Melatonin: Hormon statt harmlose Schlafhilfe
Melatonin wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als natürliches, nebenwirkungsarmes Schlafmittel betrachtet. Im Rahmen der Zentralen Fortbildung der Landesapothekerkammer Hessen im März 2026 zeigte Prof. Dr. Michael Keusgen, Institut für Pharmazeutische Chemie der Philipps-Universität Marburg, dass diese vereinfachte Darstellung der physiologischen und regulatorischen Realität nicht gerecht wird.
Melatonin ist ein potentes Hormon, dessen Konzentration im Körper im Pikogramm-Bereich reguliert wird und das in ein komplexes hormonelles Netzwerk eingebunden ist. Die alleinige Gabe von Melatonin stellt daher keine einfache oder universelle Therapie von Schlafstörungen dar.
Schlaf-Wach-Regulation: Mehr als nur Melatonin
Ein zentraler Punkt des Vortrags war die Komplexität der zirkadianen Regulation. Der Schlaf-Wach-Rhythmus wird nicht allein durch Melatonin gesteuert, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer Hormone und neurobiologischer Systeme, insbesondere:
- Melatonin (Schlafsignal)
- Cortisol (Stress- und Wachhormon)
- Orexine (Stabilisatoren des Wachzustands)
Nach Darstellung des Referenten ist Cortisol der wichtigste „Schlafverhinderer“. Ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel – etwa infolge von Stress – kann die Wirkung von Melatonin weitgehend aufheben. In solchen Fällen ist eine Melatonin-Supplementierung allein häufig wirkungslos oder nicht nachhaltig.
Einmalgabe versus retardierte Anwendung
Im Gegensatz zu Benzodiazepinen oder Z-Substanzen besitzt Melatonin keine verlässliche schlafanstoßende Sofortwirkung. Die einmalige Einnahme wird im Vortrag als stark vom Placeboeffekt beeinflusst beschrieben.
Therapeutisch relevant ist Melatonin vor allem dann, wenn es:
- retardiert appliziert wird,
- wiederholt eingenommen wird,
- und gezielt zur Verschiebung des zirkadianen Rhythmus eingesetzt wird.
Hochdosierte, schnell freisetzende Formen wie Sprays oder Schmelztabletten sind für eine nachhaltige Rhythmusregulation ungeeignet und können zu supraphysiologischen Konzentrationsspitzen führen, ohne den gewünschten Effekt zu erzielen.
Altersabhängiger Melatoninmangel als mögliche Indikation
Mit zunehmendem Alter nimmt die endogene Melatoninproduktion physiologisch ab. Dieser altersbedingte Rückgang kann zu Schlaf-Wach-Störungen beitragen.
Vor diesem Hintergrund wird der gezielte Einsatz von retardiertem Melatonin bei Personen über 55 Jahren als medizinisch nachvollziehbar eingeordnet. Entscheidend ist jedoch, dass kein pauschaler Melatoninmangel angenommen wird.
Prof. Keusgen betonte, dass ein niedriger Melatoninspiegel zwar mit verschiedenen Erkrankungen korreliert, ein kausaler Zusammenhang bislang nicht eindeutig belegt ist.
Labordiagnostik vor Therapie
Ein wiederkehrender Appell des Vortrags war die Forderung nach Diagnostik vor Therapie. Bei Verdacht auf einen Melatoninmangel sollte idealerweise:
- eine labordiagnostische Bestimmung des Melatonin-Serumspiegels erfolgen
- und bei bestätigtem Mangel ein zugelassenes Arzneimittel eingesetzt werden.
Die unspezifische Einnahme von Melatonin „auf Verdacht“ wurde als nicht zielführend und potenziell problematisch eingeordnet.
Cortisol senken statt Melatonin erhöhen
Da ein erhöhter Cortisolspiegel die Wirkung von Melatonin blockieren kann, wurde im Vortrag ein alternativer therapeutischer Ansatz diskutiert: Stressreduktion vor Hormonsubstitution.
Als unterstützende Maßnahmen wurden genannt:
- nicht-medikamentöse Stressinterventionen
- körperorientierte Verfahren
- gezielter Einsatz phytotherapeutischer Adaptogene
Dieser Ansatz eröffnet insbesondere der Apotheke eine beratungsintensive Rolle, die über die reine Abgabe von Schlafmitteln hinausgeht.
Arzneimittelwechselwirkungen: ein unterschätztes Risiko
Melatonin wird über mehrere Cytochrom P450 (CYP)-Isoenzyme metabolisiert, unter anderem CYP1A2 und CYP2C19. Daraus ergeben sich relevante Wechselwirkungen, beispielsweise:
- Veränderung der Melatoninwirkung durch andere Arzneistoffe
- verstärkte Sedierung bei gleichzeitiger Einnahme von Benzodiazepinen oder Z-Substanzen
- Einfluss von Lebensstilfaktoren wie Rauchen
Die Darstellung von Melatonin als „harmloses Nahrungsergänzungsmittel“ steht damit im deutlichen Widerspruch zu seinem pharmakologischen Profil.
Nahrungsergänzungsmittel: regulatorisches Problemfeld
Ein wesentlicher Teil des Vortrags widmete sich der rechtlich problematischen Einstufung von Melatonin als Nahrungsergänzungsmittel (NEM).
Kritisch hervorgehoben wurden insbesondere:
- erlaubte Gehaltsschwankungen von ±50 % bei NEM
- fehlende Qualitäts- und Dosiskontrollen
- potenziell irreführende Health Claims
- unsachgemäße Anwendungen, insbesondere bei Kindern
Internationale Daten zeigen eine deutliche Zunahme von Vergiftungsfällen, darunter auch schwere Verläufe und Todesfälle bei Kindern. Die Vermarktung als Gummibärchen oder Lifestyle‑Produkt verharmlost die Risiken eines pharmakologisch wirksamen Hormons und erhöht das Risiko von Überdosierungen.
Perspektive: Arzneimittel statt Nahrungsergänzung
Vor diesem Hintergrund wurde im Vortrag auch die Empfehlung des Sachverständigenausschusses für Verschreibungspflicht diskutiert, Melatonin bis 3 mg für die Indikation Jetlag aus der Verschreibungspflicht zu entlassen.
Eine solche Regelung könnte:
- derzeit unregulierten Markt für Melatonin‑Nahrungsergänzungsmittel voraussichtlich weitgehend verdrängen
- qualitätsgesicherte Arzneimittel verfügbar machen
- und die Patientensicherheit erhöhen.
Langfristig wird eine regulatorische Neubewertung von Melatonin erwartet, unter anderem gestützt durch analytische Ringversuche und toxikologische Bewertungen.
Bedeutung für die Apotheke
Für Apotheker ergeben sich aus den dargestellten Inhalten mehrere Handlungsschwerpunkte:
- differenzierte Beratung zu Sinn und Grenzen verschiedener Darreichungsformen von Melatonin
- Aufklärung über mögliche Wechselwirkungen und hormonelle Effekte
- kritische Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln
- Empfehlung diagnostischer Abklärung statt pauschaler Supplementierung
Die Fortbildung machte deutlich, dass Melatonin kein harmloses Lifestyle-Produkt, sondern ein gezielt einzusetzendes Hormon mit klar definierten therapeutischen Grenzen ist.












