Die Anzahl der Diabetespatienten wird immer häufiger. In Deutschland ist mit 8 Millionen Diabetikern etwa jeder Zehnte betroffen. In den nächsten 25 Jahren wird weltweit eine Steigerung der Patientenzahl um 51% erwartet. Da Diabetes mellitus oft mit Folgeerkrankungen verbunden ist, entstehen zu den Beeinträchtigungen für Betroffene auch hohe gesundheitliche Kosten. Eine umfassende Betreuung der Patienten kann die Kontrolle der Krankheitsprogression verbessern. In einer multizentrischen Studie wurde dieser Effekt auf pharmazeutischer Ebene untersucht.
Zielsetzung
In der multizentrischen, cluster-randomisierten, kontrollierten Studie GLICEMIA 2.0 wurde untersucht, ob eine intensive pharmazeutische Betreuung von Diabetespatienten in öffentlichen Apotheken die glykämische Kontrolle effektiv verbessern und das Komplikationsrisiko verringern kann.
Methodik
Es nahmen 26 Apotheken in Bayern an der Studie Teil, die in eine Kontroll- und eine Interventionsgruppe randomisiert wurden. Apotheker beider Gruppen erhielten einen Trainingstag zur Durchführung der Studie, Pharmazeuten der Interventionsgruppe eine zusätzliche Schulung zu Medikationsanalyse und Beratung.
An der Studie nahmen 198 Patienten teil, davon waren 94 in der Kontroll- und 104 in der Interventionsgruppe. Es waren 53% der Teilnehmenden weiblich, das durchschnittliche Lebensalter lag bei 65,0 ± 9,5 Jahren. Die Einschlusskriterien waren ein Diabetes mellitus Typ 2, ein BMI (Body-Mass-Index) von ≥25 kg/m2 und ein Langzeitblutzucker (HbA1c) von ≥7% (53 mmol/mol). Die Patienten wurden über ein Jahr betreut und die Daten zu Studienbeginn, nach 6 und 12 Monaten erhoben. Die Interventionsgruppe wurde von den Apothekern durch drei persönliche Beratungsgespräche, sechs Gruppenmeetings und monatliche Telefongespräche zu einer definierten Lebensstiländerung mit mehr Bewegung und Gewichtsreduktion sowie zur Arzneimitteltherapie beraten. Die Kontrollgruppe erhielt Material im Papierformat und die übliche Beratung.
Es wurde eine Intention-to-treat-Analyse durchgeführt. Als primärer Endpunkt galt die Veränderung des HbA1c innerhalb des Studienjahres. Sekundäre Endpunkte waren Gewichtsänderung, Nüchternblutzucker und Blutdruck.
Ergebnisse
Es brachen 18,2% der Teilnehmenden die Studie vorzeitig ab (12 Personen der Kontroll-, 24 der Interventionsgruppe), sodass 86 Personen der Kontroll- und 96 der Interventionsgruppe in die Analyse einbezogen wurden.
Der HbA1c sank in der Kontrollgruppe von 8,1 ± 0,1% auf 7,8 ± 0,1% und in der Interventionsgruppe von 8,3 ± 0,1% auf 7,3 ± 0,1%. Damit war die Reduktion des Langzeitblutzuckers in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe statistisch signifikant (p<0,0001).
Um die Gewichtsveränderung zu beurteilen, wurde die Anzahl der Teilnehmenden betrachtet, die ihr Gewicht um mindestens 5% reduzierten. Dies war in der Kontrollgruppe bei 7 Personen (9,3%) und in der Interventionsgruppe bei 21 Personen (26,9%) der Fall (p=0,0129). Es konnten keine signifikanten Unterschiede der Gruppen in Bezug auf den Nüchternblutzucker oder den Blutdruck festgestellt werden.
Fazit
Durch die Präventionsbetreuung der Diabetespatienten in Apotheken konnte eine signifikante Senkung des HbA1c-Wertes erreicht werden. Dies sei die wichtigste Botschaft von GLICEMIA 2.0, so Kristina Friedland, Professorin für Pharmakologie und Toxikologie an der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) in Mainz. Die Teilnehmenden bewerteten ihren persönlichen Nutzen zu 80% als hoch bis sehr hoch. „Unsere aktuelle Studie hat einmal mehr wissenschaftlich bewiesen, was präventive Betreuung durch Apothekerinnen und Apotheker zu leisten vermag“, sagt Dr. Helmut Schlager vom Präventionsinstitut WIPIG (Wissenschaftliches Institut für Prävention im Gesundheitswesen).
Apotheken verbessern Prävention und Kontrolle
Wie auch im Grundlagenpapier der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA) zu pharmazeutischen Dienstleistungen beschrieben, können Apotheken aufgrund hoher und gleichzeitig niedrigschwelliger Patientenkontakte effektiv zur Diabetes-Vorsorge beitragen. Ein Beispiel wäre die Bestimmung des individuellen Diabetesrisikos. Auch bei der Kontrolle der Erkrankung ist eine Betreuung durch Apotheken sinnvoll, wie die Ergebnisse der GLICEMIA 2.0-Studie zeigen. Auf diese Weise können Folgeerkrankungen und so auch entsprechende Kosten vermieden werden.













