STIKO schlägt Alarm: Impfquoten bleiben trotz guter Impfstoffe zu niedrig

Deutschland verfügt über wirksame Impfstoffe, doch viele empfohlene Impfungen werden nicht konsequent umgesetzt. Aktuelle Einschätzungen der STIKO zeigen: Die größten Defizite liegen nicht in der Evidenz, sondern in der Impfrealität.

Booster Impfung

Impfziele werden weiterhin verfehlt

Trotz verfügbarer Impfstoffe und klarer Empfehlungen bleiben zentrale Impfquoten in Deutschland unter den Zielwerten. Nach STIKO-Angaben sind etwa nur rund drei Viertel der Kinder vollständig gegen Pneumokokken grundimmunisiert. Auch bei Auffrischimpfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Pertussis bestehen erhebliche Lücken – teils erhält nur etwa jeder zweite Erwachsene die empfohlene Wiederholungsimpfung.

„Wir haben kein Impfstoffproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, sagte Prof. Dr. Reinhard Berner, Vorsitzender der STIKO, auf der Nationalen Impfkonferenz.

Auch etablierte Impfungen werden nicht ausgeschöpft

Besonders problematisch aus Sicht der STIKO ist, dass selbst langjährig empfohlene Impfungen ihr präventives Potenzial nicht erreichen. Dazu zählen neben Pneumokokken auch die Influenzaimpfung, die Pertussis-Impfung in der Schwangerschaft sowie die HPV-Impfung bei Jugendlichen.

Bei Masern zeigen die Daten zwar steigende Quoten, sie liegen jedoch weiterhin deutlich unter der für eine Elimination erforderlichen Schwelle von 95 %. Damit bleibt Deutschland anfällig für Ausbrüche.

STIKO-Empfehlungen entstehen unter hohem Aufwand

Berner machte deutlich, dass jede STIKO-Empfehlung auf einer systematischen Evidenzbewertung basiert. Pro Fragestellung werden teils mehrere Tausend Studien gesichtet und bewertet. Gleichzeitig arbeitet die Kommission mit begrenzten personellen Ressourcen.

„Eine STIKO-Empfehlung ist keine Einzelmeinung, sondern das Ergebnis intensiver, strukturierter Evidenzarbeit“, betonte Berner.
Diese Komplexität trage dazu bei, dass Aktualisierungen Zeit benötigen – werde aber häufig unterschätzt, wenn Verzögerungen öffentlich kritisiert würden.

Public-Health-Nutzen steht im Fokus

Ein wiederkehrendes Thema war die Abgrenzung zwischen Individualmedizin und Public Health. Eine Impfung könne für den einzelnen Patienten sinnvoll sein, müsse aber auf Bevölkerungsebene einen klaren Zusatznutzen zeigen, um empfohlen zu werden.

Berner warnte davor, den Blick zu stark auf neue Impfstoffe zu richten: „Mit höheren Impfquoten bei bestehenden Empfehlungen ließe sich aktuell mehr Krankheitslast verhindern als mit zusätzlichen Vakzinen.“

Bedeutung für die ärztliche Praxis

Für Hausärzte und Kinderärzte ergibt sich daraus eine klare Aufgabe. Impfberatung bleibt zentral für den präventiven Erfolg. Ohne konsequente Umsetzung und klare Kommunikation laufen selbst gut begründete Empfehlungen ins Leere.

Fazit

Die STIKO sendet ein deutliches Signal: Der Schlüssel zur besseren Prävention liegt weniger in neuen Empfehlungen als in deren verlässlicher Umsetzung im Versorgungsalltag.

Autor:
Stand:
20.05.2026
Quelle:

Prof. Dr. Reinhard Berner, Update aus der Ständigen Impfkommission, 9. Nationale Impfkonferenz, Köln, 29. April 2026.
 

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