Kardiovaskuläre Last in Europa: Hohe Mortalität und ökonomische Belastung
Kardiovaskuläre Erkrankungen (Cardiovascular disease, CVD) sind weltweit führende Todesursache und gehen in der EU mit erheblichen direkten und indirekten Kosten einher. Schätzungen zufolge übersteigen die gesamtwirtschaftlichen Belastungen die jährlichen EU Haushaltsmittel. Städte sind besonders betroffen: Rund drei Viertel der Europäer leben urban, wo sozioökonomische Faktoren, begrenzter Zugang zu Versorgung und ungünstige Lebensstilbedingungen das Risiko bündeln. Diese Last trifft überproportional benachteiligte Bevölkerungsgruppen, darunter Menschen in Armut, bestimmte ethnische Gruppen, Personen mit Behinderungen und Frauen.
Vom Flickenteppich zur systemischen Umsetzung: Warum ein ganzheitlicher Ansatz nötig ist
Zahlreiche wirksame Interventionen gegen CVD sind bekannt, darunter Blutdruck , Lipid und Gewichtsmanagement sowie Diabeteskontrolle. Ein Kernproblem bleibt jedoch die fehlende effektive Implementierung in den Zielgruppen, die am meisten profitieren würden. Städte bieten hier Hebel für bevölkerungsweite Maßnahmen, etwa durch das Zusammenwirken von kommunaler Infrastruktur, Gesundheitsdienste, Datenintegration und lokale Governance, also kommunaler Steuerung. Ein integrierter gesamtstädtischer sogenannter Whole City Ansatz verspricht daher mehr Reichweite und Nachhaltigkeit als rein klinikbasierte Einzelmaßnahmen.
Das Projekt „Cities@Heart“: Struktur, Zielsetzungen und Projektpartner
Im Januar 2026 initiierte ein paneuropäischer Projektverbund aus 34 Partnern das Projekt „Cities@Heart“. Die Leitung liegt beim University Medical Center Utrecht, der University of Birmingham und Novartis im Rahmen einer öffentlich privaten Partnerschaft (Public-Private Partnership, PPP), gefördert durch die Innovative Health Initiative (IHI). Strategien werden in sieben Städten pilotiert: Belfast, Birmingham, Cork, Izmir, Łódź, Udine und Utrecht. Die Einbettung neuer Gesundheitstechnologien und die Kooperation mit kommunalen Strukturen sollen Prävention, Früherkennung und Versorgung in urbanen Populationen über das Modellprojekt hinaus übertragbar und nachhaltig verbessern.
„Huge strides have been made to better manage disease of the heart and circulation, but they still remain the world’s biggest killers. Cities@Heart aims to address the major driver of poor outcomes – inequalities in health and access to healthcare that affect many communities within our cities. We will jointly develop approaches with affected citizens, community leaders, city councils, clinicians, health policy leaders and industry partners to achieve long-term change.“, so Prof. Dipak Kotecha, Kardiologe und Leitlinien Autor der University of Birmingham (UK) und Global Director des Projekts.
Klinischer Schwerpunkt: modifizierbare Haupttreiber von Herz Kreislauf Ereignissen
Die Initiative fokussiert vier häufige, behandelbare Risikofaktoren:
Diese tragen wesentlich zur Entstehung zentraler kardiovaskulärer Erkrankungen, wie Myokardinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern und vaskuläre Demenz, bei. Durch gezielte, evidenzbasierte Maßnahmen sollen sowohl die Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse als auch Disparitäten in den Ergebnissen der Gesundheitsversorgung reduziert werden.
Von der Evidenz zur Praxis: geplante Strategien und Implementierungspfade
Gemeinsame Gestaltung von Präventions und Versorgungsmaßnahmen:
Interventionen werden gemeinsam mit betroffenen Bürgern, Gemeindevertretungen, Kommunalpolitik, Klinikern und Industriepartnern entwickelt. Ziel ist eine bedarfsgerechte, akzeptierte und skalierbare Umsetzung.
Stadtweite Instrumente:
- Screening und Case Finding Programme zur Früherkennung und Prävention im kommunalen Umfeld, z. B. Blutdruck und Lipid Checks wären hier denkbar.
- Digitale Werkzeuge für Risikostratifizierung, Monitoring und Adhärenzförderung.
- Niedrigschwellige Versorgungswege, die die Primärversorgung entlasten und Schnittstellen zum öffentlichen Gesundheitsdienst stärken.
- Politik und Umfeldmaßnahmen, die strukturelle Risikofaktoren adressieren, z. B. bezgl. Ernährung, Bewegung, Tabakkontrolle sind hier denkbar
Evaluation und Skalierung: Wirksamkeit, Kosteneffektivität und Umsetzbarkeit werden in den sieben Pilotstädten evaluiert. Erfolgreiche Strategien sollen anschließend über das WHO Netzwerk europäischer Städte verbreitet werden.
Einordnung im Kontext bisheriger Ansätze: Was ist neu?
Im Unterschied zu rein klinikorientierten Programmen setzt „Cities@Heart“ auf eine ganzheitliche gesamtstädtische Steuerungsstruktur, eine partizipative Entwicklung der Maßnahmen sowie die Integration neuer Technologien mit klarer Skalierungsstrategie. Das Projekt adressiert zentrale Umsetzungslücken wie das Erreichen unterversorgter Gruppen, die Verknüpfung von Prävention und Versorgung über Sektoren hinweg und die nachhaltige Verankerung in kommunalen Strukturen. Neu ist die systematische Bündelung kommunaler Hebel mit industriellen Innovationen und akademischer Evaluation unter EU weiter Koordination.
Offene Fragen und erwartete Evidenzbeiträge
Das Projekt zielt auf folgende Evidenzlücken ab:
- Reichweite und Versorgungsgerechtigkeit: Inwieweit lassen sich benachteiligte Gruppen dauerhaft erreichen und versorgen?
- Outcome Gewinn: Welche Effekte ergeben sich bzgl. der Reduzierung von Krankheitslast und Sterblichkeit? Hier könnten harte Endpunkt wie (Ereignisse, Hospitalisationen) im Verhältnis zu Surrogatendpunkten (Blutdruck, LDL C, HbA1c, BMI) Untersuchungsgegenstand sein.
- Implementierung und Kosten: Welche Implementierungsstrategien sind kosteneffektiv und übertragbar auf unterschiedliche kommunale Kontexte?
- Digitale Tools: Welchen Zusatznutzen liefern digitale Technologien gegenüber Standardversorgung unter urbanen Alltagsbedingungen?
Die projektierten Piloten sollen hier robuste, generalisierbare Daten liefern.
Perspektiven für Klinik und Public Health: mögliche Auswirkungen
Für die klinische Praxis könnten standardisierte, kommunal verankerte Screening Pfade und digital unterstützte Nachsorge die frühzeitige Identifikation und Behandlung kardiometabolischer Risiken verbessern und die Therapieadhärenz stärken. Aus Sicht der öffentlichen Gesundheitsversorgung bietet der Ansatz Chancen, strukturelle Ungleichheiten zu verringern, indem Prävention und Versorgung „vor Ort“ erfolgen und kommunale Ressourcen systematisch genutzt werden.
„Cities@Heart represents a vital opportunity to address the unmet needs of underserved populations in Europe through bold partnerships and collaborative innovation.“, so Jesús Ponce, Therapeutic Area Head for Cardiovascular Renal Metabolic bei Novartis.
Fazit
„Cities@Heart“ verknüpft kommunale Strukturen, klinische Evidenz und technologische Innovation, um die CVD Last in europäischen Städten zu senken. Der Erfolg wird daran zu messen sein, ob benachteiligte Gruppen messbar profitieren und ob die Strategien kosteneffektiv skaliert werden können. Mit Spannung bleiben die Ergebnisse, insbesondere zur Evaluation der Reduzierung von Krankheitslast, Behinderung und Sterblichkeit sowie zur Langzeitnachhaltigkeit und zur Adaptierbarkeit in verschiedenartigen urbanen Kontexten, abzuwarten.








