Neue Versichertendaten: Polymyalgia rheumatica ab 50 deutlich häufiger als gedacht

Eine große Analyse deutscher Versichertendaten zeigt, dass die Polymyalgia rheumatica ab 50 Jahren deutlich häufiger diagnostiziert wird als bislang angenommen. Prävalenz und Inzidenz übersteigen frühere Schätzungen um ein Mehrfaches.

Polymyalgia rheumatica

Die Polymyalgia rheumatica (PMR) zählt nach der rheumatoiden Arthritis (RA) zu den häufigsten entzündlich-rheumatischen Erkrankungen bei Menschen über 50 Jahren. Typische Symptome sind muskelkaterähnliche Schmerzen im Schulter- und Beckengürtel sowie in Oberarmen und Oberschenkeln, die insbesondere morgens mit ausgeprägter Steifigkeit einhergehen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Eine im Fachjournal 'Rheumatology' veröffentlichte Versichertendatenanalyse liefert neue Erkenntnisse zur Häufigkeit der Polymyalgia rheumatica in Deutschland. Die erhobenen Zahlen liegen deutlich über den bislang publizierten Schätzungen.

Versichertendatenanalyse mit über 4,8 Millionen eingeschlossenen Personen

Die Querschnittsanalyse basierte auf der Forschungsdatenbank des InGef (Institut für Gesundheitsforschung, Berlin) mit 4,8 Millionen Versicherten, die repräsentativ für die deutsche Bevölkerung sind.

Eingeschlossen wurden Personen ab 50 Jahren mit kontinuierlichem Versicherungsstatus über mindestens drei Jahre sowie zwei Folgejahre für die Längsschnittanalyse. Der Beobachtungszeitraum umfasste die Jahre 2018 bis 2021.

Diagnosen wurden über den ICD-10-GM-Code M35.3 identifiziert und mussten in mindestens einer weiteren Abrechnungsperiode bestätigt werden.

Prävalenz und Inzidenz übersteigen frühere Schätzungen deutlich

Die Analyse ergab eine Prävalenz der PMR von 937 pro 100.000 Personen im Jahr 2021. Dies entspricht einem Anstieg um 7,8 % gegenüber 2018 (869/100.000). Die jährliche Inzidenz blieb mit 111 pro 100.000 Personen im Studienzeitraum stabil.

Diese Werte liegen um ein Mehrfaches höher als bislang publizierte deutsche Schätzungen, die von einer Prävalenz von etwa 130 pro 100.000 und einer Inzidenz von 17,7 pro 100.000 ausgingen. Damit erreicht Deutschland vergleichbare Inzidenzraten wie Norwegen (ca. 113/100.000) oder das Vereinigte Königreich (ca. 84–96/100.000), wo ebenfalls hohe Werte berichtet wurden.

Diagnosestellung überwiegend durch Hausärzte

86,7 % der Diagnosen entfallen auf den ambulanten Bereich. Häufigste Diagnostiker waren Allgemeinmediziner (37,1 %), Internisten (22,2 %), Rheumatologen (11,4 %) und Orthopäden (10,2 %).

Nach der Erstdiagnose wurden rund 21 % der Patienten an Rheumatologen überwiesen. Damit bleibt die Überweisungsrate in Deutschland deutlich hinter internationalen Vergleichswerten zurück, etwa im Vereinigten Königreich, wo sie bei 44,4 % liegt.

Häufige Komorbiditäten bei Patienten mit PMR

Die Analyse zeigte eine hohe Begleiterkrankungsrate. Zu den häufigsten Komorbiditäten zählten arterielle Hypertonie (75,9 %), gefolgt von Dyslipidämie (55,0 %), Diabetes mellitus (29,7 %), Osteoporose (27,1 %), koronare Herzkrankheit (23,4 %) und Katarakt (24,3 %). Damit liegt der Hypertonie-Anteil über dem der über 65-jährigen Allgemeinbevölkerung in Deutschland (ca. 60 %).

Therapieeinleitung meist in hausärztlicher Versorgung

Die Behandlung wurde überwiegend von Hausärzten initiiert. Sie umfasste überwiegend Glukokortikoide; in 19,8 % der Fälle kam zusätzlich Methotrexat zum Einsatz.

Die Auswertung der Verschreibungen konnte nur Therapien ab Erstdiagnose abbilden; mögliche Vortherapien blieben unberücksichtigt.

Fazit: Polymyalgia rheumatica häufiger als angenommen – frühe rheumatologische Einbindung wichtig

Die Auswertung zeigt, dass die Polymyalgia rheumatica in Deutschland deutlich häufiger vorkommt als bisher angenommen. Damit wird sie zu einer relevanten Herausforderung in der ambulanten Versorgung. Für eine gesicherte Diagnose und eine leitliniengerechte Therapie ist die frühzeitige Einbindung der Rheumatologie entscheidend.

Studienleiter Wolfgang A. Schmidt betont: „Die Differenzialdiagnose der PMR ist schwierig, da eine subklinische Riesenzellarteriitis oder eine rheumatoide Arthritis vorliegen kann, was bildgebende Verfahren wie Ultraschall und die klinische Erfahrung eines Rheumatologen erfordert.“

Autor:
Stand:
22.09.2025
Quelle:

Schmidt, W. A. et al. (2025): Frequency, diagnosis, and management of polymyalgia rheumatica in Germany – database analysis of medical insurance data. Rheumatology, DOI: 10.1093/rheumatology/keaf367.

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