Die systemische Chemotherapie ist nach wie vor ein integraler Bestandteil der Behandlung zahlreicher Tumorentitäten. Trotz ihrer breiten Anwendung zeigen bis zu 50 % der Patienten keine ausreichende Ansprechrate auf Standardtherapeutika wie Platin-Derivate, Taxane oder Anthrazykline. Dies führt zu einer erheblichen Belastung durch Nebenwirkungen – ohne klinischen Nutzen. Der Bedarf an verlässlichen prädiktiven Biomarkern zur Identifikation resistenter Tumoren ist daher unverändert hoch.
Während für zielgerichtete Therapien zunehmend molekulare Marker etabliert sind, fehlen bislang derart differenzierende Instrumente für klassische Chemotherapeutika. Ein kürzlich in Nature Genetics veröffentlichter Ansatz zielt darauf ab, diese diagnostische Lücke zu schließen.
Chromosomale Instabilität als prädiktiver Marker
Die Studie eines internationalen Konsortiums unter der Leitung des Spanischen Nationalen Krebsforschungszentrums (CNIO) und der Universität Cambridge untersuchte, ob chromosomale Instabilität (CIN) als verlässlicher Biomarker für Chemoresistenz eingesetzt werden kann.
CIN beschreibt strukturelle und numerische Veränderungen im Chromosomensatz von Tumorzellen und ist ein typisches Merkmal vieler solider Tumoren. Die Forscher nutzten charakteristische CIN-Signaturen zur Entwicklung eines genomischen Tests, der die Resistenz gegenüber Platinum-, Taxan- und Anthrazyklin-basierten Therapien vorhersagen soll.
Einsatz realer Patientendaten zur Vorhersagegenauigkeit
Zur Validierung der CIN-basierten Resistenzklassifikation wurde eine retrospektive Emulation randomisierter kontrollierter Studien unter Einbeziehung von Patientendaten (n = 840) durchgeführt. Die Analyse umfasste verschiedene Tumorentitäten, darunter metastasiertes Mammakarzinom, Ovarialkarzinom, Prostatakarzinom sowie Sarkome. Verwendet wurden genomische Daten aus Vollgenomsequenzierungen, Capture-Panel-Sequenzierungen und zirkulierender zellfreier DANN (cfDNA).
Die Patienten wurden auf Grundlage ihrer CIN-Signaturen in Gruppen mit vorhergesagter Resistenz oder Sensitivität eingeteilt. Im Fokus der Auswertung stand das Risiko eines Therapieversagens unter den jeweils eingesetzten Chemotherapeutika.
Signifikante Vorhersagekraft für Taxan-, Anthrazyklin- und Platinumresistenz
Die Studie zeigte eine signifikante Assoziation zwischen den CIN-Signaturen und dem Risiko für Therapieversagen bei folgenden Tumorarten:
- Ovarialkarzinom:
o Taxane: HR 7,44
o Anthrazykline: HR 1,88
o Platinum (nicht-randomisierte Emulation): HR 1,46 - Metastasiertes Mammakarzinom:
o Taxane: HR 3,98
o Anthrazykline: HR 3,69 - Metastasiertes Prostatakarzinom:
o Taxane: HR 5,46 - Sarkome:
o Anthrazykline (nicht-randomisierte Emulation): HR 3,59
Diese Ergebnisse belegen eine robuste prädiktive Leistung der CIN-Signaturen für mehrere Chemotherapeutika-Klassen über verschiedene solide Tumorarten hinweg.
Fazit: Ein Schritt zur individualisierten Anwendung klassischer Chemotherapeutika
Die CIN-Signaturen ermöglichen erstmals eine direkte prädiktive Einschätzung der Wirksamkeit klassischer zytotoxischer Chemotherapien. Im Unterschied zu etablierten Verfahren wie dem OncotypeDX-Rezidivscore oder Homologen Rekombinationsdefizienz-(HRD)-Tests (z. B. Myriad myChoice, HRDetect), die entweder nicht direkt auf Chemotherapieresistenz abzielen oder nur auf spezifische Wirkstoffklassen begrenzt sind, erlaubt der neue Test die Bewertung mehrerer Substanzklassen (Platinum, Taxane, Anthrazykline) anhand eines einzigen genomischen Profils.
Die signifikante Vorhersagekraft über verschiedene Tumorentitäten hinweg weist auf ein breites Anwendungsspektrum hin. Damit bietet der Test einen substanziellen Fortschritt auf dem Weg zur individualisierten Anwendung klassischer Chemotherapeutika – einem Bereich, in dem bislang verlässliche prädiktive Marker weitgehend fehlten.
Für eine klinische Umsetzung sind nun prospektive Validierungen und die standardisierte Einbindung in bestehende diagnostische Workflows erforderlich.









