Autoimmunerkrankungen erhöhen Risiko für affektive Störungen

Patienten mit Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder Psoriasis weisen nahezu doppelt so häufig Depressionen, Angststörungen oder bipolare Störungen auf wie die Allgemeinbevölkerung.

Depression Hilfe

Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Psoriasis zählen zu den häufigsten chronischen Erkrankungen. Sie betreffen Millionen Menschen weltweit und sind durch eine dauerhafte Aktivierung des Immunsystems gekennzeichnet. Neben den bekannten somatischen Folgen rückt zunehmend die psychische Gesundheit in den Fokus. Zahlreiche Studien haben Assoziationen zwischen Inflammation und affektiven Störungen gezeigt, auch wenn die Befunde nicht in allen Untersuchungen konsistent waren.

Daten von 1,5 Millionen Teilnehmenden ausgewertet

Um diese Zusammenhänge in größerem Maßstab zu untersuchen, analysierte ein Forscherteam der University of Edinburgh Daten aus der Our Future Health (OFH)-Kohorte. Insgesamt wurden Angaben von 1.563.155 Erwachsenen ausgewertet, davon 37.808 mit einer selbstberichteten Diagnose einer von sechs Autoimmunkrankheiten: rheumatoide Arthritis, Morbus Basedow, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Lupus, Multiple Sklerose und Psoriasis.

Als psychische Erkrankungen von Interesse wurden selbstberichtete affektive Störungen erfasst, definiert als Depression, bipolare Störung oder generalisierte Angststörung. Die Referenzgruppe umfasste 1.525.347 Personen ohne diese Diagnosen. Die Ergebnisse wurden in 'BMJ Mental Health' veröffentlicht.

Nahezu verdoppeltes Risiko für affektive Störungen bei Autoimmunerkrankungen

Die Analyse ergab eine signifikant höhere Lebenszeitprävalenz affektiver Störungen bei Menschen mit Autoimmunerkrankungen:

  • Gesamt: 28,8 % vs. 17,9 %
  • Depression: 25,5 % vs. 15,2 %
  • Angststörungen: 21,2 % vs. 12,5 %
  • Bipolare Störungen: 0,9 % vs. 0,5 %

Die Wahrscheinlichkeit für eine affektive Störung war in der Autoimmun-Gruppe nahezu doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung (OR = 1,86; p < 0,001).

Auch bei der Erhebung aktueller Symptome zeigten sich deutliche Unterschiede:

  • Depressive Symptome (PHQ-9 ≥10): 18,6 % vs. 10,5 %
  • Angstsymptome (GAD-7 ≥8): 19,9 % vs. 12,9 %

Die Assoziationen blieben auch nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Einkommen, chronische Schmerzen, soziale Kontakte und familiäre Vorbelastung bestehen (aOR = 1,48; p < 0,001).

Frauen häufiger betroffen als Männer

Frauen waren in beiden Gruppen häufiger betroffen als Männer. In der Gruppe mit Autoimmunerkrankungen berichteten 32 % der Frauen, aber nur 21 % der Männer von affektiven Störungen.

Die Ursachen für diese Unterschiede sind bislang nicht abschließend geklärt. In einer Pressemitteilung der BMJ Group heißt es: „Theorien deuten darauf hin, dass Sexualhormone, chromosomale Faktoren und Unterschiede in zirkulierenden Antikörpern diese Geschlechtsunterschiede teilweise erklären könnten“, schreiben die Autoren. „Frauen (nicht Männer) mit Depression weisen erhöhte Konzentrationen zirkulierender Zytokine und Akute-Phase-Proteine im Vergleich zu nicht-depressiven Kontrollen auf. Es ist daher möglich, dass Frauen die kumulativen Herausforderungen einer erhöhten Autoimmunität und stärkerer Effekte von Immunreaktionen auf die psychische Gesundheit erfahren, was zu der deutlich höheren Prävalenz affektiver Störungen in dieser Studie führt.“

Fazit: Regelmäßiges Screening auf psychische Störungen bei Autoimmunpatienten sinnvoll

Die Ergebnisse bestätigen frühere Studien, die auf eine bidirektionale Beziehung zwischen Autoimmunität und psychischen Erkrankungen hindeuten. Die Autoren betonen: „Obwohl das Beobachtungsdesign dieser Studie keine direkten Rückschlüsse auf kausale Mechanismen zulässt, deutet diese Analyse eines großen nationalen Datensatzes darauf hin, dass eine chronische Exposition gegenüber systemischen Entzündungen mit einem erhöhten Risiko für affektive Störungen verbunden sein kann.“

Zukünftige Studien sollten untersuchen, ob biologische, psychologische und soziale Faktoren – etwa chronische Schmerzen, Fatigue, Schlaf- oder zirkadiane Störungen und soziale Isolation – potenziell modifizierbare Mechanismen darstellen, die Autoimmunerkrankungen und affektive Störungen verbinden. Zudem regen die Autoren an, Menschen mit Autoimmunerkrankungen regelmäßig auf psychische Erkrankungen zu screenen, insbesondere Frauen. Dadurch könnten psychische Probleme frühzeitig erkannt und zeitnah behandelt werden.

Autor:
Stand:
20.10.2025
Quelle:
  1. Rakshasa-Loots, A. M. et al. (2025): Affective disorders and chronic inflammatory conditions: analysis of 1.5 million participants in Our Future Health. BMJ Mental Health, DOI: 10.1136/bmjment-2025-301706.
  2. BMJ Group, Pressemitteilung, 25. Juni 2025.
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