Optionen für die Epilepsie-Therapie bei Schwangeren

Das Risiko für neurologische Fehlentwicklungen bei pränataler Exposition gegenüber Antiepileptika wurde erstmals bei Kombinationstherapien untersucht. Levetiracetam mit Lamotrigin war dabei die einzige Kombinationstherapie, die nicht mit einem erhöhten Risiko verbunden war. Eine populationsbasierte Registerstudie soll nun Wissenslücken in Bezug auf den Gebrauch von Antiepileptika in der Schwangerschaft schließen.

Schwangere Babybauch

Fünf von 1000 schwangeren Frauen nehmen Medikamente gegen Krampfanfälle ein. Die Anwendung von Antiepileptika (Antikonvulsiva) steigt an. Eine Beendigung oder Unterbrechung der Einnahme der Antiepileptika vor oder während der Schwangerschaft ist mit Auftreten unkontrollierter Krampfanfälle und einer erhöhten maternalen Mortalität verbunden. Die Epilepsie-Therapie in der Schwangerschaft stellt daher Ärzte und werdende Mütter häufig vor ein Dilemma: Ein Verzicht auf Antiepileptika kann die Gesundheit und das Leben der Mutter gefährden, die Einnahme einiger Antiepileptika kann aber das Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind erhöhen. Um dieses Risiko möglichst zu minimieren, ist ein präzises Wissen über die Sicherheit dieser Medikamente für das Kind im Mutterleib unbedingt erforderlich.

Antiepileptika mit unbekannten Risiken

Vorangegangene Studien haben gezeigt, dass die Einnahme von Valproat während der Schwangerschaft das Risiko des Kindes für eine Autismus-Spektrum-Störung (autism spectrum disorder [ASD]) und intellektuelle Beeinträchtigungen (intellectual disability [ID]) um das Drei- bis Fünffache erhöht. Bei den meisten anderen Antiepiletika sind die Risiken von neurologischen Entwicklungsstörungen für Kinder, die diesen Substanzen im Mutterleib ausgesetzt sind, nicht klar — und das, obwohl diese Medikamente häufig zum Einsatz kommen. Völlig unbekannt sind die Risiken für die Kinder bei den üblichen Kombinationstherapien, die jedoch nötig sind, um Krampfanfälle bei Patientinnen zu kontrollieren, die nicht auf Monotherapien ansprechen.

SCAN-AED bietet Millionen Datensätze

Die populationsbasierte Registerstudie SCAN-AED soll Wissenslücken in Bezug auf den Gebrauch von Antiepileptika (antiepileptic drugs [AEDs]) in der Schwangerschaft schließen. An der multizentrischen Studie arbeiten Universitäten aller skandinavischen Länder mit den Daten verschiedener landesweiter Register. Durch diese Zusammenarbeit stehen Wissenschaftlern die Daten von mehr als 4,5 Millionen Mutter-Kind-Paaren zur Auswertung verschiedener Fragestellungen zur Verfügung.  

Welche Therapien sind mit Risiken für das Kind verbunden?

Wissenschaftler um die Neuroepidemiologin Prof. Dr. Marte-Helene Bjørk von der Universität Bergen in Norwegen haben mithilfe dieser Datensätze untersucht, ob und welche Mono- und Kombinationstherapien mit Antiepileptika das Risiko neurologischer Entwicklungsstörungen bei Kindern mit pränataler Exposition erhöhen. Im Fokus standen Autismus-Spektrum-Störungen (ASDs) und intellektuelle Beeinträchtigungen (IDs). Hauptendpunkt war die geschätzte kumulative Inzidenz von neurologischen Entwicklungsstörungen bei den Kindern im Alter von acht Jahren. Die Studie wurde in JAMA Neurology veröffentlicht.

Risiken bei Topiramat und Valproat

In die Studie wurden die Daten von insgesamt 4.494.926 Kindern, davon 51,3% männlichen Geschlechts, eingeschlossen. 1,5% von 21.634 Kindern, deren Mütter an Epilepsie erkrankt waren, aber während der Schwangerschaft keine Antiepileptika eingenommen hatten (nicht-exponierte Kinder), hatten im Alter von acht Jahren die Diagnose ASD und 0,8% dieser Kinder die Diagnose ID.

Von den gleichaltrigen Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Topiramat oder Valproat in Monotherapie angewendet hatten, litten 4,3% bzw. 2,7% unter ASD, und 3,1% bzw. 2,4% hatten ID. Die adjustierten Hazard Ratios (aHR) für ASD und ID nach Topiramat-Exposition betrugen 2,8 (95%-Konfidenzintervall [KI]: 1,4-5,7) und 3,5 (95%-KI 1,4-8,6), sowie nach Valproat-Exposition 2,4 (95%-KI: 1,7-3,3) und 2,5 (95%-KI: 1,7-3,7). Im Vergleich mit Kindern aus der Allgemeinpopulation zeigte sich, dass die aHRs mit höheren ASM-Dosierungen anstiegen.  

Risiko bei Kombinationstherapien

Die dualen Kombinationstherapien Levetiracetam mit Carbamazepin und Lamotrigin mit Topiramat waren mit erhöhten Risiken für neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern von Müttern mit Epilepsie assoziiert. Die kumulative Inzidenz im Alter von acht Jahren betrug bei:

  • Levetiracetam mit Carbamazepin 5,7%; aHR 3,5; 95%-KI:1,5-8,2
  • Lamotrigin mit Topiramat 7,5%; aHR 2,4; 95%-KI: 1,1-4,9

Die Kombination Levetiracetam mit Lamotrigin wies kein erhöhtes Risiko auf (kumulative Inzidenz im Alter von acht Jahren 1,6%; aHR 0,9; 95%-KI, 0,3-2,5). Für das Risiko von neurologischen Entwicklungsstörungen nach einer pränatalen Exposition gegenüber Monotherapien mit Lamotrigin, Levetiracetam, Carbamazepin, Oxcarbazepin, Gabapentin, Pregabalin, Clonazepam oder Phenobarbital konnten keine konsistenten Ergebnisse erzielt werden.

Fazit

Den Studienergebnissen zufolge besteht ein erhöhtes Risiko von neurologischen Entwicklungsstörungen nach einer pränatalen Exposition mit Topiramat und Valproat in Monotherapie, das mit höheren Dosierungen ansteigt. Bei fast allen getesteten Kombinationstherapien konnte ebenfalls ein erhöhtes Risiko festgestellt werden. Eine Ausnahme stellt die Kombination Levetiracetam mit Lamotrigin dar, bei der kein erhöhtes Risiko nachgewiesen wurde.

Autor:
Stand:
08.06.2022
Quelle:

Bjørk, Zoega, Leinonen et al. (2022): Association of Prenatal Exposure to Antiseizure Medication With Risk of Autism and Intellectual Disability. JAMA Neurol. Published online May 31, 2022. doi:10.1001/jamaneurol.2022.1269

 

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