Drogenkonsum im Alter häufiger als gedacht
Die Diskussion um den Drogenkonsum bei älteren Erwachsenen konzentrierte sich bislang vor allem auf Alkohol, Opioide und Cannabis. Stimulanzien wie Kokain, Amphetamine oder Ecstasy blieben hingegen meist unbeachtet – obwohl gerade die sogenannte Babyboomer-Generation (Geburtsjahrgänge 1946–1964) bekanntermaßen häufiger Substanzen konsumierte als frühere Kohorten. Parallel dazu steigen in vielen Ländern die Zahlen akuter Gesundheitsereignisse im Zusammenhang mit Stimulanzien.
Warum Senioren besonders gefährdet für Komplikationen des Drogenkonsums sind
Die gesundheitlichen Risiken sind bei älteren Erwachsenen besonders hoch: altersbedingte physiologische Veränderungen, Multimorbidität und Polypharmazie erhöhen die Anfälligkeit für kardiale und neurologische Komplikationen. Bisher fehlten jedoch belastbare Daten zur Häufigkeit und Entwicklung von stimulanzienbedingten Notfällen bei dieser Altersgruppe.
Langzeitanalyse aus Kanada zu Notfällen durch Stimulanzien bei Senioren
Eine kürzlich veröffentlichte kanadische Kohortenstudie von Zipursky et al. analysierte erstmals systematisch stimulanzienbedingte Notfälle bei älteren Menschen über einen Zeitraum von 13 Jahren (2010–2023). Die Studie basiert auf verknüpften Routinedaten der Provinz Ontario mit über 16 Millionen Einwohnern und liefert wichtige neue Erkenntnisse über eine bisher kaum beachtete Patientengruppe.
Studie analysiert stimulanzienbedingte Notfälle bei älteren Erwachsenen
Ziel der Untersuchung war es, Häufigkeit, zeitliche Trends und Begleitfaktoren stimulanzienassoziierter Notfälle bei Erwachsenen ab 66 Jahren zu erfassen. Die Ergebnisse zeigen einen dramatischen Anstieg solcher Vorfälle – von 1,4 pro 100.000 Personen im Jahr 2010 auf 12,6 pro 100.000 im Jahr 2023, was einer Verneunfachung entspricht.
Zunehmender Kokainkonsum als Haupttreiber
Insgesamt wurden 1.247 stimulanzienbezogene Notfälle erfasst. Auffällig war der hohe Männeranteil (74,9 %) sowie die Häufung in sozioökonomisch benachteiligten Wohnvierteln. Die Mehrzahl der Fälle (64,6 %) stand im Zusammenhang mit Kokain, ein Drittel mit anderen Stimulanzien. Nur ein sehr geringer Anteil (1,6 %) der betroffenen Patienten hatte in den vorangegangenen 90 Tagen eine Stimulanzienverordnung erhalten.
Psychiatrische Komorbiditäten häufig
Psychiatrische Komorbiditäten waren weit verbreitet: Über die Hälfte der Betroffenen (55,1 %) litt an Substanzgebrauchsstörungen, 53,1 % an Angststörungen, 33,3 % an depressiven Erkrankungen und 17,3 % an psychotischen Störungen. Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz (2,7 %) oder Parkinson (1,8 %) waren ebenfalls vertreten, wenn auch in kleinerem Umfang.
Ursachen und Risiken des vermehrten Substanzgebrauchs bei Senioren
Die Autoren führen die Entwicklung auf mehrere Ursachen zurück: eine Zunahme des Freizeitkonsums, die Verfügbarkeit hochpotenter Substanzen im unregulierten Markt, Missbrauch verschriebener Stimulanzien sowie eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz psychoaktiver Substanzen.
Ältere Menschen gelten als besonders vulnerable Gruppe für stimulanzienbedingte Komplikationen. Neben kardiovaskulären Risiken wie Arrhythmien, Myokardinfarkt oder Schlaganfall drohen auch psychiatrische Krisen. Dennoch gibt es bislang keine strukturierten Screeningprogramme oder Präventionsangebote für diese Zielgruppe.
Notwendigkeit von Screening auf Drogenkonsum im Alter
Auch wenn die absoluten Zahlen relativ niedrig bleiben, so ist der rasante Anstieg stimulanzienassoziierter Notaufnahmen ein ernstzunehmender Indikator für eine sich wandelnde Problemlage im Alter. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit eines gezielten Screenings auf Stimulanzienkonsum bei älteren Erwachsenen, insbesondere bei Personen mit psychiatrischen Vorerkrankungen oder aus sozioökonomisch benachteiligten Regionen.
Interdisziplinärer Ansatz zum Umgang mit Drogenkonsum bei älteren Menschen
Die Studie von Zipursky et al. liefert erstmals belastbare Daten zu einem bislang weitgehend unbeachteten Risiko für drogenbedingte Notfälle im höheren Lebensalter. Sie ruft zu erhöhter klinischer Aufmerksamkeit, strukturiertem Screening und weiterer Forschung auf. Der Umgang mit Stimulanzien im Alter erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen, das sowohl medizinische als auch soziale Aspekte berücksichtigt.











