NAKO-Studie: Jeder vierte ältere Erwachsene erhält potenziell ungeeignete Medikamente

Eine aktuelle Auswertung der NAKO-Gesundheitsstudie zeigt deutliche Probleme bei der Arzneimittelversorgung älterer Menschen: Demnach erhalten 26 Prozent der 60- bis 74-Jährigen potenziell ungeeignete Medikamente, zusätzlich sind Unter- und Überversorgung verbreitet. Benannt werden konkrete Risikogruppen und Ansatzpunkte für systematische Medikationschecks.

Aelterer Patient Medikamentenbox

Heidelberg. Rund jeder vierte ältere Mensch in Deutschland erhält mindestens ein potenziell unangemessenes Arzneimittel. Das geht aus einer aktuellen Auswertung der NAKO-Gesundheitsstudie (Deutsche Nationale Kohorte), die jüngst im „Journal of Internal Medicine“ veröffentlicht wurde. Die Forschenden untersuchten anhand der FORTA-Liste die Medikation von knapp 55.000 Personen im Alter zwischen 60 und 74 Jahren. Die FORTA-Liste ist ein speziell für die Medikation älterer Menschen entwickeltes Bewertungssystem zur Arzneimitteltherapie.

Kernergebnis: Gebrauch ungeeigneter Medikamente weit verbreitet

Die Auswertung zeigt, dass potenziell ungeeignete Arzneimittel in der untersuchten Altersgruppe der 60- bis 74-Jährigen häufig vorkommen. Insgesamt erhielten 26 Prozent der Teilnehmenden mindestens ein solches Medikament. Damit ist rund jede vierte Person im untersuchten Alter von potenziell unangemessener Medikation (PIM) betroffen. 
Nicht nur ungeeignete Medikamente, sondern auch fehlende Behandlungen sind ein zentrales Ergebnis der Analyse. In fast einem Fünftel der Fälle (19,1 %) fanden die Forschenden Hinweise darauf, dass eine eigentlich empfohlene medikamentöse Therapie oder Impfung nicht umgesetzt wurde.

Unterversorgung bei bestimmten chronischen Erkrankungen besonders häufig

Das PIM-Risiko ist bei bestimmten chronischen Erkrankungen offenbar besonders hoch. Für Menschen mit Osteoporose errechneten die Forschenden eine etwa 9,5-fach höhere Wahrscheinlichkeit, keine ausreichende, aber empfohlene Therapie zu erhalten. Bei Vorhofflimmern lag diese Wahrscheinlichkeit rund 6,1-mal höher. Auch bei Parkinson und COPD stellten die Forschenden eine erhöhte Unterversorgung fest, mit etwa 2,6-fach beziehungsweise rund 2,0-fach erhöhten Werten.

Die Daten legen nahe, dass gerade bei chronischen Erkrankungen mit langfristigen Folgen empfohlene Behandlungen nicht immer konsequent verordnet oder fortgeführt werden. Für die Betroffenen kann dies das Risiko für Komplikationen und Krankenhausaufenthalte erhöhen.

Impfungen: Große Lücken bei Pneumokokken und Influenza

Die Auswertung zeigt auch, dass viele ältere Menschen empfohlene Schutzimpfungen nicht erhalten hatten. In der Gruppe, für die Impfstatus-Daten vorlagen, waren 90 Prozent nicht gegen Pneumokokken geimpft, bei der Grippeimpfung waren es 63 Prozent. Diese Zahlen weisen darauf hin, dass die Möglichkeiten der Prävention von Infektionen im höheren Lebensalter nicht ausgeschöpft werden.

Überversorgung: Medikamente ohne klare Notwendigkeit

Neben ungeeigneten und fehlenden Therapien betrachtete das Team auch die Überversorgung. Darunter versteht die Studie Medikamente, für die keine ausreichende medizinische Begründung erkennbar war. Insgesamt waren 23,6 % der Teilnehmenden von einer solchen Überversorgung betroffen.

Besonders häufig trat dieses Muster bei Personen mit Depressionen und Epilepsie auf. Für Depressionen ergab sich eine etwa 1,6-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, von Überversorgung betroffen zu sein, für Epilepsie eine rund 1,5-fach erhöhte. Diese Befunde fügen sich in das bekannte Bild, dass Medikamentenpläne von Menschen mit mehreren Diagnosen und komplexen Krankheitsverläufen oft schwer überschaubar sind.

Erkrankungen mit besonderem Risiko für ungeeignete Medikamente

Die NAKO-Auswertung benennt mehrere Erkrankungen, bei denen potenziell ungeeignete Medikamente besonders häufig vorkommen. Bei Parkinson-Erkrankungen liegt die Wahrscheinlichkeit für eine potenziell ungeeignete Medikation etwa 16-mal höher als bei Personen ohne diese Diagnose. Auch bei Bluthochdruck zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang mit einer etwa 4,5-fach erhöhten Wahrscheinlichkeit für ungeeignete Arzneimittel. Bei Epilepsie lag dieser Wert bei rund 4,3, bei Depressionen war die Wahrscheinlichkeit gut doppelt so hoch (2,1-fach).

Über die NAKO-Studie und die aktuelle Auswertung:

Die NAKO-Gesundheitsstudie gilt als Deutschlands größte Langzeit-Bevölkerungsstudie. In der aktuellen Auswertung stand die Qualität der Arzneimitteltherapie im Vordergrund.

Für die Analyse wurden Angaben von 54.296 Personen im Alter zwischen 60 und 74 Jahren ausgewertet. Erfasst wurden regelmäßig eingenommene Medikamente, bestehende Erkrankungen, Impfstatus sowie soziodemografische Merkmale.

Neben der Frage, ob ungeeignete Medikamente verordnet wurden, prüften die Forschenden auch, ob eigentlich empfohlene Therapien oder Impfungen fehlten (Unterversorgung) oder ob Arzneimittel ohne ausreichende medizinische Begründung eingesetzt wurden (Überversorgung). Mit statistischen Verfahren wurde anschließend analysiert, welche Erkrankungen und Faktoren mit diesen Versorgungsproblemen besonders häufig zusammenhängen.

Autor:
Stand:
15.05.2026
Quelle:

Journal of Internal Medicine:Factors associated with potentially inappropriate medication use, medication underuse and overuse in older adults in the German National Cohort, zuletzt abgerufen am 14. Mai 2026
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/joim.70097

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