Bedeutung Lungenkrebs
Mit 2,1 Millionen neuen Fällen weltweit im Jahr 2018 gehört Lungenkrebs zu den häufigsten Krebsdiagnosen. Trotz der Fortschritte in Diagnostik und Therapie hat sich die 5-Jahres-Überlebensrate bei Lungenkrebs in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Viele Patienten mit Lungenkrebs erhalten die Diagnose erst in fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung, die mit einer niedrigen Überlebensrate verbunden sind. Daher werden neue Strategien zur Reduktion von Morbidität und Mortalität der Krebserkrankung gesucht.
Risiken reduzieren
Prävention und Früherkennung gehören zu den Schlüsselelementen für diese Strategien. Hierzu ist die Kenntnis von Risikofaktoren für Lungenkrebs essenziell. Rauchen ist zwar der Hauptrisikofaktor für die Entstehung von Lungenkrebs, dennoch sind 25% der Lungenkrebspatienten Nichtraucher. Eine Identifizierung von Risikofaktoren abgesehen vom Tabakkonsum könnte Ansatzpunkte für neue Präventionsmaßnahmen und eine gezielte Früherkennung liefern.
Begleiterkrankung oder Risikofaktor?
Rauchen, Diabetes mellitus und Adipositas erhöhen das Risiko für Lungenkrebs genauso wie für kardiovaskuläre Erkrankungen. Kein Wunder also, dass beide Krankheiten häufig gemeinsam auftreten. Es gibt jedoch Hinweise, dass auch direkte Zusammenhänge zwischen kardiovaskulären Erkrankungen und der Entstehung von Lungenkrebs und der Prognose der Krebserkrankung bestehen. Eine Registerstudie ging der Frage nach, ob es sich beim gemeinsamen Auftreten von kardiovaskulären Erkrankungen und Lungenkrebs um reine Komorbiditäten handelt oder ob eine Herz-Kreislauf-Krankheit ein unabhängiger Risikofaktor für Lungenkarzinome ist [1].
Empirische Evidenzen gesucht
Konkret sollte die Studie zeigen, ob sich empirische Evidenzen für Zusammenhänge zwischen kardiovaskulären Erkrankungen sowie bestimmter Arten kardiovaskulärer Erkrankungen und der Inzidenz von und der Mortalität bei Lungenkrebs nachweisen lassen. Darüber hinaus untersuchten die Wissenschaftler, ob die Ergebnisse abhängig vom Alter bei der Diagnose der kardiovaskulären Erkrankung variierten.
Dänische Register erlauben einfache Zuordnung
Für die populationsbasierte, gematchte Kohortenstudie nutzte ein internationales Wissenschaftlerteam um Dr. Ce Wang vom Institut für Biostatistik der Fudan Universität in Shanghai Datensätze aus dänischen Registern. Diese boten sich für die umfangreiche Analyse an, weil alle Einwohner Dänemarks seit 1968 eine persönliche Identifikationsnummer (Central Personal Register Number [CPR]) haben, die eine akkurate Zuordnung von Datensätzen verschiedener Register zu einer Person erlaubt. Eine Kohorte wurde aus Patienten im dänischen nationalen Patientenregister mit der Erstdiagnose kardiovaskuläre Erkrankung in den Jahren 1967-2006 gebildet. Diese Patienten wurden mit jeweils vier Herz-Kreislauf-Gesunden gematcht, die zuvor aus dem gleichen Register randomisiert worden waren.
Erhebung von Störfaktoren
Gematcht wurde unter anderem nach Alter und Geschlecht. Potenzielle Störfaktoren wurden per Datenabfrage in den verschiedenen Registern erhoben. Zu den ausgewählten Störfaktoren zählten Adipositas, Diabetes mellitus, Rauchen, Alkoholmissbrauch, Beziehungsstatus und Bildungsniveau. Als Endpunkte wurden die Inzidenz von Lungenkrebs und die Mortalität aufgrund von Lungenkrebs definiert.
Inzidenz von Lungenkrebs
In der Kohortenstudie wurden die Datensätze von 306.285 Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung und 1.222.140 Patienten ohne solche Vorerkrankung eingeschlossen. Innerhalb des Follow ups, das bis zu 42 Jahre betragen konnte, erhielten 243 (0,08%) der Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung und 537 (0,04%) der Teilnehmer ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung die Diagnose Lungenkrebs. Das Lungenkrebsrisiko der Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung war gegenüber den Herz-Kreislauf-Gesunden um 67% erhöht (Hazard Ratio [HR] 1,67; 95% Konfidenzintervall [KI]: 1,42 bis 1,96). Bei einer Erkrankung des Herzens war das Risiko um 93% (HR 1,93; 95%-KI: 1,30 bis 2,85), bei Gefäßkrankheiten um 88% (HR 1,88; 95%-KI: 1,35 bis 2,61) und bei Hypertonie um 46% (HR 1,46; 95%-KI: 1,15 bis 1,85) erhöht.
Mortalität bei Lungenkrebs
Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung hatten gegenüber den Herz-Kreislauf-Gesunden ein um 95% erhöhtes Sterberisiko bei Lungenkrebs (HR 1,95; 95%-KI: 1,50 bis 2,55). Die Mortalität war insbesondere bei Gefäßkrankheiten (HR 3,24; 95%-KI: 1,74 bis 6,02) und bei Herzerkrankungen (HR 2,29; 95%-KI: 1,23 bis 4,26) stark erhöht. Bei Patienten, bei denen die kardiovaskuläre Erkrankung ab der Lebensmitte (>40 Jahre) diagnostiziert worden war, wurde eine höhere Inzidenz (HR 3,44; 95%-KI: 2,28 bis 5,19) und Mortalität (HR 3,67; 95%-KI: 1,80 bis 7,46) ermittelt als bei Patienten, die bei Diagnose der kardiovaskulären Krankheit jünger waren.
Fazit
Aufgrund dieser Ergebnisse halten es die Autoren für möglich, dass kardiovaskuläre Erkrankungen unabhängige Risikofaktoren für die Entwicklung und die Mortalität von Lungenkrebs sind und deshalb bei der Krebsfrüherkennung berücksichtigt werden sollten. Als Stärken ihrer Studie nannten sie die Vollständigkeit und Validität der dänischen Registerdaten und, dass die Herz-Kreislauf-Diagnosen und Krebsdiagnosen unabhängig voneinander erhoben wurden. Sie räumen aber auch ein, dass die Daten über Störfaktoren unvollständig waren bzw. mögliche weitere Störfaktoren bei der Analyse nicht berücksichtigt wurden.
Die Studie wurde gesponsert von dem Independent Research Fund Denmark, der Nordic Cancer Union, dem Karen Elise Jensens Fond (2016), dem Novo Nordisk Fonden, dem Shanghai Rising-Star Program, der National Natural Science Foundation of China, der Shanghai Municipal Natural Science Foundation und dem Shanghai Municipal Science und dem Technology Major Project.












