Juckreiz bei Alten ist häufig. Doch die Prävalenz-Daten differieren erheblich. Das liegt unter anderem daran, dass die Grenze für “alt” je nach Studie zwischen 60 und 75 Jahren liegt, sagt Professor Dr. Elke Weisshaar aus Heidelberg. Derzeit liegt die schwanken die Angaben zur Prävalenz zwischen 11 und 38 % bei alten Menschen, wobei die diese Rate in Pflegeheimen deutlich höher liegt. Laut Professor Dr. Elke Weisshaar aus Heidelberg ist das Risiko, einen chronischen Juckreiz zu entwickeln, bei Rentnern zweimal so hoch im Vergleich zu Menschen, die noch im Arbeitsprozess sind.
Im Alter verändert sich die Haut physiologisch:
- Sie wird dünner und verliert Elastizität,
- Die Funktion von Talg- und Schweißdrüsen sowie der Haarfollikel geht zurück,
- die Barrierefunktion ist gestört,
- Zellerneuerung und somit Wundheilung sind reduziert,
- die Histaminfreisetzung steigt
Ob sich ein chronischer Juckreiz entwickelt, hängt besonders von der Hautrockenheit (bei bis zu 70 % der Senioren), den verminderten immunologischen Funktionen, einer Mikroinflammation, und neurologischen Komponenten, z.B. wie Polyneuropathie oder Schlaganfälle, ab.
Klinisch ist der Juckreiz oft nicht leicht zu diagnostizieren, so Weisshaar. Starke Exkoriationen sind eher die Ausnahme. Die Patienten klagen oft von sich aus eher weniger darüber, und bei der Untersuchung gehen auf dem oft “bunten” Hautbild mit Altersflecken, senilen Hämangiomen, keratösen Bereichen u. Ä. leichte Kratzer unter. Dazu kommt, dass sich Hochbetagte aufgrund ihrer Bewegungseinschränkungen selbst oft gar nicht kratzen können.
Generell wird chronischer Juckreiz klassifiziert nach
- Dermatologischen Ursachen wie Atopische Dermatitis oder Scabies
- Systemischen Ursachen z. B. Cholestase, Niereninsuffizienz, Medikamente
- Neurologische Ursachen (zentral und/oder peripher)
- Psychogen/psychosomatisch
- Gemischt
- Ungeklärt.
Weisshaar berichtete über eine Aufstellung aus ihrer eignen Klinik, nach der die meisten Fälle von chronischem Juckreiz auf die klassischen Dermatosen oder systemische Ursachen entfallen.
Wichtig: Ausführliche Medikamenten-Anamnese
Um der Ursache auf die Spur zu kommen, ist eine ausführliche Anamnese erforderlich, das heißt auch Fremdanamnese bei Angehörigen oder Pflegepersonal. So sollten frühere Erkrankungen nicht nur an der Haut – auch Alte haben oder hatten eine Atopische Dermatitis – sondern auch nach weiteren Systemerkrankungen, die möglicherweise schon weit zurückliegen, eruiert werden. Eine früherer Lebererkrankung könnte beispielsweise ein Hinweis auf einen cholestatischen Juckreiz sein.
Da ältere Menschen oft multimorbide sind und entsprechend häufig mehrere Substanzen einnehmen, ist die Medikamenten-Anamnese eine Herausforderung. Denn viele gängige Arzneimittel können allein oder in Kombination Juckreiz hervorrufen oder mitbedingen. So ist z.B. nur wenigen bekannt, dass Betablocker oder Tamoxifen die Hauttrockenheit verstärken und so dem Pruritus Vorschub leisten. Hier sollte nicht nur nach Tabletten, sondern explizit auch nach anderen Darreichungsformen wie Cremes, Tropfen, Pflaster oder Injektionstherapien, sowie nach Nahrungsergänzungsmitteln, Schlafmitteln (auch OTC-Produkte) gefragt werden. Über die neuronale Schiene können auch Morphin-Derivate wie Tramadol oder Fentanyl Juckreiz mitbedingen. Ebenso sollten die Patienten auch gefragt werden, was sie bereits gegen das Jucken unternommen haben.
Trockene Haut juckt nach dem Duschen
Einen Hinweis auf die Ursache des Juckreizes gibt auch der zeitliche Zusammenhang: bei plötzlichem Beginn liegt eine infektiöse Genese nahe z.B. Scabies, sowie eine Kontaktdermatitis oder eine Arzneimittelreaktion. Ein sich langsam entwickelnder Pruritus spricht für eine systemische Ursache oder für eine Xerose.
Weisshaar machte auch auf ein besonders bei alten Menschen auftretendes Phänomen aufmerksam: Juckreiz nach dem Duschen. Dieser Aquagenetische Pruritus gilt als Hinweis auf hämatologische Erkrankungen, bei alten Menschen ist aber die verschärfte Hautrockenheit Ursache – und nicht automatisch führt dies dazu, dass sich die Betroffenen eincremen. Daher gehört zur Anamnese auch die Frage nach der üblichen Hautpflege.
Hauttrockenheit: Da hilft nur Eincremen
Wenn Grunderkrankungen, die mit Juckreiz einhergehen ausgeschlossen oder behandelt sind und auch mögliche pruritogene Arzneimittel abgesetzt oder ausgetaucht worden sind, besteht die wichtigste Maßnahme im Eincremen. Laut Weishaar haben sich hier Emollienzien mit Urea oder Ceramid-Zusatz bewährt. Auch Lokalanästhetika oder Menthol in den Externa können den Juckreiz bremsen. Weisshaar zitierte eine Studie, bei der eine Creme mit omentalen Lipiden von 10 % und drei Anti-Juckreiz-Substanzen (Polidocanol/Stimutex/Palmitoylethanolamin) eine deutliche Minderung des Juckreizes bei Älteren ergab.
Hoffnungen setzt Weisshaar auf moderne Immuntherapien, auch wenn hier noch keine spezifischen Studien für den chronischen Juckreiz bei Älteren bestehen. Allerdings senkt beispielsweise der IL4/IL13-Hemmer Dupilumab auch bei Älteren mit AD den Pruritus. Doch ist AD nicht gleichzusetzen mit dem chronischen Juckreiz. Näher liegt hier das Krankheitsbild Prurigo nodularis, bei dem der IL31-Inhibitor Nemolizumab eine deutlich Pruritus-senkende Wirkung bewiesen hat – auch in der höheren Altersgruppe.







