Neurologische Erkrankungen und Krankheitslast im internationalen Vergleich
Erkrankungen des Nervensystems zählen weltweit zu den führenden Ursachen für Morbidität und Behinderung. Die „Global Burden of Disease 2021“-Studie (GBD 2021) dokumentiert eine stetig wachsende Prävalenz neurologischer Erkrankungen bei einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung. In den USA waren nach aktuellen Analysen 180,3 Millionen von 332,7 Millionen Menschen von einer neurologischen Erkrankung betroffen. Neurologische Erkrankungen stellten zudem die häufigste Ursache für Behinderung dar.
Demenz, Parkinson und Schlaganfall tragen wesentlich zur Krankheitslast bei
Diese Zahlen verdeutlichen die enorme gesellschaftliche und gesundheitsökonomische Relevanz. Neben chronisch-progredienten Erkrankungen wie Demenz oder Morbus Parkinson tragen insbesondere Schlaganfälle wesentlich zur Krankheitslast bei. Angesichts demografischer Veränderungen ist in den kommenden Jahrzehnten mit einer weiteren Zunahme zu rechnen.
Demenz, Schlaganfall und Co. hierzulande seltener?
Im internationalen Vergleich erscheint die Krankheitslast neurologischer Erkrankungen in Deutschland jedoch weniger prominent. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes tauchen neurologische Erkrankungen nicht in den fünf kostenintensivsten Krankheitsgruppen auf.
Warum neurologische Erkrankungen in deutschen Statistiken unterschätzt werden
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) weist in einer Pressemeldung auf eine historisch gewachsene ICD-Fehlzuordnung als Ursache dieser Diskrepanz hin. So werden zerebrovaskuläre Erkrankungen (ICD-10 I60–I69) als Erkrankungen des Kreislaufsystems klassifiziert. Demenzen (ICD-10 F00–F03) sind dem Kapitel „Psychische und Verhaltensstörungen“ zugeordnet.
Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN, betont: „Grund ist eine historisch gewachsene Fehlzuordnung neurologischer Krankheiten zu anderen Bereichen.“ Diese Systematik beeinflusst gesundheitsökonomische Auswertungen erheblich und führt zu einer Unterschätzung der neurologischen Versorgungsrealität.
Schlaganfall und Demenz als zentrale Kostentreiber
Addiert man zu den klassischen neurologischen ICD-10-G-Diagnosen (G00–G99) auch Schlaganfälle und Demenzen, ergibt sich für 2023 ein deutlich verändertes Bild:
- 26,8 Milliarden Euro: ICD-10 G00–G99 (Krankheiten des Nervensystems)
- 21,52 Milliarden Euro: ICD-10 F00–F03 (Demenzen)
- 16,54 Milliarden Euro: ICD-10 I60–I69 (zerebrovaskuläre Erkrankungen).
In Summe verursachen neurologische Erkrankungen in Deutschland damit 64,86 Mrd. Euro an Krankheitskosten. Dieser Wert liegt vor psychischen Erkrankungen, kardiovaskulären Erkrankungen und deutlich vor onkologischen Erkrankungen.
Kodierpraxis verzerrt fachliche Zuordnung gerade bei Demenzerkrankungen
Besonders relevant ist die Diskrepanz bei Demenzerkrankungen: Während Demenzen mit 21,5 Mrd. Euro ausgewiesen werden, entfallen auf die ICD-10-Diagnose Alzheimer (G30) lediglich 1,49 Mrd. Euro – obwohl die Alzheimer-Krankheit etwa 75 % aller Demenzen ausmacht. Diese Kodierpraxis verzerrt die fachliche Zuordnung erheblich.
Konsequenzen für Prävention und Versorgung neurologischer Erkrankungen
Die DGN weist darauf hin, dass es nicht um interdisziplinäre Abgrenzung, sondern um korrekte gesundheitsökonomische Bewertung geht. DGN-Präsidentin Prof. Dr. Daniela Berg betont: „Neurologische Präventionsmaßnahmen sind angesichts der Zahlen längst kein ‚nice to have‘ mehr, sondern ein ‚must have‘.“
Tatsächlich sind zahlreiche neurologische Erkrankungen zumindest teilweise durch Präventionsmaßnahmen zu beeinflussen. Dies gilt beispielsweise für Schlaganfälle durch konsequente Kontrolle von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Vorhofflimmern, Rauchen oder Adipositas sowie für bestimmte Demenzformen durch multidimensionale Präventionsstrategien. Eine realistische Abbildung der Krankheitslast ist Voraussetzung für angemessene Ressourcenallokation, Versorgungsstrukturen und Forschungsförderung.
Realistische Abbildung der Krankheitslast neurologischer Erkrankungen wichtig für Forschung und Gesundheitspolitik
Die vorliegenden Analysen unterstreichen die Notwendigkeit, ICD-basierte Kostenstatistiken kritisch zu interpretieren. Gesundheitspolitisch könnten die Daten eine Neubewertung der neurologischen Versorgungsprioritäten anstoßen.
Die korrekte Zuordnung neurologischer Erkrankungen stellt einen wichtigen Schritt dar, um Versorgungsrealitäten sichtbar zu machen und evidenzbasierte gesundheitspolitische Entscheidungen zu unterstützen.





