Frühkindliche Antibiotikagabe: Ein Balanceakt zwischen Nutzen und Risiko
Antibiotika sind wichtige Mittel zur Behandlung von bakteriellen Infektionen. Sie werden häufig im Säuglings- und Kleinkindalter bei Erkrankungen wie beispielsweise Otitis media oder bakteriellen Atemwegsinfektionen verwendet, manchmal ohne die korrekte Indikation. Antibiotika können die Darmmikrobiota stören und damit die Entwicklung des Immun- und Nervensystems negativ beeinflussen. Zudem konnten Störungen der Darmmikrobiota beispielsweise mit der Entwicklung von allergischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden. Daher verwundert es nicht, dass sich in letzter Zeit Hinweise darauf mehren, dass eine Anwendung von Antibiotika während der frühen Kindheit langfristige negative gesundheitliche Konsequenzen haben könnte. Frühere Studien haben bereits mögliche Zusammenhänge zwischen Antibiotikatherapien und der Entwicklung von chronischen Erkrankungen wie Asthma oder Allergien untersucht. Es blieben jedoch einige Fragen offen, insbesondere hinsichtlich potenzieller Störfaktoren.
Neue Evidenz durch groß angelegte retrospektive Kohortenstudie
Daher evaluierte eine aktuelle retrospektive Studie Daten von über 1,09 Millionen Kindern, um mögliche Assoziationen zwischen einer Antibiotikagabe vor dem zweiten Lebensjahr und der Entwicklung chronischer Erkrankungen bis zum Alter von zwölf Jahren zu untersuchen. Die Forscher legten besonderes Augenmerk auf die Entwicklung von allergischen, autoimmunen sowie neuroentwicklungsbezogenen und psychiatrischen Erkrankungen. Zur Minimierung von Störfaktoren führten die Wissenschaftler neben multivariablen Cox-Regressionsmodellen auch geschwisterkontrollierte Analysen durch.
Kinder, die eine frühe Antibiotikabehandlung erhielten, hatten häufiger allergische Erkrankungen
Von den über eine Million untersuchten Kindern erhielten 685.665 (62,8 %) im Zeitraum zwischen ihrer Geburt und dem zweiten Lebensjahr eine Behandlung mit Antibiotika. Die Kinder, die vor dem zweiten Lebensjahr Antibiotika erhielten, hatten ein erhöhtes Risiko für folgende allergische Erkrankungen auf:
- Asthma
- Nahrungsmittelallergien
- Allergische Rhinitis
Die Wissenschaftler stellten fest, dass das Risiko mit der Anzahl der verabreichten Antibiotika stieg.
Studie zeigte Assoziation zwischen Antibiotikatherapie in früher Kindheit und Lernschwierigkeiten
Die Studienautoren stellten zudem eine starke dosisabhängige Assoziation zwischen häufiger Antibiotikagabe und Lernschwierigkeiten fest. Für andere untersuchte Erkrankungen wie Zöliakie, entzündliche Darmerkrankungen, juvenile idiopathische Arthritis, Psoriasis, Typ-1-Diabetes, ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen oder Angststörungen fanden die Wissenschaftler keine signifikanten Zusammenhänge.
Sorgfältige Indikationsstellung bei Antibiotikatherapie im frühen Kindesalter
Die Studienergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer sorgfältigen Indikationsstellung bei einem Einsatz von Antibiotika im frühen Kindesalter. Insbesondere sollten bei viralen Infektionen, bei denen Antibiotika keine Wirkung zeigen, keine Antibiotika verschrieben werden. Potenzielle Langzeitrisiken, insbesondere die Entwicklung von allergischen Erkrankungen wie Asthma und mögliche neurokognitive Beeinträchtigungen, sollten in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.










