Desinfizienzien

Chemischen und pflanzlichen Desinfizienzien wird eine antibakterielle Wirkung zugeschrieben. Sie dienen der unterstützenden Therapie von Blasenentzündungen.

Bärentraubenblätter

Baerentraubenblaetter

Bärentraubenblätter sind einzeln oder in Kombination als Arzneitee (Bombastus Bärentraubenblätter Arzneitee und Blasen- u. Nierentee, H&S Bärentraubenblättertee und Blasen- u. Nierentee, Sidroga Bärentraubenblätter Filterbeutel), in Form von Trockenextrakten als Tabletten (Arctuvan, Cystinol akut, UROinfekt) oder als Dickextrakt (Cystinol N Lösung, Uvalysat Bürger Flüssigkeit) erhältlich [15-18].

Die antibakterielle Wirkung wird dem Hydrochinonmonoglucosid Arbutin zugeschrieben. Dieses wird in der Leber zu Hydrochinonglucuronid und-suflat metabolisiert. Bei Anwesenheit von Bakterien in den Harnwegen wird aus dem Arbutin-Glucuronid enzymatisch antibakterielles Hydrochinon freigesetzt [8].

Es kann bis zu viermal täglich eine Tasse des Teeaufgusses oder Kaltauszuges getrunken werden. Die Dosierung der Tabletten und flüssigen Zubereitungen ist abhängig vom jeweiligen Präparat. Die Anwendungsdauer sollte eine Woche am Stück und fünfmal im Jahr nicht überschreiten [15-20].

Was gibt es zu beachten?

Bärentraubenblätter haben einen hohen Gerbstoffgehalt, der für akute Unverträglichkeitsreaktionen wie Reizungen der Magenschleimhaut, Übelkeit und Erbrechen verantwortlich sein könnte [17]. Kaltauszüge haben den Vorteil eines geringeren Gerbstoffgehalts und somit weniger unerwünschter Nebenwirkungen [8].

Die Anwendung von Bärentraubenblättern wird aufgrund fehlender Informationen in Schwangerschaft und Stillzeit nicht empfohlen und ist bei Kindern unter 12 Jahren kontraindiziert [15-20]. Arzneimittel, die zur Bildung eines sauren Harns führen, können die antibakterielle Wirkung von Bärentraubenblättern vermindern. Bärentraubenblätter können eine grün-braune Färbung des Urins verursachen [19].

Studienlage

Der HMPC bescheinigt Bärentraubenblättern als Tee oder Extrakt einen Tradinional use zur Symptomlinderung bei leichten rezidivierenden unteren Harnwegsinfektionen [19]. Laut HMPC gibt es experimentelle Studien, die eine antibakterielle Wirkung von Bärentraubenblättern zeigen. Es wurden bisher allerdings keine klinischen Studien mit Zubereitungen, die nur Bärentraubenblätter enthalten durchgeführt [20].

Die S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen berichtet von einer placebokontrollierten, doppelblinden, randomisierten Studie eines Mischprodukts aus Bärentraubenblättern und Löwenzahnwurzel (UVA-E) an einem Patientenkollektiv von knapp 60 Frauen. Es wurden dabei dreimal täglich drei Tabletten über einen Zeitraum von einem Monat verabreicht. Die Verumgruppe mit 30 Patientinnen blieb über ein Jahr hinweg rezidivfrei, unter Placebo waren es nur 5 von 27 Patientinnen. In beiden Gruppen traten keine unerwünschten Arzneimittelwirkungen auf. In den deutschsprachigen Ländern ist dieses Präparat allerdings nicht erhältlich [1].

Meerrettichwurzelextrakt und Kapuzinerkressekraut

Die Kombination aus Meerrettichwurzelextrakt und Kapzinerkressekraut (Angocin Anti Infekt N) ist indiziert zur Besserung der Beschwerden bei akuten entzündlichen Erkrankungen der Bronchien, Nebenhöhlen und ableitenden Harnwege. Von den Tabletten werden dreimal täglich vier Stück eingenommen, Kinder von 6 bis 12 Jahren nehmen dreimal täglich drei Tabletten ein. Die Anwendungsdauer ist nicht begrenzt.

Was gibt es zu beachten?

Kapuzinerkressekraut enthält Vitamin K, dass die Wirkung von gerinnungshemmenden Vitamin-K-Antagonisten (Phenprocoumon, Warfarin) beeinträchtigen könnte. Den Patienten wird eine engmaschigere Überwachung der Gerinnung und eine Rücksprache mit dem Arzt empfohlen.

Es treten häufig Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Oberbauchdruck, Diarrhoe, Flatulenz oder Sodbrennen auf. In diesem Fällen wir eine Dosisreduktion und bei ausbleibender Besserung ein Absetzen der Tabletten empfohlen [21].

Studienlage

In einer prospektiven, randomisierten, verblindeten Studie an Patienten mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen wurden jeweils 2 Tabletten mit 80 mg Meerrettichwurzelextrakt und 200 mg Kapuzinerkressekraut (Angocin Anti Infekt N; n=51) oder Placeo (n=52) morgens und abends über drei Monate hinweg verabreicht.

Während der Studie sank die Harnwegsinfektionsrate unter Angocin auf 0,43 und unter Placebo auf 0,77.  Das Auftreten unerwünschter Wirkungen war in beiden Gruppen vergleichbar [1]. In einer klinischen Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit von Angocin Anti-Infekt N konnte keine Nicht-Unterlegenheit gegenüber anderer Behandlungen bei akuter Blasenentzündung gezeigt werden [21].

Chemische Desinfizienzien

Die Aminosäure L-Methionin (z.B. Acimol, Acimethin) wird angewendet zur Ansäuerung des Harns [1,7]. Dies soll die Adhäsion pathogener Bakterien an den Urothelzellen verringern und das Keimwachstum hemmen. L-Methionin kann die Wirkung von Antibiotika verbessern, deren Wirkoptimum im sauren pH-Bereich liegt (z.B. Ampicillin, Carbenicillin, Sulfonamiden, Nalidixinsäure, Nitrofurantoin). Die Dosierung beträgt dreimal täglich zu Beginn zwei, später eine Tablette. Therapeutisch angestrebt wird ein Urin-pH <6.

Was gibt es zu beachten?

Die Wirkung kann erst fünf bis sechs Tage nach der Therapiebeginn eintreten. Die Arzneimittel sind bei Niereninsuffizienz, Hyperurikämie, metabolischer Azidose, Leberinsuffizienz, Harnsäure- oder Zystinsteinen und Homozysteinurie kontraindiziert [14].

Studienlage

Präventionsstudien mit der harnansäuernden Aminosäure L-Methionin (3 x 0,5-1,0 g/Tag vor den Mahlzeiten) zeigten widersprüchliche Ergebnisse. Eine Empfehlung für L-Methionin kann daher laut der S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen nicht ausgesprochen werden [1].

Autor:
Stand:
20.09.2021
Quelle:
  1. Leitlinienprogramm DGU: Interdisziplinäre S3 Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. Langversion 1.1-2, 2017 AWMF Registernummer: 043/044
  2. Bonkat (Chair), Bartoletti, Bruyère, Cai, Geerlings, Köves, Schubert, Wagenlehner (2021). EAU Guideline: Urological Infections. Edn. presented at the EAU Annual Congress Milan Italy 2021. ISBN 978-94-92671-13-4
  3. DEGAM: Schiemann, Gebhardt, Hummers. Brennen beim Wasserlassen – S3-Leitlinie und Anwenderversion der S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen (07/2018)
  4. Kranjčec, Papeš & Altarac. D-mannose powder for prophylaxis of recurrent urinary tract infections in women: a randomized clinical trial. World J Urol 32, 79–84 (2014). DOI: 10.1007/s00345-013-1091-6
  5. Wagenlehner, Abramov-Sommariva, Höller, Steindl, Naber. Non-Antibiotic Herbal Therapy (BNO 1045) versus Antibiotic Therapy (Fosfomycin Trometamol) for the Treatment of Acute Lower Uncomplicated Urinary Tract Infections in Women: A Double-Blind, Parallel-Group, Randomized, Multicentre, Non-Inferiority Phase III Trial. Urol Int 2018;101:327–336. DOI: 10.1159/000493368
  6. Vahlensieck, Lorenz, Schumacher-Stimpfl, Fischer, Naber. Effect of a Herbal Therapy on Clinical Symptoms of Acute Lower Uncomplicated Urinary Tract Infections in Women: Secondary Analysis from a Randomized Controlled Trial. Antibiotics 2019, 8(4), 256; DOI: 10.3390/antibiotics8040256
  7. Neubeck (2019) Evidenzbasierte Selbstmedikation, 4. Auflage, Deutscher Apothekerverlag
  8. Blaschek (2016) Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka, 6. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart
  9. Schaper & Brümmer GmbH & Co. KG: Fachinformation Cystinol long
  10. Aristo Pharma GmbH: Fachinformation Solidago Steiner Lösung
  11. Schaper & Brümmer GmbH & Co. KG: Gebrauchsinformation Cystinol N Lösung
  12. EMA HMPC: Community Herbal Monograph on Solidago virgaurea L., herba (09/2008)
  13. Medice Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG: Fachinformation Aqualibra
  14. ratiopharm GmbH: Fachinformation Acimethin 500 mg Filmtabletten
  15. Bionorica SE: Fachinformation Canephron N Dragees
  16. Schaper & Brümmer GmbH & Co. KG: Fachinformation Cystinol akut
  17. Klinge Pharma GmbH: Fachinformation Arctuvan Bärentraubenblätter Filmtabletten
  18. Sidroga: Bärentraubenblättertee
  19. EMA HMPC: European Union herbal monograph on Arctostaphylos uva-ursi (L.) Spreng., folium (01/2018)
  20. EMA: Uvae ursi folium
  21. Repha GmbH: Fachinformation Angocin Anti-Infekt N
  22. Schaper & Brümmer GmbH & Co. KG: Fachinformation Esberitox
  23. Cassella-med GmbH & Co. KG: Gebrauchsinformation Femannose N
  24. Klinge Pharma GmbH: Gebrauchsinformation Arctuvan Mannose
  25. Institut AllergoSan Deutschland GmbH: OMNi-BiOTiC FLORA plus+
  26. Dr. August Wolff GmbH & Co. KG: Gebrauchsinformation Vagisan Milchsäure-Bakterien
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