Viele Faktoren beeinflussen die Placebo-Response
Placebo ist wahrscheinlich das in Studien am häufigsten evaluierte „therapeutische Agens“. In der psychiatrischen Forschung gilt der Einsatz von Placebo als Kontrollsubstanz in randomisierten klinischen Studien bei nahezu allen Indikationen als ethisch vertretbar. Besonders in psychiatrischen Studienkommt es unter Placebo-Behandlung häufig zu Verbesserungen des Krankheitsbildes, die sich manchmal kaum von den Verum-Effekten unterscheiden. Per Definition umfasst der echte Placebo-Effekt Verbesserungen des Krankheitsbildes infolge von Suggestion, Hoffnung auf Besserung und Konditionierungseffekten, z. B. die Verknüpfung zwischen Medikamentenverabreichung und Linderung von Symptomen.
Placebo-unabhängige Effekte können ebenfalls die Symptomatik verbessern. Dazu zählen natürliche Besserung bei episodischem Krankheitsverlauf, empathisches Studienpersonal, unterstützende Gespräche und Psychoedukation. Da sich die Gründe für eine Besserung meist nicht identifizieren lassen, werden alle beobachtbaren positiven Veränderungen unter Scheinbehandlung als Placebo-Response bezeichnet.
Die Placebo-Response unterscheidet sich je nach Störungen
Bekannt ist, dass die Placebo-Response bei verschiedenen psychiatrischen Störungen unterschiedlich ausgeprägt ist. Bisher gibt es jedoch nur wenige Vergleichsstudien, die diese Unterschiede detailliert untersuchen. Dabei könnte die Kenntnis der spezifischen Placebo-Response das Wissen um die jeweilige Störung erweitern, bei der Interpretation klinischer Studien helfen, Therapieentscheidungen unterstützen und Behandlungen verbessern.
Vergleich der Placebo-Effekte bei neun Diagnosen
Um mehr über die spezifische Placebo Response bei neun verschiedenen bedeutenden psychiatrischen Krankheiten zu erfahren, haben Wissenschaftler um Professor Dr. Tom Bschor an der Technischen Universität in Dresden einen systematischen Review und eine Meta-Analyse von insgesamt 90 randomisierten klinischen Studien neueren Datums und hoher Qualität durchgeführt. Ziel des Projektes war ein Vergleich der Placebo-Effektstärken bei diesen Diagnosen: schwere Depression, Manie, Schizophrenie, Zwangsstörung, Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung, generalisierte Angststörung, Panikattacken, posttraumatischen Belastungsstörungen und soziale Phobie.
Vorher-Nachher-Effektstärken als primärer Endpunkt
Die Cochrane Datenbank systematischer Reviews und MEDLINE wurden im März 2022 nach aktuellen systematischen Reviews, die vordefinierte Qualitätskriterien für neun bedeutende psychiatrische Diagnosen erfüllten, durchsucht. Aus diesen Reviews wurden für jede Diagnose die zehn neuesten placebokontrollierten randomisierten klinischen Studien höchster Qualität ausgewählt. Die Vergleiche der psychiatrischen Diagnosen basierten auf standardisierten Vorher-Nachher-Effektstärken für jede Placebo-Gruppe. Der primäre Endpunkt waren die gepoolten Vorher-Nachher-Placebo-Effektstärken mit einem 95%-Konfidenzintervall pro Diagnose.
Signifikante Unterschiede der Placebo-Effektstärken
Insgesamt wurden 90 randomisierte klinische Studien mit 9.985 Patienten in den Placebo-Gruppen analysiert. Die Placebo-Behandlung verringerte bei allen Diagnosen die Symptomschwere. Die gepoolten Vorher-Nachher-Effektstärken des Placebo-Einsatzes variierten zwischen den Diagnosen. Die höchsten Vorher-Nachher-Effektstärken erzielten Placebos bei schweren Depressionen mit 1,40 (95%-KI 1,24 bis 1,56) und bei generalisierten Angststörungen mit 1,23 (95%-KI 1,06 bis 1,41). Die niedrigsten Vorher-Nachher-Effektstärken zeigten Placebos bei Zwangsstörungen mit 0,65 (95%-KI 0,51bis 0,78) und bei Schizophrenie mit 0,59 (95%-KI 0,51bis 0,78). Bei Panikattacken, Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung, posttraumatischen Belastungsstörungen, sozialen Phobien und Manien lagen Vorher-Nachher-Effektstärken von Placebo zwischen 0,68 und 0,92.
Potenzieller Nutzen der Befunde
Die systematische Überprüfung und Meta-Analyse zeigte, dass die Behandlung mit Placebo bei allen neun eingeschlossenen psychiatrischen Diagnosen zu wesentlichen Verbesserungen führte, wobei die Effektstärke der Verbesserung je nach Störung variierte. Diese Befunde können nach Ansicht der Autoren die Interpretation von placebokontrollierten Studien, in denen der Verum-Placebo-Unterschied primärer Endpunkt ist, unterstützen.
Erkrankungen, bei denen ein starker genetischer und biologischer Einfluss angenommen wird, wie beispielsweise die Schizophrenie, zeigten im Vergleich zu anderen Störungen eine geringere Placebo-Response. Bei Störungen mit geringerem biologischem Beitrag, wie Depressionen oder generalisierte Angststörungen, kam es hingegen zu einer stärkeren Response auf Placebo. Diese Zusammenhänge legen nahe, dass die Störungsspezifische Ausprägung der Response auf Placebo möglicherweise auch Rückschlüsse auf den Einfluss organischer und psychogener Faktoren auf eine psychiatrische Erkrankung zulässt.
Die Autoren können sich daher vorstellen, dass ihre Studie als initiales Rahmenmodell zur Eingliederung der Befunde aus Placebogruppen genutzt werden könnte, um die Ätiopathogenese psychiatrischer Krankheiten zu explorieren.











