Stillen und Frauengesundheit: Relevanz für Depression und Angststörung
Depressionen und Angststörungen betreffen Frauen häufiger als Männer und stellen eine erhebliche individuelle sowie gesundheitsökonomische Belastung dar. Insbesondere die peripartale Phase gilt als vulnerabler Zeitraum. Postpartale Depressionen treten bei etwa 10–15 % der Mütter auf und sind mit langfristigen psychosozialen Folgen assoziiert.
Stillen wird primär im Kontext kindlicher Vorteile diskutiert, darunter reduzierte Infektionsraten, geringeres Adipositasrisiko und positive Effekte auf die kognitive Entwicklung. Auch für Mütter sind protektive Effekte belegt, etwa hinsichtlich kardiovaskulärer Erkrankungen, Mammakarzinom und Typ-2-Diabetes. Weniger klar ist jedoch, ob sich ein möglicher psychischer Nutzen über die unmittelbare Phase nach der Geburt hinaus fortsetzt.
Design und Kohorte der irischen Langzeitstudie
Vor diesem Hintergrund untersuchte die vorliegende prospektive 10-Jahres-Kohortenstudie den Zusammenhang zwischen Stillverhalten und selbstberichteter Depression bzw. Angststörung im späteren reproduktiven Lebensabschnitt. Die Analyse basiert auf der irischen ROLO-Langzeitkohorte (https://www.bmj.com/content/345/bmj.e5605). Eingeschlossen wurden 168 multipare Frauen mit vollständigen Angaben zu Stillverhalten und psychischer Gesundheit über einen Zeitraum von zehn Jahren. Das mittlere Alter am Studienende betrug 42,4 ± 3,8 Jahre.
Erfasst wurden:
- Ob Frauen jemals gestillt hatten (≥1 Tag gestillt),
- kumulative Dauer des ausschließlichen Stillens (Wochen),
- Gesamtdauer des Stillens,
- kumulative Stilldauer ≥12 Monate.
Depression und Angststörung wurden über Selbstangaben zu ärztlicher Diagnose oder Einnahme von Antidepressiva dokumentiert. Es wurden zwei Endpunkte definiert: Auftreten nach zehn Jahren sowie Auftreten zu einem beliebigen Zeitpunkt im Studienverlauf.
Die statistische Auswertung erfolgte mittels logistischer Regressionsmodelle unter Adjustierung für relevante Kovariablen, darunter Alter, körperliche Aktivität, WHO-5-Wohlbefindensindex und Alkoholkonsum.
Assoziation zwischen Stilldauer und Depression sowie Angststörung
Die Ergebnisse zeigen: 72,6 % der Frauen hatten mindestens einmal gestillt. Die mediane Stilldauer betrug 5,5 Wochen, 37,5 % erreichten kumulativ ≥12 Monate Stillzeit.
Nach zehn Jahren berichteten 13,1 % der Teilnehmerinnen über Depression oder Angststörung, im gesamten Beobachtungszeitraum waren es 20,8 %.
Studienendpunkt nach zehn Jahren
Frauen, die gestillt hatten (unabhängig von der Dauer) hatten eine signifikant geringere Wahrscheinlichkeit für Depression oder Angststörung nach zehn Jahren (adjustierte Odds Ratio [OR] 0,34; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,12 bis 0,94; p=0,04).
Depression und Angststörung im gesamten Studienzeitraum
Über die gesamte Beobachtungszeit zeigte Stillen konsistente protektive Effekte. Pro zusätzlicher Woche exklusiven Stillens reduzierte sich die Wahrscheinlichkeit für Depression/Angststörung um etwa 2 %. Diese Zusammenhänge blieben nach Adjustierung für potenzielle Confounder bestehen.
Stillen scheint positive Langzeiteffekte auf die mütterliche Psyche zu haben
Der bidirektionale Zusammenhang zwischen Stillen und postpartaler Depression ist gut belegt. Frauen mit Depression stillen kürzer, gleichzeitig scheint Stillen depressive Symptome zu reduzieren. Daten zu langfristigen Effekten sind jedoch rar.
Die vorliegende Studie erweitert die Evidenz um eine Assoziation im späteren reproduktiven Alter. Mögliche Mechanismen umfassen hormonelle Effekte, metabolische Faktoren sowie psychosoziale Komponenten.
Limitationen der Studie
Zu beachten ist die Beobachtungsnatur der Studie. Eine Kausalität lässt sich nicht ableiten. Zudem basiert die Endpunkterhebung auf Selbstangaben, wodurch Recall- und Reporting-Bias möglich sind.
Klinische Implikationen der Studienergebnisse für die Frauengesundheit
Die Ergebnisse der Studie sprechen für einen möglichen langfristigen psychischen Nutzen des Stillens. Dies unterstreicht die Bedeutung individualisierter Stillförderung.
Für die Praxis bedeutet dies:
- Frühe Identifikation psychischer Risikokonstellationen.
- Niedrigschwellige Stillberatung und psychosoziale Unterstützung.
- Integration von Stillförderung in ganzheitliche Präventionskonzepte.
Weitere prospektive Studien mit validierten psychiatrischen Instrumenten sind erforderlich, um Kausalzusammenhänge zu prüfen und biologische Mechanismen zu klären. Die vorliegenden Daten stellen jedoch einen wichtigen Schritt dar, um Stillen nicht nur als kindbezogene Maßnahme, sondern als potenziellen Baustein langfristiger Frauengesundheit zu verstehen.














