Impfschutz gegen kardiovaskuläre Komplikationen: Neue ESC-Empfehlung

Infektionen wie Influenza oder COVID-19 erhöhen das Risiko kardiovaskulärer Komplikationen. Eine neue ESC-Empfehlung plädiert für Impfungen als tragende Säule der kardiovaskulären Prävention.

Herzschutz

Infektionen als unterschätzter Risikofaktor in der Kardiologie

Kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD) bleiben trotz Fortschritten in Diagnostik und Therapie weltweit führend in der Morbiditäts- und Mortalitätsstatistik. Koronare Herzkrankheit (KHK), Herzinsuffizienz und Schlaganfälle sind mit erheblicher Krankheitslast verbunden. Neben klassischen Risikofaktoren wie Hypertonie, Dyslipidämie und Diabetes rücken in jüngerer Zeit entzündliche Prozesse zunehmend in den Fokus der Prävention.

Infektionen, insbesondere durch respiratorische Erreger wie Influenza-, SARS-CoV-2- oder Pneumokokkenviren, sind mit einem erhöhten Risiko für Myokardinfarkte und einer Verschlechterung bestehender Herzinsuffizienz assoziiert. Die durch Infektionen getriggerte systemische Inflammation fördert Plaquerupturen, prothrombotische Zustände und myokardiale Dysfunktion.

Impfungen als neuer Baustein der kardiovaskulären Prävention

Vor diesem Hintergrund stellt die European Society of Cardiology (ESC) in ihrem aktuellen Clinical Consensus Statement erstmals klar: Impfungen sind nicht nur Infektionsschutz, sondern eine eigenständige präventive Maßnahme gegen kardiovaskuläre Ereignisse – und sollten entsprechend als vierte Säule neben Blutdrucksenkung, Lipidkontrolle und Diabetesmanagement etabliert werden.

Die Stellungnahme basiert auf einer umfassenden Literaturauswertung und richtet sich insbesondere an Fachkräfte, die Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko betreuen.

Evidenzlage: Schutz vor MACE durch Impfung

Die Evidenz für den kardiovaskulären Nutzen von Impfungen ist für Influenza-Impfstoffe am besten belegt. Meta-Analysen und randomisierte Studien wie die IAMI- oder INVESTED-Trials zeigen, dass Influenza-Impfungen das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (MACE), Reinfarkte und sogar die Gesamtmortalität signifikant senken können – insbesondere bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom oder chronischer Herzinsuffizienz.

Auch für andere Impfstoffe – etwa gegen Pneumokokken, Herpes zoster und SARS-CoV-2 – gibt es Hinweise auf eine Reduktion kardiovaskulärer Komplikationen, obgleich die Datenlage hinsichtlich kardiovaskulärer Endpunkte noch limitiert ist.

Empfehlungen für die klinische Praxis

Das ESC-Dokument gibt konkrete Empfehlungen für die Anwendung von Impfungen bei unterschiedlichen Patientengruppen:

  • Koronare Herzkrankheit: jährliche Influenza-Impfung, Pneumokokkenimpfung, COVID-19-Impfung gemäß nationaler Vorgaben (STIKO Impfkalender 2025)
  • Herzinsuffizienz: Influenza- und Pneumokokkenimpfungen zur Reduktion von Hospitalisierungen
  • Besondere Risikogruppen: schwangere Frauen, Menschen mit angeborenen Herzfehlern, immunsupprimierte Patienten und Transplantierte sollen individuell geimpft werden, bevorzugt mit Totimpfstoffen

Ein bemerkenswerter Aspekt ist die Empfehlung zur Impfung bereits während der Hospitalisation bei akuten kardiovaskulären Ereignissen – z. B. innerhalb von 72 Stunden nach einem Myokardinfarkt.

Nebenwirkungen: Myokarditisrisiko differenziert betrachten

Das Statement thematisiert auch seltene Impfkomplikationen wie Myokarditis, insbesondere nach mRNA-basierten SARS-CoV-2-Impfstoffen. Die Autoren betonen jedoch, dass das Risiko einer Myokarditis durch die Infektion selbst signifikant höher ist als durch die Impfung – ein wichtiger Aspekt für die Aufklärung von Patienten.

Umsetzungsstrategien: Klinische Verantwortung stärken

Trotz der bestehenden Empfehlungen ist die Durchimpfungsrate bei kardiovaskulär gefährdeten Patienten vielerorts unzureichend. Die ESC plädiert daher für ein stärkeres Engagement von Kardiologen sowie der stationären Versorgung: Auch im Rahmen eines Krankenhausaufenthaltes sollten Impfbedarfe geprüft und wenn möglich angeboten oder veranlasst werden.

Zudem wird eine bessere Information der Patienten sowie Fortbildungsangebote für medizinisches Fachpersonal als zentraler Baustein genannt, um Impfskepsis zu begegnen und Präventionslücken zu schließen.

Fazit und Ausblick: Impfungen neu denken in der Kardiologie

Das ESC Clinical Consensus Statement markiert einen Paradigmenwechsel in der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Impfungen – bislang primär dominiert vom Infektionsschutz – werden nun als eigenständige Maßnahme zur Reduktion von MACE und Hospitalisierungen etabliert.

Für die klinische Praxis bedeutet dies: Impfungen gehören fest in das Präventionsmanagement von Hochrisikopatienten integriert. Weitere Forschung ist notwendig, um den Nutzen anderer Vakzine wie RSV- oder HPV-Impfstoffen auf kardiovaskuläre Outcomes zu klären. Auch Strategien zur Verbesserung der Impfquoten verdienen erhöhte Aufmerksamkeit.

Mit Impfungen das Herz schützen – dieser Gedanke sollte in der kardiovaskulären Versorgung künftig selbstverständlich sein.

Autor:
Stand:
11.08.2025
Quelle:

Heidecker B et al. Vaccination as a new form of cardiovascular prevention: a European Society of Cardiology clinical consensus statement. Eur Heart J. 2025; doi:10.1093/eurheartj/ehaf384.

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