Nach Einschätzung von Professor Dr. med. Sven Diederich hat sich das männliche Schönheitsideal in den vergangenen Jahrzehnten deutlich hin zu stark muskulösen Körpern verschoben. Ein definierter, muskulöser Habitus gilt vielen Jugendlichen als Norm. Wer nicht regelmäßig Krafttraining betreibt, wird leicht als Außenseiter wahrgenommen. Parallel dazu nimmt exzessives Training zu: Manche jungen Männer trainieren fast täglich über Stunden, kontrollieren jede Mahlzeit und vernachlässigen andere Lebensbereiche. Daraus kann ein Muskeldysmorphie-Syndrom entstehen, das Essstörungen wie der Anorexie ähnelt.
Von intensivem Training zur Einnahme anaboler Steroide
Wenn trotz intensiven Trainings kein weiterer Muskelzuwachs erfolgt, erscheint vielen Betroffenen der Schritt zu anabolen Steroiden oder testosteronähnlichen Präparaten naheliegend. Diese Substanzen sind trotz arzneimittel- und betäubungsmittelrechtlicher Einschränkungen über illegale Vertriebswege gut verfügbar. Eine ältere Studie zeigt, dass hochdosiertes Testosteron selbst ohne Training Muskelzuwachs erzeugen kann – in ähnlichem Umfang wie intensives Training ohne Testosteron. Systematische Forschung ist aufgrund des Dopingverbots jedoch selten. Nach klinischer Erfahrung nutzen etwa acht bis 15 % der Fitnessstudio-Besucher Anabolika; in stark muskelorientierten Gruppen sogar bis zu 30 bis 50 %.
Somatische Risiken: Von Wachstumsfugen bis Herzmuskelhypertrophie
Die gesundheitlichen Gefahren betreffen fast alle Organsysteme. Besonders riskant ist der Gebrauch im Jugendalter, da ein Überschuss an Testosteron das vorzeitige Schließen der Epiphysenfugen auslösen und damit das Längenwachstum stoppen kann. Endokrine Nebenwirkungen umfassen gynäkomastische Veränderungen und schwere Akne, häufig begleitet von zusätzlicher Medikation wie Östrogenblockern oder Isotretinoin.
Kardiovaskulär steigert Testosteron die Blutbildung, erhöht die Blutviskosität und damit das Risiko für thromboembolische Ereignisse. Langfristige Einnahme kann zu Herzmuskelhypertrophie führen, ähnlich wie bei chronischer Hypertonie, und begünstigt Rhythmusstörungen bis hin zum plötzlichen Herztod.
Psychische Veränderungen und Auswirkungen auf die Fertilität
Unter hochdosierten Steroiden treten vermehrt psychische Veränderungen auf: gesteigerte Aggressivität, depressive Episoden und manische Zustände, die häufig psychiatrische Betreuung erfordern.
Endokrinologisch zentral ist die Suppression der hypothalamisch-hypophysär-gonadalen Achse: Die körpereigene Testosteronproduktion wird nahezu vollständig unterdrückt, die Fertilität ist während des Steroidkonsums nach Einschätzung des Experten „gleich null“. Nach Absetzen erholt sich die Spermatogenese meist, bei langjährigem Missbrauch sind jedoch irreversible Schäden möglich. Das abrupte Beenden führt häufig zu ausgeprägten Testosteronmangel-Symptomen, was Rückfälle begünstigt. In der Praxis wird daher teilweise ein Übergang auf niedrig dosierte Testosterongele genutzt.
Abgrenzung zu Supplements und Rolle der Prävention
Viele Nahrungsergänzungsmittel sind vor allem Vitaminpräparate mit begrenzter Evidenz. Kreatin bewertet der Experte deutlich weniger kritisch: Es gibt Hinweise auf Vorteile hinsichtlich Leistungsfähigkeit und kognitiver Funktionen, etwa bei älteren Menschen.
Präventiv sieht Diederich Endokrinologen, Hausärzte, Sportmediziner und psychische Fachdienste in der Verantwortung. Informationsangebote in Fitnessstudios könnten genutzt werden. Zudem sollten junge Frauen mit Zyklusstörungen und junge Männer mit Hormonauffälligkeiten früh endokrinologisch vorgestellt werden.
Ausblick und offene Fragen für Klinik und Forschung
Da große Studien fehlen, besteht hoher Bedarf an Forschung zu Prävalenz, Langzeitfolgen und Interventionsstrategien. Für die klinische Praxis gilt, aktiv nach Doping, Fertilitätsstörungen sowie psychischen Veränderungen zu fragen, um langfristige Schäden zu vermeiden.












