Die Ausprägung von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) variiert erheblich und bleibt meist lebenslang bestehen.
Klassifikation
- ICD-10-GM: F84 (tiefgreifende Entwicklungsstörungen)
- ICD-11: 6A02 (Autismus-Spektrum-Störung)
- Die ICD-11 ersetzt frühere Subtypen wie frühkindlichen Autismus, atypischen Autismus und Asperger-Syndrom durch eine Spektrumdiagnose.
- Spezifiziert werden können insbesondere intellektuelle Entwicklung und funktionale Sprache.
Epidemiologie
- Weltweite Prävalenz: etwa 1 von 127 Personen (WHO-Schätzung für 2021)
- In Deutschland etwa 1 % der Bevölkerung
- Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.
- Die steigende Zahl von Diagnosen wird vor allem auf bessere Diagnostik und höhere Aufmerksamkeit zurückgeführt.
Risikofaktoren
- Starke genetische Komponente
- Höheres elterliches Alter
- Frühgeburtlichkeit
- Niedriges Geburtsgewicht
- Mütterlicher Diabetes
- Schwere Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen
- Pränatale Exposition gegenüber Valproat
Wichtig:
- Kein wissenschaftlicher Nachweis für einen Zusammenhang zwischen ASS und Impfungen.
- Dies gilt auch für MMR-Impfstoffe, Thiomersal und Aluminium.
Klinische Merkmale
Soziale Kommunikation und Interaktion
- Eingeschränkter Blickkontakt
- Auffälligkeiten von Mimik und Gestik
- Schwierigkeiten beim Verstehen sozialer Signale
- Erschwerte Beziehungsgestaltung
Repetitive Verhaltensmuster
- Stereotype Bewegungen
- Ausgeprägte Routinen und Rituale
- Intensive Spezialinteressen
- Hohe Belastung durch Veränderungen
Sensorische Besonderheiten
- Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber: Geräuschen, Licht, Gerüchen, Berührungen
Häufige Komorbiditäten
- ADHS
- Angststörungen
- Depressionen
- Zwangsstörungen
- Tic-Störungen
- Schlafstörungen
- Epilepsie
Das intellektuelle Funktionsniveau reicht von ausgeprägter intellektueller Beeinträchtigung bis zu überdurchschnittlicher Intelligenz.
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt klinisch und verhaltensbasiert.
Wesentliche Bestandteile:
- Eigen- und Fremdanamnese
- Entwicklungsanamnese
- Verhaltensbeobachtung
- Abklärung von Komorbiditäten
- Einbeziehung früher Entwicklungsdokumente
Standardisierte Verfahren:
- ADOS-2 (Beobachtungsverfahren)
- ADI-R (diagnostisches Interview)
EEG, MRT oder Laboruntersuchungen sind nur bei entsprechender Indikation erforderlich.
Therapie
Eine ursächliche Therapie existiert nicht.
Therapieziele:
- Verbesserung der Kommunikation
- Förderung von Selbstständigkeit und Teilhabe
- Unterstützung im Alltag
- Behandlung von Komorbiditäten
Mögliche Maßnahmen:
- Verhaltenstherapeutische Verfahren
- Entwicklungsfördernde Interventionen
- Logopädie
- Ergotherapie
- Psychoedukation
- Psychotherapie bei Komorbiditäten
Medikamente behandeln Komorbiditäten, nicht die ASS-Kernsymptome.
Prognose
- ASS besteht meist lebenslang
- Der Verlauf ist sehr heterogen
- Prognostisch günstig sind:
- frühe Diagnosestellung
- gezielte Förderung
- Behandlung von Komorbiditäten
- angemessene psychosoziale Unterstützung
Viele Betroffene erreichen eine gute soziale und berufliche Integration.












