expopharm 2022: Apotheke und Nachhaltigkeit: Der CO2-Fußabdruck von Arzneimitteln

Arzneimittel haben an verschiedenen Stellen ihres Lebenszyklus negative Auswirkungen auf die Umwelt. Wie können diese Einflüsse durch alle Beteiligten des Prozesses reduziert werden?

Nachhaltigkeit

Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt auch in Apotheken und auf dem Arzneimittelmarkt zunehmend an Relevanz. Der Klimawandel wirkt sich auf die Gesundheit der Menschen aus. Aufgrund der vermehrt hohen Temperaturen in den Sommermonaten steigt das Risiko für Dehydratation und Hitze-bedingten Erkrankungen von Sonnenbrand bis hin zum Hitzschlag. Insbesondere Ältere, Kinder und Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes sind davon betroffen. Die längeren und wärmeren Sommer führen außerdem zur Ausbreitung von Mücken, Zecken und von diesen übertragenen Krankheitserregern. Auch ein Anstieg von Allergien kann beobachtet werden. Daneben können Extremwetterereignisse z.B. an Produktionsstandorten die Lieferfähigkeit von Arzneimitteln beeinträchtigen oder Apotheken direkt betreffen.

Anhand des Arzneimittelzyklus verdeutlichte Esther Luhmann, PTA, Apothekerin, Vorstandsreferentin für den Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP)/Pharmacists for Future und Herausgeberin des Buches „Die nachhaltige Apotheke“ auf der expopharm 2022 den Einfluss eines Arzneimittels auf das Klima und die Umwelt. Sie zeigte außerdem auf, wie der ökologische Fußabdruck verringert werden und welche Rolle die Apotheke vor Ort dabei spielen kann.

Nachhaltigkeitsaspekte

Nachhaltigkeit beinhaltet drei grundlegende Aspekte: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Laut Luhmann gilt ein Arzneimittel dann als nachhaltig, wenn alle drei Aspekte gleichmäßig berücksichtigt werden. Häufig stünde jedoch das Ökonomische im Vordergrund.

Forschung und Entwicklung

Im Bereich Forschung und Entwicklung findet sich neben der bedarfsgerechten Forschung auch die sogenannte „Green Chemistry – Green Pharmacy“. Diese beruht auf dem Konzept „Benign by Design“, es wird also bereits bei der Entwicklung eines Arzneistoffs die biologische Abbaubarkeit berücksichtigt.

Abbaubare Ciprofloxacin-Modifikationen

Luhmann führte dazu ein Beispiel zum Antibiotikum Ciprofloxacin an. Ein Team um Professor Dr. Klaus Kümmerer der Leuphana Universität Lüneburg hat die beiden Ciprofloxacin-Modifikationen Cip-Hemi und CipBio entwickelt, die biologisch besser abbaubar sind als das Original. Die beiden Wirkstoffe sind bisher jedoch nicht auf dem Markt. Luhmann wies darauf hin, dass neben der Abbaubarkeit selbstverständlich auch die Frage der vergleichbaren Wirksamkeit eine wichtige Rolle spiele.

Zulassung

Im Rahmen der Zulassung von Arzneimitteln in Deutschland über die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) müssen pharmazeutische Unternehmen nach §22 Abs. 3c Arzneimittelgesetzt (AMG) eine Bewertung der Umweltrisiken eines Arzneimittels vorlegen und falls nötig Angaben zu Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen bei der Entsorgung sowie Umweltgefahren machen. Zulassungsentscheidend ist dies für Human-, im Gegensatz zu Tierarzneimitteln, aber nicht. Die Daten sind zudem nicht öffentlich einsehbar.

Produktion und Verpackung

In Bezug auf die drei Nachhaltigkeitsaspekte sind bei der Produktion insbesondere geringe Produktionskosten, Umweltstandards und Arbeitsbedingungen zu betrachten. Luhmann erklärte, dass die Umweltstandards für ausländische Produktionsstätten in Indien oder China meist niedriger seien als in Europa. Sie zitierte eine Pressemeldung von Progenerika in der es heißt, dass der Preisdruck und die regulatorischen Rahmenbedingungen wie strengere Umweltstandards für die Abwanderung der Herstellung aus Europa verantwortlich seien. Dies zeige, dass der ökonomische Aspekt häufig im Vordergrund stehe.

Distribution

Produktion und Distribution von Arzneimitteln stellen sehr komplexe und häufig intransparente Prozesse dar, so Luhmann. Den ökologischen Fußabdruck eines Arzneimittel könne aus diesem Grund nicht bestimmt werden.

Lagerung

Die korrekte Lagerung von Arzneimitteln erfordert in Apotheken besondere Maßnahmen. Laut Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) darf eine Temperatur von 25°C nicht überschritten werden. Hierzu sind gerade im Sommer Klimaanlagen notwendig, die zusätzliche CO2-Emmissionen verursachen. Das gilt ebenso für Kühlschränke zur Arzneimittellagerung als auch Kommissionierautomaten. Auch die Lagerung der Arzneimittel beim Patienten müsse bei der Berechnung des ökologischen Fußabdrucks berücksichtigt werden, da sich eine falsche Lagerung auf die Sicherheit der Substanzen auswirken kann. Diese Berechnung sei jedoch schwer umsetzbar, erklärte Luhmann.

Abgabe in der Apotheke

Bei der Abgabe von Arzneimitteln in der Apotheke kann durch eine entsprechende Beratung die Umwelt besser geschützt werden. Luhmann nannte hierzu zwei Beispiele.

Diclofenac – „Wischen statt waschen“

Zum einen sollten topische Arzneiformen mit Diclofenac nicht abgewaschen, sondern besser abgewischt werden, damit das ökotoxische Arzneimittel nicht ins Abwasser gelangt, sondern im Restmüll verbrannt wird.

Vermeidung von Dosieraerosolen

Zum anderen sollten wenn möglich Dosieraerosole mit Fluorkohlenwasserstoffen (FKW) vermieden werden. Laut einem Bericht des arznei-telegramms entspricht die CO2-Bilanz bei der Anwendung eines Dosieraerosols etwa einer 280 km langen Autofahrt. Luhmann erklärte, dass Pulverinhalatoren hier eine Alternative darstellten. Die Umstellung des Patienten müsse dabei in interprofessioneller Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt erfolgen. Die Einsparung von CO2-Äquivalenten sei jedoch sehr groß.

Entsorgung

Die Entsorgung von Arzneimitteln in Deutschland ist nicht einheitlich geregelt. Luhmann empfiehlt die Webseite Arzneimittelentsorgung.de, auf der anhand der Postleitzahl nachgeschaut werden kann, wie Arzneimittel im jeweiligen Umkreis richtig entsorgt werden. Das kann über den Restmüll, Schadstoffmobile und Recyclinghöfe geschehen. Die Entsorgung von Arzneimitteln in Apotheken sei zwar möglich, aber nicht verpflichtend, betonte Luhmann. Die Apothekerin forderte auch dazu auf, die Entsorgung als Thema in die Beratung einzubinden.

Vorsorgeprinzip

Von den derzeit 2.300 zugelassenen Arzneistoffen in Deutschland stuft das Umweltbundesamt etwa die Hälfte als umweltrelevant ein. Insbesondere Antibiotika, auch Schmerzmittel, Blutdrucksenker, Antidiabetika und Antiepileptika spielen hierbei eine Rolle. Eine britische Studie hat berechnet, dass etwa 60% der Treibhausgasemissionen, die in der Primärversorgung anfallen, auf Arzneimittel, Dosieraerosole und Narkosemittel zurückzuführen sind. Luhmann erklärte daher, dass daher das Vorsorgeprinzip, also eine bedarfsgerechte Produktion, Verordnung und Anwendung von Arzneimitteln, wichtig sei. Je weniger Arzneimittel produziert, verteilt, angewendet und ausgeschieden werden, desto besser sei das für die Umwelt.

Autor:
Stand:
07.10.2022
Quelle:
  1. „Der ökologische Fußabdruck eines Arzneimittels“, Esther Luhmann, PTA und Apothekerin, Vorstandsreferentin VdPP/Pharmacists for Future, expopharm 2022 vom 14.-17.09.2022
  2. Arznei-Telegramm: Den mächtigen CO2-Fussabdruck von Dosieraerosolen verkleinern (19.11.2021)
  3. BZgA: Klima-Mensch-Gesundheit – Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Gesundheit (zuletzt abgerufen am 07.10.2022)
  4. Leuphana Universität Lüneburg: Institut für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie: Forscherteam entwickelt umweltverträglichere Antibiotika (15.11.2017)
  5. Tennison I, Roschnik S, Ashby B, Boyd R, Hamilton I, Oreszczyn T, Owen A, Romanello M, Ruyssevelt P, Sherman JD, Smith AZP, Steele K, Watts N, Eckelman MJ. Health care's response to climate change: a carbon footprint assessment of the NHS in England. Lancet Planet Health. 2021 Feb;5(2):e84-e92. DOI: 10.1016/S2542-5196(20)30271-0
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