Ein Gerstenkorn (Hordeolum) ist eine akute bakterielle Entzündung der Lidranddrüsen. Typische Symptome sind Fremdkörpergefühl im Auge, lokale Rötung und schmerzhafte eitrige Schwellung an der Ober- oder Unterlidkante.
Als Gerstenkorn bzw. Hordeolum (ICD-10 H00.0) wird eine akute, schmerzhafte Entzündung der Lidranddrüsen mit Abszessbildung bezeichnet. Sind mehrere Drüsen gleichzeitig betroffen, spricht man von Hordeolosis. Bei einem Hordeolum externum sind die Moll- oder Zeis-Drüsen infiziert, beim Hordeolum internum die Meibom-Drüsen. In den meisten Fällen wird ein Gerstenkorn durch Staphylokokkus aureus, seltener durch Streptokokken (A/B) oder Propionibakterium acnes verursacht. Typische Symptome sind eine akute, schmerzhafte Rötung im Bereich der Ober- oder Unterlidkante (ein- oder beidseitig) mit Schwellung und eitriger Einschmelzung. Der Abszess entleert sich üblicherweise nach wenigen Tagen und das Gerstenkorn heilt von selbst ab. Zum Schutz des benachbarten Lids und der umgebenden Haut können lokale Antibiotika aufgetragen werden. Eine chirurgische Intervention in Form einer Stichinzision ist nur selten indiziert. Bei Diabetes mellitus oder Immunsuppression sind rezidivierende Verläufe möglich [1].
Hinweis: Vom Gerstenkorn ist das schmerzlose nicht-infektiöse Hagelkorn (Chalazion) – eine chronische granulomatöse Entzündung der Meibom-Drüsen – abzugrenzen.
Epidemiologie
Hordeola und Chalazien sind die häufigsten entzündlichen Veränderungen am Augenlidrand. Von einem Gerstenkorn können alle Altersgruppen betroffen sein. Ein gehäuftes Auftreten ist bei Kindern und Erwachsenen in den ersten zwei Lebensdekaden zu beobachten. Dies hängt möglicherweise mit der erhöhten Androgenkonzentration im Blut bzw. dem erhöhten Anteil an Androgenrezeptoren zusammen, die Talgproduktion und Viskosität in den Meibom-Drüsen steuern [2][3].
Ursachen
Ein Gerstenkorn wird in der Mehrzahl der Fälle (90–95%) durch Staphylokokkus aureus, seltener durch Streptokokken (A und B) oder Propionibacterium acnes verursacht. Hordeola sind oft mit einer Blepharitis assoziiert [4][5].
Risikofaktoren
Manche Menschen leiden öfter als andere an einem Gerstenkorn. Risikofaktoren für eine sogenannte Hordeolosis sind unter anderem:
Immunschwäche, insbesondere bei Diabetes mellitus und Immunsuppression, aber auch stressbedingt
chronische Blepharitis
Umweltreize wie Chlorwasser, Zigarettenrauch und Zugluft
unzureichende Augenhygiene, zum Beispiel beim Tragen von Kontaktlinsen oder Augenreiben mit ungewaschenen Fingern/Händen sowie eingetrocknetes oder nicht sauber entferntes Make-Up [5][6]
Pathogenese
Das Gerstenkorn ist Folge einer bakteriellen Infiltration, zum Beispiel nach Schmierinfektion. Sind die Moll- oder Zeisdrüsen betroffen, entwickelt sich ein Hordeolum externum. Eine Infektion der Meibom-Drüsen führt zum Hordeolum internum.
Molldrüsen sind apokrine Schweißdrüsen (Glandulae ciliares), die am Lidrand in die Haarfollikel der Wimpern münden.
Als Zeisdrüsen werden die holokrinen Talgdrüsen (Glandulae sebaceae) bezeichnet, die am vorderen Rand des Augenlids in die Haarfollikel der Wimpern münden.
Meibomdrüsen sind Talgdrüsen in der Lidplatte (Glandulae tarsales), die am inneren Lidrand außerhalb der Haarfollikel münden [5].
Symptome
Üblicherweise beginnt ein Gerstenkorn mit einer akuten, druckdolenten Stelle am oberen oder unteren Augenlid, die sich nach kurzer Zeit rötet und schmerzhaft anschwillt. Das Lidödem kann das gesamte Augenlid betreffen. Typische Begleitsymptome sind:
Fremdkörpergefühl
Juckreiz
schmerzender Lidschlag
Augentränen
verschwommene Sicht
Wimpern mit Sekretbelag
Ptosis
Mit Fortschreiten der Entzündung entwickelt sich eine körnerartige Eiterkuppe – daher auch der Name Gerstenkorn (lat. hordeum = Gerste). Die Lokalisation hängt davon ab, welche Drüse betroffen ist [3].
Hordeolum internum
Das Hordeolum internum tritt an der posterioren Lamelle des Augenlids auf und ist von außen meist kaum zu sehen. Ober- oder Unterlid können infolge der Schwellung ektropiert sein. Häufig wird das Gerstenkorn erst sichtbar, wenn man das Augenlid nach außen klappt. Nach Durchbruch durch die Konjunktiva heilt das Hordeolum internum narbig ab.
Das innere Gerstenkorn kann mit einer Konjunktivitis mit Chemosis und geschwollenen präaurikulären Lymphknoten assoziiert sein. Seltene Komplikationen sind Lidabszesse, Orbitalphlegmonen oder Thrombosen [3][6].
Hordeolum externum
Beim selteneren Hordeolum externum befindet sich der akute Zilienfollikel-Abszess im Bereich der anterioren Lamelle des Lids. Das Gerstenkorn imponiert als derbes eitriges Knötchen an der äußeren Lidkante. Nach einer spontanen Entleerung verklebt purulentes Sekret den Wimpernbereich [3].
Diagnostik
Ein äußeres Gerstenkorn erkennt der Arzt nach Inspektion der Augen per Blickdiagnose. Bei Verdacht auf ein inneres Gerstenkorn wird das betroffene Augenlid extropiert, um die Entzündung sichtbar zu machen. Zusätzlich wird anamnestisch nach der Rezidivhäufigkeit und Hauterkrankungen erfragt. Eine genaue Untersuchung der Augenstrukturen – das heißt der Lider, der Lidkanten, der Bindehaut, der Hornhaut, des Tränenfilms und Tränenmeniskus – erfolgt mittels Spaltlampenuntersuchung. Darüber hinaus sieht die Leitlinie Hodeolum/Chalazion eine Sehschärfenbestimmung, ggf. mit bekannter Korrektur (falls erforderlich Ausmessen einer vorhandenen Sehhilfe) vor [6][7].
Im Einzelfall sind folgende ophthalmologische Maßnahmen empfohlen:
weiterführende Untersuchungen der altersentsprechenden Basisdiagnostik (zum Beispiel bei durch den Lokalbefund nicht zu erklärender Visusminderung oder bei Patienten, die sich erstmals oder nach einem Intervall von mehr als einem Jahr nach der letzten augenärztlichen Basisdiagnostik vorstellen)
Palpation der regionären Lymphknoten
bei Rezidiven Ausschluss eines Diabetes mellitus [7]
Therapie
Ein Gerstenkorn heilt in den meisten Fällen von selbst ab. Üblicherweise öffnet es sich innerhalb weniger Tage spontan und das eitrige Sekret entleert sich über den betroffenen Ausführungsgang nach außen oder innen [3].
Zur Unterstützung des Heilungsprozesses kann trockene Wärme in Form von heißen Kompressen (15 Minuten lang, etwa viermal täglich) oder Rotlicht (dreimal täglich für jeweils 10 Minuten) angewendet werden. Zudem ist auf eine gute Lidrandhygiene zu achten. In der hochentzündlichen Phase wirkt eine Bibrocathol-haltige Augensalbe antiseptisch, adstringierend und sekretionshemmend. Bei Aspekten einer Infektion kann eine lokale antibiotische Therapie – etwa mit Gentamicin, Neomycin oder Ofloxacin – angezeigt sein. Bei starkem Spannungsschmerz ist es möglich, den Eiter per Stichinzision zu entleeren. Eine chirurgische Entlastung ist ebenso indiziert, wenn sich das Gerstenkorn nicht von selbst öffnet.
Eine systemische Antibiose ist nur in Einzelfällen erforderlich, zum Beispiel bei schweren Verläufen mit ausgeprägter Lidphlegmone und einer Ausbreitungsgefahr in die Orbita. Bei Weichteilinfektionen mit grampositiven Kokken zeigen Cephalosporine der dritten Generation aus der Gruppe der Lincosamide eine gute orale Bioverfügbarkeit und Wirksamkeit (zum Beispiel zweimal täglich 100 mg Cefpodoxim für fünf bis sieben Tage oder Clindamycin dreimal täglich 600 mg für fünf bis sieben Tage).
Cave: Ein Gerstenkorn darf niemals ausgedrückt werden. Überdies sollten keine feuchtwarmen Kompressen mit Kamille oder feuchtwarme Umschläge aufgetragen werden.
Komplikationen
Fulminante entzündliche Verläufe sind oft mit einer präseptalen Begleitphlegmone des Lids assoziiert. Diese muss von einer Orbitaphlegmone abgegrenzt werden. Die klinische Prüfung sollte die Motilität, den Visus und die Pupillenreflexe beinhalten. Bei Verdacht ist eine Bildgebung mittels Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) indiziert [3].
Prognose
Die Prognose eines Gerstenkorns ist meistens gut. Normalerweise heilen Hordeola spontan und ohne therapeutische Intervention ab.
Prophylaxe
Ein Gerstenkorn lässt sich nicht sicher verhindern. Das Entzündungsrisiko kann jedoch mit folgenden Maßnahmen verringert werden:
ausreichende Hygiene, vor allem regelmäßiges Händewaschen
Augen nicht mit schmutzigen Händen/Fingern berühren
starkes Reiben der Lider vermeiden
vor dem Zubettgehen grundsätzlich abschminken
Kontaktlinsen sauber aufbewahren und entsprechende Reinigungslösungen verwenden
Altmeyer, P. (2017): Hordeolum. Altmeyers Enzyklopädie; zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2017; abgerufen am 16. August 2021.
Jiann-Jyh, L. et al. (2012): The role of androgen and androgen receptor in skin-related disorders. Arch Dermatol Res 2012 Sep; 304(7):499–510; DOI: 10.1007/s00403-012-1265-x.
Loth, C. et al. (2021): Hordeolum und Chalazion: (Differenzial‑) Diagnose und Therapie. Ophthalmologe 2021 Aug; DOI: 10.1007/s00347-021-01436-y.
Hahn, G.-A. (2012): Entzündung der Liddrüsen: Hordeolum (Gerstenkorn). In: Kurzlehrbuch Augenheilkunde, p 27.
Darabi Far, R.: Hordeolum. Pschyrembel online, Walter de Gruyter GmbH; Stand Juni 2020; abgerufen am 16. August 2021.
Augenzentrum Ulm Dres. Schütte & Nietgen: Gerstenkorn oder auch Hordeolum. abgerufen am 16. August 2021.
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA), Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG): Leitlinie Nr. 10 – Hordeolum / Chalazion. Stand August 2011; abgerufen am 16. August 2021.