Offene Placebos als Ergänzung zur Migräneprophylaxe?

Die Kopfschmerzerkrankung Migräne betrifft Millionen Menschen weltweit. Eine neue randomisierte Studie untersucht, ob offen deklarierte Placebos eine sinnvolle Ergänzung zur Migräneprävention sein können.

Placebo

Hohe Migräneprävalenz insbesondere bei Frauen

Migräne zählt laut der „Global Burden of Disease Study 2021“ zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen und ist weltweit eine der führenden Ursachen für Behinderung. Etwa 15 % der Bevölkerung sind betroffen, wobei insbesondere Frauen häufiger erkranken. Die hohe Prävalenz sowie die erhebliche individuelle Belastung durch wiederkehrende Schmerzen, Einschränkungen im Alltag und reduzierte Lebensqualität unterstreichen den Bedarf an effektiven, gut verträglichen und breit verfügbaren Präventionsstrategien.

Bedeutung von Placebos in der Migränetherapie

Die etablierte Prophylaxe umfasst Betablocker, Antidepressiva, Antikonvulsiva, monoklonale Antikörper gegen CGRP sowie Botulinumtoxin A. Nebenwirkungen, begrenzter Zugang zu modernen Therapien und schwankende Wirksamkeit erschweren eine flächendeckende Versorgung. Zudem zeigen Studien, dass Placeboeffekte bei Migränetherapien beträchtlich sind, mit Wirkungsraten unter Placebo bis zu 46 %.

Bisherige Erfahrungen mit offenen Placebos bei chronischen Schmerzen

Placeboeffekte beruhen auf Erwartung, Konditionierung und therapeutischer Interaktion. Offene deklarierte Placebos (Open-Label Placebos, OLP) nutzen diesen Mechanismus ohne Täuschung, da die Patienten darum wissen, dass sie ein wirkstofffreies Präparat einnehmen. Frühere Studien zu chronischen Schmerzen und Reizdarmsyndrom zeigten, dass OLPs subjektive Beschwerden signifikant lindern können.

Randomisierte Studie untersucht OLPs bei chronischer und episodischer Migräne

In einer multizentrischen, randomisierten klinischen Studie an zwei deutschen Kopfschmerzzentren (Zentrum für Schmerzmedizin der Universitätsklinik Essen, Kopfschmerzzentrum Frankfurt) wurden 120 Erwachsene mit episodischer oder chronischer Migräne über drei Monate untersucht. Eine Gruppe erhielt zweimal täglich OLP zusätzlich zur Standardtherapie (treatment as usual, TAU), die Kontrollgruppe ausschließlich TAU.

Primärer Endpunkt war die Veränderung der monatlichen Kopfschmerztage (MHD) mit moderater bis starker Schmerzintensität. Sekundäre Endpunkte umfassten Veränderungen der monatlichen Migränetage (MMD), Lebensqualität (12-Item Short-Form Health Survey [SF-12]), schmerzbedingte Beeinträchtigung (Pain Disability Index, Headache Impact Test 6), Medikamentengebrauch und subjektive Verbesserung (Patient Global Impression of Change [PGIC]).

Deutliche Verbesserung der Lebensqualität unter offenen Placebos bei Migräne

Die OLP-Behandlung führte nicht zu einer signifikanten Reduktion der monatlichen Kopfschmerztage oder Migränetage. Ebenso unterschieden sich Schmerzintensität und Analgetikaverbrauch nicht zwischen den Gruppen.

Es traten signifikante Verbesserungen in sekundären Parametern auf:

  • Lebensqualität: Signifikante Zunahme des physischen Summenwerts im SF-12 um +4,25 Punkte (95 % Konfidenzintervall [KI] 1,33 bis 7,17; p = 0,01).
  • Schmerzbedingte Beeinträchtigung: Reduktion des Pain Disability Index um −5,96 Punkte (95 %-KI −9,01 bis −2,92; p < 0,001).
  • Kopfschmerz-Impact: Verbesserung des HIT-6-Scores um −1,88 Punkte (95 %-KI −3,28 bis −0,48; p = 0,02).
  • Subjektive Verbesserung: Signifikant höhere globale Verbesserung (PGIC) in der OLP-Gruppe.

Unerwünschte Wirkungen waren selten und mild, hauptsächlich unspezifische Symptome wie Mundtrockenheit oder Schwindel traten auf.

OLPs adressieren das subjektive Wohlbefinden bei Migräne-Patienten

Obwohl die OLP-Behandlung keine objektive Reduktion der Kopfschmerzfrequenz bewirkte, deutet die Studie darauf hin, dass sie das subjektive Wohlbefinden und die Funktionsfähigkeit verbessern kann. Diese Effekte sind insbesondere bei chronischen Schmerzsyndromen von Bedeutung, bei denen psychosoziale Faktoren und Erwartungshaltungen eine große Rolle spielen.

Limitationen der Studie

Die Studie konnte aufgrund COVID 19 bedingter Rekrutierungs- und Infrastrukturrestriktionen die ursprünglich geplante Stichprobengröße nicht erreichen, was die statistische Power und damit die Aussagekraft des primären Endpunkts einschränkt. Zudem ist bei offenen Placebo Interventionen eine Verblindung nicht möglich, sodass potenzielle Verzerrungen trotz standardisierter Aufklärung und geeigneter Kontrollgruppe nicht vollständig auszuschließen sind.

Offene Placebos als ergänzendes Konzept in der Migräneprophylaxe?

OLPs könnten das Potenzial für ein innovatives, ethisch unbedenkliches Konzept haben, um die positiven Wirkmechanismen der Erwartungshaltung in die Migräneprophylaxe zu integrieren. Dies zeigen die aktuellen Ergebnisse der Studie von Kleine-Borgmann und Kollegen. 

Zukünftige Forschung könnte klären, ob OLPs langfristig die Therapietreue und Patientenzufriedenheit erhöhen und somit eine sinnvolle Ergänzung etablierter Behandlungsstrategien darstellen. Künftige Studien sollten größere Patientenkollektive einbeziehen, neurobiologische Korrelate analysieren und die Rolle der Arzt-Patient-Interaktion vertieft untersuchen.

Eine vertiefende Einordnung der Ergebnisse gibt Studienautor PD Dr. Julian Kleine-Borgmann im begleitenden Experteninterview.

Autor:
Stand:
02.02.2026
Quelle:

Kleine-Borgmann et al. (2025): Open-Label Placebos as Adjunct for the Preventive Treatment of Migraine. JAMA Network Open, DOI:10.1001/jamanetworkopen.2025.35739.

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