Retinoide

Retinoide sind eine Klasse von Vitamin-A-Derivaten, die durch ihre regulierende Wirkung auf Zellproliferation, Differenzierung und Apoptose eine zentrale Rolle in der dermatologischen Therapie spielen. Sie finden breite Anwendung bei der Behandlung von Akne, Psoriasis, und der photoinduzierten Hautalterung sowie bei bestimmten Formen des Hautkrebses.

Retinol

Anwendung

Retinoide sind eine Klasse von Vitamin A-Derivaten, die ein breites Spektrum an Indikationen in der Dermatologie aufweisen, wobei spezifische Retinoide für unterschiedliche Anwendungen und in verschiedenen Formulierungen (topisch oder systemisch) indiziert sind.

Allgemeine Indikationen von Retinoiden

  • Akne vulgaris: Eine der häufigsten Indikationen für Retinoide ist Akne vulgaris, bei der sowohl topische als auch systemische Retinoide eingesetzt werden können.
  • Psoriasis: Bestimmte Retinoide, insbesondere in systemischer Form, werden zur Behandlung von mittelschwerer bis schwerer Psoriasis verwendet.
  • Photoalterung: Topische angewendet können Retinoide zur Reduktion von feinen Linien, Falten und Hyperpigmentierungen beitragen, die durch Sonnenschäden verursacht werden.
  • Ichthyose und verwandte Hauterkrankungen: Retinoide helfen, die Hautschuppung zu reduzieren und die Hauttextur zu verbessern.
  • Bestimmte Formen von Hautkrebs: Systemische Retinoide können präventiv bei Personen mit hohem Risiko für Hautkrebs eingesetzt werden oder als Teil der Therapie für bestimmte Hautkrebsarten.
  • Akute Promyelozyten Leukämie (APL): Tretinoin ist zur oralen Anwendung in Kombination mit Arsentrioxid oder Zytostatika zur Behandlung der APL, einer bestimmten Form der akuten myeloischen Leukämie (AML), indiziert. Hierbei können sowohl Patienten mit neu diagnostizierter APL, mit Rezidiv als auch Patienten, die refraktär gegenüber einer Chemotherapie sind, mit Tretinoin behandelt werden.

Wirkung

Retinoide wirken durch ähnliche grundlegende Mechanismen, die auf ihrer Fähigkeit beruhen, die Zellproliferation, -differenzierung und -apoptose zu regulieren, aber ihre spezifischen Effekte, Potenz und Nebenwirkungsprofile können variieren. Diese Unterschiede sind teilweise auf ihre selektive Affinität zu den verschiedenen Retinoid-Rezeptoren zurückzuführen, die in zwei Hauptklassen unterteilt werden: Retinoid-Säure-Rezeptoren (RARs) und Retinoid X-Rezeptoren (RXRs). Jeder dieser Rezeptoren hat drei Hauptisoformen: α, β, und γ.

Grundlegender Wirkmechanismus der Retinoide

Retinoide wirken, indem sie an spezifische intrazelluläre Rezeptoren binden. Diese Rezeptoren fungieren als Transkriptionsfaktoren, die die Expression von Genen regulieren, welche für die Zellproliferation, -differenzierung und andere wichtige zelluläre Funktionen verantwortlich sind. Topische Retinoide wie Tretinoin, Adapalen und Tazaroten zeigen eine hohe Affinität zu spezifischen RARs, während systemische Retinoide wie Isotretinoin und Acitretin breitere Wirkungen aufweisen, die sowohl RARs als auch RXRs beeinflussen können.

Nebenwirkungen

Retinoide können je nach Form (topisch oder systemisch) und Wirkstoff unterschiedliche Nebenwirkungen haben:

Topische Retinoide:

  • Hautirritationen: Rötungen, Trockenheit, Brennen, Juckreiz.
  • Lichtempfindlichkeit: Erhöhte UV-Sensibilität.
  • Pigmentveränderungen: Mögliche Veränderung der Hautfarbe.

Systemische Retinoide:

  • Trockene Haut und Schleimhäute: Inklusive trockener Lippen und Augen.
  • Teratogenität: Hohes Risiko von Geburtsfehlern.
  • Leber- und Blutfettwerte: Mögliche Erhöhungen.
  • Psychische Effekte: Stimmungsschwankungen, selten Depressionen.
  • Muskel- und Gelenkschmerzen

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen topischer Retinoide:

  • Kosmetika und Hautpflegeprodukte: Produkte mit Alkohol, Peelingmitteln oder anderen irritierenden Inhaltsstoffen können die Hautirritation verstärken.
  • Andere Aknemedikamente: Die gleichzeitige Anwendung von topischen Retinoiden mit anderen Aknetherapien, wie Benzoylperoxid oder Salicylsäure, kann Hautirritationen erhöhen, obwohl manche Kombinationen für die Aknebehandlung empfohlen werden. Hier ist Vorsicht und eine schrittweise Einführung geboten.

Wechselwirkungen systemischer Retinoide (z.B. Isotretinoin):

  • Vitamin A: Eine zusätzliche Einnahme von Vitamin A kann zu einer Hypervitaminose A führen, da Isotretinoin ein Vitamin-A-Derivat ist.
  • Tetracyclin-Antibiotika: Kombinationen mit Tetracyclinen können das Risiko für einen erhöhten Hirndruck steigern.
  • Alkohol: Kann die Belastung der Leber erhöhen und das Risiko für Leberschäden steigern.
  • Blutfettsenkende Mittel: Isotretinoin kann das Blutfettprofil beeinflussen, was in Kombination mit blutfettsenkenden Medikamenten zu unerwünschten Effekten führen kann.

Kontraindikationen

Die Kontraindikationen variieren je nach spezifischem Retinoid (siehe jeweilige Fachinformation) und dessen Anwendungsform (topisch oder systemisch), einige allgemeine Gegenanzeigen umfassen:

Für systemische Retinoide wie Isotretinoin:

  • Schwangerschaft und Stillzeit: Retinoide sind streng kontraindiziert bei schwangeren Frauen oder Frauen, die schwanger werden könnten, aufgrund des hohen Risikos schwerwiegender Geburtsfehler. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung und für eine bestimmte Zeit nach Beendigung der Behandlung wirksame Verhütungsmethoden anwenden.
  • Schwere Leber- oder Nierenfunktionsstörungen: Da Retinoide in der Leber metabolisiert und über die Nieren ausgeschieden werden, können bestehende Leber- oder Nierenfunktionsstörungen das Risiko von Nebenwirkungen erhöhen.
  • Hypervitaminose A: Personen mit einer Vorgeschichte oder aktuellen Anzeichen einer Hypervitaminose A sollten Retinoide vermeiden, da diese die Symptome verschlimmern können.
  • Allergie gegen Retinoide: Personen mit bekannter Überempfindlichkeit gegenüber einem Retinoid oder einem der Hilfsstoffe.

Für topische Retinoide:

  • Hauterkrankungen: Bestimmte Hauterkrankungen wie Ekzeme oder Rosacea können durch die Anwendung von topischen Retinoiden verschlimmern, insbesondere wenn die Haut entzündet oder beschädigt ist.
  • Schwangerschaft: Obwohl das Risiko einer systemischen Absorption gering ist, wird die Anwendung starker topischer Retinoide während der Schwangerschaft oft vermieden, besonders im ersten Trimester.

Wirkstoffe

Retinoide werden in verschiedene Generationen eingeteilt, basierend auf ihrer chemischen Struktur und dem Zeitpunkt ihrer Entwicklung:

Erste Generation

  • Tretinoin: Eines der ersten Retinoide, das für die Behandlung von Akne und später für photoinduzierte Hautalterung und bestimmte Formen von Hautkrebs zugelassen wurde.
  • Isotretinoin: Oral angewendet für schwere Aknefälle, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen.
  • Alitretinoin: Wird systemisch für die Behandlung von Hauterkrankungen wie schwerer chronischer Handekzeme verwendet.

Zweite Generation

  • Etretinat: War das erste orale Retinoid, das für Psoriasis zugelassen wurde, wird aber aufgrund seiner langen Halbwertszeit nicht mehr verwendet und durch Acitretin ersetzt.
  • Acitretin: Der aktive Metabolit von Etretinat, hauptsächlich verwendet für Psoriasis.

Dritte Generation (auch als Arotinoide bezeichnet)

  • Adapalen: Wird hauptsächlich für Akne verwendet, bekannt für seine Effektivität und geringere Hautirritation im Vergleich zu anderen Retinoiden.
  • Tazaroten: Eingesetzt für Akne und Psoriasis, hat starke Effekte auf Zelldifferenzierung und kann Hautirritationen verursachen.
  • Bexaroten: Wird für die Behandlung des kutanen T-Zell-Lymphoms verwendet, wirkt durch Bindung an spezifische Retinoid-X-Rezeptoren.
Autor:
Stand:
29.03.2024
Quelle:
  1. Geisslinger, Gerd, et al. "Mutschler Arzneimittelwirkungen." (2020).
  2. Steinhilber, Dieter, Manfred Schubert-Zsilavecz, and Hermann Roth. "Medizinische Chemie." (2017).
  3. Saurat, Jean-Hilaire, and Olivier Sorg. "Retinoids." European handbook of dermatological treatments. Cham: Springer International Publishing, 2023. 1741-1761.
  4. Fachinformationen der einzelnen Wirkstoffe
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