Eine verbesserte Patientenedukation, strukturierte Therapiealgorithmen und frühzeitige Therapieanpassungen sind entscheidend, um die Versorgung nachhaltig zu verbessern.

Autor:
Stand:
20.07.2026
Quelle:
  1. PD Dr. Charly Gaul, „Akute Migräneattacken: Diagnose, Therapie und Unmet Needs“, AbbVie Pressegespräch „AQUIPTA® bringt neue Dynamik in die Akuttherapie der Migräne“, 19.06.2026, Frankfurt am Main.
  2. Manack Adams et al. (2023): Chronic Migraine Epidemiology and Outcomes – International (CaMEO-I). Cephalalgia, DOI: 10.1177/03331024231180611.
  3. Diener H.-C., Förderreuther S., Kropp P., Reuter U. et al. Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. S1-Leitlinie, 2025. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). AWMF-Registernummer 030/057. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 24.06.2026).

Hinweis: Dieser Beitrag wurde redaktionell verantwortet. KI-gestützte Werkzeuge wurden unterstützend eingesetzt. Die inhaltliche Prüfung erfolgte anhand der Originalquellen.

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