Adipositas gilt als etablierter Risikofaktor für zahlreiche Tumorerkrankungen. Nach Angaben der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) steigert ein erhöhter Body-Mass-Index (BMI) das Risiko für mindestens 13 Krebsarten, darunter gynäkologische Tumoren, kolorektale Karzinome und hepatozelluläre Karzinome. In den USA entfallen etwa 40 % aller jährlichen Krebsdiagnosen auf Tumoren, die mit Adipositas assoziiert sind. Die Prävention und Reduktion dieser Belastung stellt eine wesentliche Herausforderung der öffentlichen Gesundheit dar.
US-Forscher untersuchen Krebsrisiko unter GLP-1-Therapie
Vor diesem Hintergrund analysierte ein Forschungsteam der Indiana University School of Medicine und der University of Florida, USA, die Assoziation zwischen GLP-1-Rezeptoragonisten und dem Auftreten von Krebs bei Erwachsenen mit Adipositas. Ziel war es zu prüfen, ob der Einsatz dieser Substanzen über ihre gewichtsreduzierende Wirkung hinaus auch das onkologische Risiko beeinflusst. Die Studienergebnisse wurden in 'JAMA Oncology' veröffentlicht.
Kohortenstudie mit über 86.000 Erwachsenen
Die retrospektive Kohortenstudie folgte einem „Target Trial Emulation“-Ansatz. Grundlage bildeten elektronische Gesundheitsakten aus dem OneFlorida+ Netzwerk, das klinische Daten aus verschiedenen Versorgungszentren in Florida, Georgia und Alabama integriert.
Eingeschlossen wurden 86.632 Erwachsene ohne Krebsvorgeschichte (Durchschnittsalter 52,4 Jahre; 68,2 % Frauen). Die Kohorte wurde im Verhältnis 1:1 in 43.317 Anwender und 43.315 Nichtanwender von GLP-1-Rezeptoragonisten aufgeteilt. Primäre Endpunkte waren die Inzidenzen von 14 Tumorarten, darunter die 13 adipositasassoziierten Krebsformen sowie Lungenkrebs.
Signifikant reduziertes Gesamtrisiko, deutliche Effekte bei gynäkologischen Tumoren
Während der Nachbeobachtung traten 13,6 Krebsereignisse pro 1.000 Personenjahre in der Behandlungsgruppe und 16,4 Ereignisse pro 1.000 Personenjahre in der Kontrollgruppe auf. Dies entspricht einer signifikanten Reduktion des Gesamtrisikos (Hazard Ratio [HR] 0,83; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,76–0,91; p = 0,002).
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei drei Tumorentitäten:
• Ovarialkarzinom: HR 0,53 (95 %-KI 0,29–0,96; p = 0,04)
• Endometriumkarzinom: HR 0,75 (95 %-KI 0,57–0,99; p = 0,05)
• Meningeom: HR 0,69 (95 %-KI 0,48–0,97; p = 0,05)
Für weitere Tumorarten wie kolorektale, pulmonale oder pankreatische Karzinome ergaben sich ebenfalls tendenziell niedrigere Raten, ohne jedoch statistische Signifikanz zu erreichen.
Auffälligkeit beim Nierenkarzinom
Im Gegensatz dazu zeigte sich für das Nierenzellkarzinom eine Hazard Ratio von 1,38 (95 %-KI 0,99–1,93; p = 0,04). Die Autoren bewerten dieses Ergebnis aufgrund der Nähe des Konfidenzintervalls zu 1,0 als nicht signifikant, weisen jedoch auf die Notwendigkeit einer sorgfältigen Beobachtung hin.
Vergleich mit früheren Studien
Die Ergebnisse stehen in Einklang mit früheren Analysen, die bei Patienten mit Typ-2-Diabetes unter GLP-1-Rezeptoragonisten eine signifikante Reduktion adipositasassoziierter Krebsarten festgestellt hatten. In der aktuellen Studie ist der beobachtete Effekt bei adipösen, nicht-diabetischen Patienten weniger ausgeprägt. Dies könnte auf die kürzere Behandlungsdauer in dieser Population zurückzuführen sein. Die Mehrzahl der Patienten hatte die Präparate weniger als drei Jahre angewendet.
Fazit: Schutzwirkung bestätigt – offene Fragen beim Nierenzellkarzinom
Die Studienergebnisse belegen, dass GLP-1-Rezeptoragonisten bei Erwachsenen mit Adipositas das Risiko für Krebserkrankungen deutlich senken, insbesondere bei Ovarial-, Endometrium- und Meningeomfällen. Das potenziell erhöhte Risiko für Nierenkarzinome erfordert weitere Abklärung. Längere Nachbeobachtungen sind notwendig, um die beobachteten Zusammenhänge zu bestätigen und die zugrunde liegenden Mechanismen zu klären.








