Genetisches Gichtrisiko als Prädiktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Neben modifizierbaren Faktoren spielen auch genetische Veranlagungen eine Rolle bei der Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In einer aktuellen Studie wurde der Zusammenhang zwischen dem genetisch bedingten Gichtrisiko und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht.

Genetische Erkrankung

Gicht bezeichnet die klinische Manifestation einer Hyperurikämie, bei der sich Uratkristalle in den Gelenken ablagern und dort entzündliche Reaktionen sowie Schmerzen auslösen. Zahlreiche epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass Gicht das Risiko für verschiedene kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD [cardiovascular diseases]) erhöht, einschließlich koronarer Herzkrankheit (KHK), Myokardinfarkt (MI), peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) und Herzinsuffizienz.

Hyperurikämie und Gicht als Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen

Hyperurikämie gilt als wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung von Gicht. Allerdings entwickelt nur ein Teil der Patienten mit erhöhten Harnsäurespiegeln tatsächlich eine manifeste Gichterkrankung. Frühere genetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass erhöhte Harnsäurespiegel mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Hypertonie und Dyslipidämien assoziiert sind. Die Frage eines direkten genetischen Zusammenhangs zwischen Gicht und CVD ist jedoch noch unzureichend erforscht.

Relevanz der genetischen Differenzierung für die CVD-Forschung

Genomweite Assoziationsstudien haben gezeigt, dass sich Hyperurikämie und Gicht genetisch deutlich unterscheiden. So wurden 13 spezifische Single Nukleotid Polymorphismen (SNPs) identifiziert, welche signifikante Unterschiede zwischen asymptomatischer Hyperurikämie und klinisch manifester Gicht aufweisen. Aufgrund dieser Differenzierung ist es notwendig, die genetischen Zusammenhänge zwischen Gicht und kardiovaskulären Erkrankungen (CVD) unabhängig von der Hyperurikämie zu analysieren.

Lebensstilfaktoren als zusätzliche Einflussgrößen

Neben genetischen Faktoren beeinflussen allerdings auch Lebensstilfaktoren wie Alkoholkonsum, Rauchen, Ernährung und körperliche Aktivität das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ebenso spielt die individuelle Stoffwechsellage - insbesondere die Blutzucker- und Cholesterinwerte - eine zentrale Rolle in der Entwicklung und im Verlauf dieser Erkrankungen. In welchem Ausmaß diese Faktoren verschiedene Bevölkerungsgruppen beeinflussen, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt und ebenfalls Gegenstand aktueller Forschung.

Untersuchung des genetischen Gichtrisikos auf CVD-Risiko

Ziel einer koreanischen Studie war es, den Einfluss des genetischen Gichtrisikos auf das Risiko für CVD in verschiedenen Populationen zu analysieren und die Rolle modifizierbarer Faktoren wie Lebensstil und dem metabolischen Syndrom (MetS) auf die Entstehung von CVD zu untersuchen. Zur Bestimmung des genetischen Risikos für Gicht wurde ein Polygenic Risk Score (PRS) verwendet, der auf Daten aus umfangreichen Assoziationsstudien basiert. Für die Analyse wurden zwei Kohorten berücksichtigt: die UK Biobank (UKBB) mit 224.689 Teilnehmern europäischer Abstammung sowie die Korean Genome and Epidemiology Study (KoGES) mit 50.364 Teilnehmern koreanischer Abstammung.

Ergebnisse der genetischen Risikobewertung

Ein hoher genetischer Risikoscore (PRS) für Gicht zeigte eine signifikante Assoziation mit einem erhöhten Risiko für CVD. In der UK Biobank-Kohorte wiesen Personen mit einem hohen Gicht-PRS ein um 10% erhöhtes Risiko für CVD auf, wobei das Risiko für KHK und Herzinsuffizienz besonders ausgeprägt war.

Diese Zusammenhänge konnten auch in der koreanischen KoGES-Kohorte bestätigt werden. Trotz der begrenzten Möglichkeiten zur Analyse spezifischer CVD-Subtypen in dieser Kohorte deuten die Ergebnisse auf eine konsistente Rolle des genetischen Gichtrisikos als Prädiktor für kardiovaskuläre Erkrankungen hin, unabhängig von ethnischen Unterschieden.

Lebensstil, metabolisches Syndrom und CVD-Risiko

Ein Schwerpunkt der Studie war die Analyse des Einflusses von Lebensstilfaktoren und des metabolischen Syndroms auf das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Es zeigte sich, dass ungesunde Lebensgewohnheiten - einschließlich Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und Bewegungsmangel - das Risiko für CVD unabhängig von der genetischen Risikogruppe signifikant erhöhen. Personen mit einem hohen PRS sowie einem ungesunden Lebensstil hatten das höchste CVD-Risiko.

Ein ungünstiges metabolisches Profil, definiert durch eine erhöhte Anzahl von MetS-Komponenten wie Bluthochdruck, Dyslipidämie und Insulinresistenz, war mit einer Verdoppelung des CVD-Risikos assoziiert. Diese Ergebnisse unterstreichen die zentrale Rolle von MetS und ungünstigen Lebensstilfaktoren bei der Entwicklung von CVD und wurden in beiden Kohorten konsistent bestätigt.

Risikoreduktion durch positive Lebensstiländerungen

Ein besonders wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass ein gesunder Lebensstil das Risiko für CVD auch bei genetisch vorbelasteten Personen deutlich senken kann. Daten aus der UK Biobank zeigten, dass Teilnehmer mit einem hohen genetischen Risiko, aber einem gesunden Lebensstil und einem günstigen Stoffwechselprofil ihr Risiko für CVD um bis zu 62% senken konnten. In der KoGES-Kohorte konnte das Risiko durch einen gesunden Lebensstil um 47% gesenkt werden. Insbesondere der Verzicht auf das Rauchen senkte das CVD-Risiko signifikant, mit einem Effekt von bis zu 45%. Auch die Kontrolle des Körpergewichts und eine gesunde Ernährung waren wichtige Faktoren, um das kardiovaskuläre Risiko weiter zu senken.

Potenzial für Präventionsstrategien zur CVD-Risikoreduktion

Diese Studie zeigt, dass ein hoher genetischer Risikoscore für Gicht ein relevanter Prädiktor für das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen ist. Darüber hinaus verdeutlichen die Ergebnisse, dass Lebensstil und metabolisches Syndrom entscheidende Einflussfaktoren auf das CVD-Risiko darstellen und dass auch bei genetisch vorbelasteten Personen durch positive Veränderungen das Risiko signifikant gesenkt werden kann. Zukünftige Studien sollten sich auf gezielte Präventionsstrategien konzentrieren, um das CVD-Risiko bei Personen mit erhöhtem genetischem Gichtrisiko weiter zu senken.

Autor:
Stand:
15.11.2024
Quelle:

Moon et al. (2024): Cardiovascular risk according to genetic predisposition to gout, lifestyle and metabolic health across prospective European and Korean cohorts. RMD Open 2024, DOI: 10.1136/rmdopen-2024-004552

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