Long-Covid: multimodale und symptomorientierte Behandlung empfohlen

Menschen mit Long-Covid sollten multimodal und symptomorientiert behandelt werden, rät Professorin Jördis Frommhold vom 'Institut LongCovid'. Bewährt haben sich die Pacing-Strategie bei Fatigue, Schlafhygiene und Entspannungstechniken bei Schlafstörungen sowie Ginkgo biloba bei Neigung zu Mikroembolien.

Therapiebesprechung Arzt Patient

Long-Covid umfasst rund 200 Symptome, die während oder nach einer akuten Covid-19-Erkrankung auftreten und über Wochen und Monate hinweg bestehen bleiben können. Die genaue Anzahl der Betroffenen und welche Beschwerden eindeutig auf eine SARS-CoV-2-Infektion zurückzuführen sind, bleiben nach wie vor unklar. Sichere Diagnosekriterien und feste Therapieregime fehlen ebenfalls. Hinzu kommt, dass viele Menschen mit ihren Beschwerden belächelt und in die "psychosomatische Schublade" gesteckt werden, berichtet Professorin Jördis Frommhold, Fachärztin für Innere Medizin, Notfallmedizin und Pneumologie und Gründerin des 'Instituts LongCovid' in Rostock, bei der Scheele-Tagung 2023 in Binz [1,2].

Long-Covid-Beschwerden ernst nehmen

Frommhold zufolge leiden bis zu 10% der Corona-Infizierten an Langzeitfolgen, unabhängig vom Schweregrad der akuten Erkrankung. Die Ursachen dafür können vielfältig sein. Unabhängig davon, ob die SARS-CoV-2-Infektion der Auslöser der Beschwerden war, sei es aber wichtig, dass Ärzte anhaltende Beschwerden wie Fatigue, Schmerzen, kognitive Einschränkungen und Depressionen ernst nehmen und – abhängig von der zugrunde liegenden Ursache – leitliniengerecht behandeln.

Wenn keine offensichtliche Ursache identifiziert werden kann, empfiehlt die Long-Covid-Expertin eine symptomorientierte und multimodale Behandlung. Dabei betont sie, dass man angesichts der Vielzahl von Long-Covid-Betroffenen nicht auf umfassende Studienergebnisse warten kann. „Wir haben jetzt so viele Menschen mit Problemen, die Hilfe brauchen. Da können wir nicht auf Studienergebnisse warten. Wenn wir sie damit allein lassen, versuchen sie eine Eigentherapie“, erklärt Frommhold.

Pacing-Strategie bei Fatigue

Fatigue-Patienten sollten Überanstrengung vermeiden und regelmäßig Pausen einlegen, insbesondere in guten Phasen mit weniger Beschwerden. Aktivierung sei wichtig, jedoch in einem moderaten Maß, betont Frommhold. Als bevorzugte Behandlungsmethode empfiehlt sie das sogenannte Pacing – das frühzeitige Erkennen von Erschöpfungsanzeichen und eine rechtzeitige Intervention. Die Pacing-Strategie helfe den Betroffenen, ihre persönliche Balance zwischen Schonung und Belastung zu finden.

Statt detaillierter Symptomtagebücher sollten Fatigue-Patienten ihr tägliches Befinden auf einer Skala von 1–10 bewerten und ihr Aktivitätsniveau notieren, rät die Ärztin. Bei einem Abfall der Kurven könne niedrig dosiertes Prednisolon als Crash-Prophylaxe (5 mg täglich für ein bis drei Tage) verabreicht werden. Bei muskulärer Fatigue wäre das indirekt wirkende Parasympathomimetikum Pyridostigmin eine Option, bei Fatigue mit kognitiven Einschränkungen käme das atypische Neuroleptikum Aripiprazol infrage.

Das Long-Covid-Institut setzt bei Fatigue-Patienten auch auf manuelle Therapie, nicht aktivierende Physiotherapie sowie Osteo- und Kryotherapie.

Medikamentöse Behandlung von Schmerzen bei Long-Covid

Die medikamentöse Behandlung von Schmerzen bei Long-Covid erfolgt derzeit off Label, da es keine spezifische Leitlinie gibt. Klassische Schmerzmittel zeigen oft nur eine geringe Wirkung, während Metamizol in einigen Fällen hilfreich sein kann, wie die Erfahrungen aus dem Institut zeigen.

Die Gabe hochpotenter Opioide sollte unbedingt vermieden werden; stattdessen käme eine einschleichende Behandlung mit Pregabalin in Betracht.

Bei starken Kopfschmerzen könnte eine Prednisolon-Stoßtherapie Erleichterung bringen. Amitriptylin oder niedrig dosiertes Naltrexon wäre ebenfalls eine Option, so Frommhold.

Long-Covid und Schlafstörungen

Bei Schlafstörungen empfiehlt Frommhold zunächst die herkömmlichen Maßnahmen wie Schlafhygiene, Entspannungstechniken und Phytopharmaka. Falls die Beschwerden weiterhin bestehen, können Melatonin (2–5 mg) oder Mirtazapin (7,5 mg) versucht werden. Die Ärztin berichtet von positiven Erfahrungen mit der Kombination von Melatonin und Antihistaminika.

Bei Problemen mit der Atemmuskulatur ist eine Masken-Therapie (CPAP) anzuraten. Bei Schwierigkeiten mit der Atemmechanik empfiehlt die Long-Covid-Expertin, an der Atemmuskulatur und -technik zu arbeiten. Dies könne beispielsweise durch Logopädie, Yoga oder Atemübungen wie Lippenbremse und Kutschersitz erfolgen. Inhalatoren zeigen in der Regel keine Wirkung.

Histamin-Intoleranzen bei Long-Covid

Long-Covid-Patienten weisen häufiger Histamin-Intoleranzen auf. Eine dauerhafte histaminarme Ernährung ist bei den meisten Betroffenen aber nicht erforderlich. Zur medikamentösen Behandlung können Desloratadin, Famotidin und Cromoglicinsäure erwogen werden.

Kardiovaskuläre Probleme

Bei kardialen Symptomen wie Perimyokarditis oder posturalem Tachykardie-Syndrom (POTS) können Candesartan, Atorvastatin oder Rosuvastatin, nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) oder Colchicin verordnet werden. Bei POTS kann Ivabradin zum Einsatz kommen.

Für Patienten mit einer Neigung zu Mikroembolien werden Präparate mit Ginkgo biloba empfohlen. Alternativen sind ASS oder Clopidogrel, Heparin s.c. oder ein direktes orales Antikoagulanz (DOAK). Von einer Off-Label-Triple-Therapie rät Frommhold aber strikt ab.

Paxlovid bei erneuter Ansteckung

Im Falle einer erneuten Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus können Long-Covid-Patienten Paxlovid ausprobieren. Laut Frommhold ist der Nutzen einer therapeutischen Corona-Impfung als Booster noch nicht bestätigt.

Alternativtherapien bei Long-Covid

Ob Nahrungsergänzungsmittel bei Long-Covid unterstützend wirken, ist unklar. Frommhold empfiehlt allenfalls Probiotika, alles andere sei eher wenig effektiv.

Selbstzahler-Leistungen wie Help-Apherese (ggf. bei Gerinnungsstörungen) oder hyperbare Sauerstofftherapie (evtl. bei kognitiven Problemen, nicht bei Fatigue) sollten nur in Betracht gezogen werden, wenn alle anderen Möglichkeiten wie Physio-, Ergo- und Psychotherapie ausgeschöpft sind.

Krankheitsakzeptanz und proaktive Maßnahmen

Eine gewisse Krankheitsakzeptanz zu entwickeln sei gut, gleichzeitig dürfen die Symptome aber nicht einfach hingenommen werden, erklärt Frommhold. Vielmehr sollten Betroffene aktiv nach Hilfe suchen und eine geeignete Behandlung beginnen. Obwohl es noch keine zugelassenen Arzneimittel speziell für Long-Covid gibt, ist in den meisten Fällen eine Linderung der Beschwerden möglich.

Die pharmakologische Behandlung sollte schrittweise erfolgen und eine Multimedikation nach Möglichkeit vermieden werden. Grundsätzlich sind Medikamente aber immer nur als Teil eines Gesamtkonzepts zu betrachten, betont die Long-Covid-Expertin.

Weiterhin ermutigt sie Betroffene, selbstständig Übungen durchzuführen. Für das Selbstmanagement von Long-Covid-Patienten mit Fatigue gibt es auch Apps wie Fimo Health. Obwohl diese nicht im DiGA-Verzeichnis aufgeführt ist, übernehmen wohl einige Krankenkassen die Kosten. Bei kognitiven Einschränkungen können Gedächtnistraining-Apps hilfreich sein, beispielsweise NeuroNation (in eingeschränkter Version kostenfrei).

Autor:
Stand:
27.11.2023
Quelle:
  1. Institut LongCovid.
  2. Scheele Gesellschaft, Scheele-Tagung 2023.
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